Es gehört zu den Vorzügen des Fußballs, dass er die Dinge auf ihren Kern reduziert. Dass er unterscheidet in Gewinner und Verlierer. Was-wäre-wenn-Fragen haben da eigentlich keinen Platz. Dabei sind diese Fragen manchmal wichtig. Weil jemand, der sie stellt, nicht akzeptiert, dass die Dinge so bleiben müssen, wie sie sind.

Was wäre, wenn der Fußballtrainer Jens Härtel im Sauerland geboren wäre wie sein Kollege Roger Schmidt – oder in Geislingen wie Markus Gisdol? Und nicht in Rochlitz in Sachsen? Wäre Jens Härtel dann auch Bundesligatrainer?

Im März 2011 schloss Härtel als einer von 25 Männern und Frauen seine Ausbildung zum Fußballlehrer erfolgreich ab. Das ist die höchste Trainerlizenz in Deutschland. Wer diese Prüfung bestanden hat, kann ein großer Trainer werden. Ein Gewinner. Einige der Männer aus Härtels Jahrgang haben Namen, die mittlerweile viele kennen: Roger Schmidt, Trainer von Bayer Leverkusen. Oder Markus Weinzierl, Augsburg. Gisdol trainierte zweieinhalb Jahre lang die TSG Hoffenheim, Thomas Schneider arbeitet als Co-Trainer der Nationalmannschaft. Auch Tayfun Korkut, Ex-Trainer von Hannover 96, war in Härtels Jahrgang. All diese Männer sind jung und stehen für modernen, aufregenden, schnellen Fußball. Härtels Jahrgang gilt als eine Art Keimzelle einer deutschen Fußballrevolution. Nur ihn, Jens Härtel, verbindet damit niemand.

Der Weg von Härtel verlief anders als der seiner berühmten Mitschüler, denn er trug die Revolution in die Regionalliga. Als Roger Schmidt im Sommer 2014 seinen Job bei Bayer Leverkusen antrat und Thomas Schneider gerade Co-Trainer von Joachim Löw geworden war – da erreichte auch Härtel den Höhepunkt seiner bisherigen Karriere: Er übernahm den 1. FC Magdeburg.

Härtel sitzt auf dem Podium im Presseraum der Magdeburger Arena, eines Fußballstadions aus Wellblech, Beton und weißem Putz. Vor ihm ein halbes Dutzend Reporter, zwei Kamerateams und eine Flasche Bier vom Sponsor Wernesgrüner. Härtel – gebräuntes Gesicht, kurze dunkle Haare, breite Schultern – spricht über das kommende Auswärtsspiel in Kiel. Er sagt "ooch" statt "auch", er sächselt leise. Die Reporter duzen ihn, Härtel siezt zurück.

Im vergangenen Sommer führte Härtel den 1. FC Magdeburg in seiner ersten Saison als Trainer in die Dritte Liga. Nach 25 Jahren war der Traditionsclub, der einzige Europapokalsieger der DDR, wieder zurück im Profifußball. In der laufenden Saison haben sich die Magdeburger in der Spitzengruppe der Dritten Liga festgesetzt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 10.12.2015.

Bevor er nach Magdeburg kam, hatte Härtel für ein Jahr die A-Jugend von RB Leipzig trainiert – und kein Spiel verloren. Ralf Rangnick hat ihn zu Red Bull geholt, nachdem Härtel im Sommer 2012 als Trainer des Regionalligisten Berliner AK die TSG Hoffenheim im DFB-Pokal mit 4:0 besiegt hatte. Überall, wo er antrat, hatte er Erfolg. Und dennoch fällt sein Name nie, wenn darüber diskutiert wird, wer nächster Trainer in Stuttgart werden könnte oder wer in der Lage wäre, Werder Bremen aus dem Tabellenkeller zu führen. Ostdeutschland spielt im Spitzenfußball nahezu keine Rolle. In den oberen drei Fußballligen gibt es 56 Mannschaften. Nur fünf von ihnen haben einen ostdeutschen Cheftrainer. Einer von ihnen ist Jens Härtel.

Der 46-Jährige war immer nur im Osten aktiv, auch als Spieler, er lief für Sachsen Leipzig und für den FSV Zwickau auf, für Union Berlin und für Babelsberg. Wie weit kann es ein ostdeutscher Trainer im deutschen Fußball bringen? Gibt es für ihn, 25 Jahre nach der Wiedervereinigung, noch unsichtbare Grenzen?

"Ich freue mich für jeden von denen", sagt Jens Härtel nach der Pressekonferenz über seine Kollegen aus dem Lehrgang. Er sitzt nun an einem Holztisch, zwischen Thermoskannen und Stehtischen. "Ich neide das überhaupt nicht", sagt er. Aber natürlich frage er sich manchmal schon, warum der eine die Chance bekommen habe. Und er selber nicht.

Nach seiner aktiven Karriere als Spieler hatte Härtel eine Lehre in einem Autohaus begonnen. "Es war ja nicht davon auszugehen, dass ich als Trainer so viel Geld verdiene, dass ich davon leben kann", sagt er. Später arbeitete er im selben Autohaus als Disponent. Nach Feierabend trainierte er Germania Schöneiche, einen Fünftligisten aus Brandenburg. In seiner ersten Saison stieg der Club prompt auf. Wenn Härtel morgens aus dem Haus ging, schliefen seine Söhne noch, wenn er nach dem Training nach Hause kam, waren sie schon im Bett. Als der Klassenerhalt feststand, stellte er seine Familie über die Leidenschaft und hörte auf. Er ging nur noch zur Arbeit ins Autohaus und trainierte nebenher seine Söhne.

Man hat sich so sehr gewöhnt an Fußballtrainer, die Maßanzüge tragen und Kosmetika bewerben, an Selbstdarsteller, deren Ego größer scheint als ihre Fähigkeiten, da wirkt ein bodenständiger Mann wie Härtel in dieser Welt etwas sonderbar. Härtel weiß das. Er habe die Hälfte seines Lebens in der DDR gelebt, natürlich sei er anders sozialisiert als seine westdeutschen Kollegen, sagt er. "Und wenn man einen Job in der Bundesliga haben will", sagt er, "ist Bescheidenheit wahrscheinlich das Falsche."

Wer Härtel zuhört, bekommt leicht das Gefühl, dass da einer versucht, die Erwartungen zu bremsen. Die der anderen und die eigenen. Denn natürlich ist auch Jens Härtel selbstbewusst, man muss nicht laut sein, um Ehrgeiz zu entwickeln. Seine Trainerkarriere hätte ja im Autohaus enden können, aber Härtel blieb dort nicht. Als sich nach einigen Monaten die Chance ergab, beim SV Babelsberg als Co-Trainer einzusteigen, schmiss er seinen Job und griff zu. Er absolvierte den Trainerlehrgang und nahm 2011 beim Berliner AK seine erste bezahlte Stelle als Cheftrainer an.

Jens Härtel hat sich selbst hineingearbeitet in den Profifußball. Er hat keinen Berater, der ihn in Stellung bringt, er hat keinen Mentor, der ihn protegiert. Jens Härtel hat nur Jens Härtel. "Machen wir uns nichts vor", sagt er, "als ostdeutscher Trainer wird dir keiner eine Stelle anbieten, da musst du schon selbst hochkommen."