Über das Unbekannte lässt sich wunderbar mutmaßen. Zum Beispiel über die sogenannte Willkommenskultur. Seit Angela Merkel im Spätsommer signalisierte, dass sich Deutschland gegenüber den Flüchtlingen aus dem Nahen Osten nicht abschotten würde, ist das Engagement für Flüchtlinge mal verteufelt, mal belächelt, mal moralisch überhöht worden.

Nur: Wie es um das Engagement der Menschen vor Ort tatsächlich bestellt ist, welche Erfahrungen die Flüchtlingshelfer machen, welche Probleme und Mängel sie erleben und was sie dazu bringt, dennoch einen großen Teil ihrer Freizeit zu investieren, darüber gab es bisher höchstens Einzelfallmeldungen. Was fehlte, war ein bundesdeutsches Stimmungsbild.

Umfrage: Engagement in der Flüchtlingshilfe

Wie erleben Sie Ihr Engagement in der Flüchtlingshilfe grundsätzlich?

Deshalb baten die ZEIT und ZEIT ONLINE ihre Leser in den vergangenen Wochen, an einer Umfrage zur Situation der Flüchtlingshelfer, der Flüchtlinge selbst und zu den Zuständen in den Unterkünften teilzunehmen. Die Resonanz war enorm: Knapp 3.500 ehrenamtliche Flüchtlingshelfer haben sich innerhalb von zwei Wochen an der Onlineumfrage beteiligt. Das sogenannte Crowdsourcing ist zwar keine repräsentative Methode, dennoch liefert die große Zahl der Antworten einen aufschlussreichen Einblick in das Leben der Flüchtlinge und die Arbeit der Helfer. Vor allem zeigt sich: Die deutsche Willkommenskultur wirkt vielleicht nicht mehr so laut und euphorisch wie noch im Frühherbst, als Züge voller Flüchtlinge mit Jubel und Blumen begrüßt wurden, aber die Helfer sind nach wie vor optimistisch – und sie sind verlässlich.

Umfrage: Veränderung beim Engagement

Werden Sie in kommender Zeit Ihr Engagement ändern?

Der Anteil derjenigen, die ihr Engagement künftig reduzieren oder gar ganz einstellen wollen, liegt nur bei rund 14 Prozent. Fast drei Viertel der Befragten gaben an, sich weiterhin im gleichen zeitlichen Umfang wie bislang engagieren zu wollen. Und das, obwohl die Flüchtlingshelfer nicht nur Positives zu berichten wissen.

Umfrage: Konflikte

Erleben Sie bei Ihrem Engagement Konflikte, und wenn ja, welcher Art? (Eine Mehrfachnennung war möglich)

Der Frust über Bürokratie und Behörden, über die Politik und auch über Spannungen unter den Helfern selbst zieht sich durch die Antworten. Eine Studentin aus Hamburg berichtet, wie eine syrische Familie, für die sie eine Patenschaft übernommen hatte, nach Chemnitz weitergeschickt wurde und das monatelange Engagement somit hinfällig sei. Überhaupt kritisieren viele Flüchtlingshelfer, dass die Behörden vielerorts keine große Hilfe seien: "Die größte Belastung sind die bürokratischen Prozesse, Umfang und Komplexität der Formulare", schreibt etwa eine Helferin aus dem Stuttgarter Umland. "Der Übersetzungsbedarf ist enorm, selbst bei Leuten, die die Formulare selbst ausfüllen könnten, wenn sie sie verstehen würden." 

Eine Helferin aus dem Landkreis Anhalt-Bitterfeld berichtet von Banken, die nicht bereit sind, Konten für Flüchtlinge ohne Originalreisepass aus dem Herkunftsland zu eröffnen. Selbst dann nicht, wenn die Flüchtlinge bereits deutsche Dokumente erhalten haben. "Wir müssen mit den Geflüchteten somit nach Halle und Dessau zur Konteneröffnung fahren", schreibt die Frau. "Was für eine Verschwendung von Fördermitteln!"

Aber auch die Organisation der Ehrenamtlichen selbst wird nicht romantisiert: Die Auskünfte der Crowdsourcing-Teilnehmer zeigen, dass die Flüchtlinge besser in das Engagement eingebunden werden sollten und auch wollten – und dass die Vollbetreuung durch überengagierte Helfer mancherorts zu einer Art Vollpension-Mentalität geführt habe.

Umfrage: Was fehlt in den Unterkünften

In der Unterkunft fehlt es vor allem an ... (Eine Mehrfachnennung war möglich)

Fast ein Drittel beklagt außerdem, dass es an sinnvoller Koordination des Engagements mangele. Knapp 14 Prozent berichten von Konflikten unter den Helfern, jeder Fünfte erklärt, es fehle an aktiven Unterstützern. Rund 36 Prozent der Befragten erlebten Streitereien zwischen den Flüchtlingen, die mehrheitlich auf die räumliche Enge und fehlende Betätigung zurückzuführen seien. Es mangele vor allem an Rückzugsräumen (fast 60 Prozent der Antworten) und an WLAN, um mit der zurückgelassenen Verwandtschaft zu kommunizieren (fast 40 Prozent der Antworten). Immerhin 129 der 3500 Teilnehmer gaben an, dass es zu sexuellen Übergriffen seitens der Flüchtlinge gekommen sei.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 10.12.2015.

Umfrage: Das Engagement und die Attentate in Paris

Haben die Anschläge von Paris Ihre Bereitschaft, sich zu engagieren, beeinflusst?

Hat der Terror von Paris die Hilfsbereitschaft der Deutschen negativ beeinflusst? Unsere Umfrage zeigt: nein, im Gegenteil. Die überwiegende Mehrheit (über 70 Prozent) gibt sich von den Anschlägen unbeeindruckt. Nur 1,2 Prozent der Teilnehmer erklärten, deswegen ihr Engagement verringern zu wollen. Fast jeder vierte der Helfer will die Flüchtlinge dagegen jetzt noch stärker unterstützen.

Die Gründe für dieses ungebrochene Engagement sind vielfältig. Häufig genannt wurde die große Dankbarkeit der Flüchtlinge und die Freude der Kinder, die nach Jahren des Kriegs und Monaten der Flucht endlich wieder zur Ruhe kommen. Viele Helfer verstehen ihr Tun als moralische Pflicht angesichts einer drohenden humanitären Katastrophe, als Ausdruck ihres christlichen Glaubens oder als ein Zeichen der Demut angesichts des eigenen Wohlstands.

"Ich bin weder Gutmensch noch Vorzeige-Helfer", schreibt etwa ein Teilnehmer der Umfrage aus dem Landkreis Ravensburg. "Vielmehr tue ich es aus Dankbarkeit, dass wir hier im Wohlstand leben und ich drei gesunde Kinder habe, und weil ich abends Zeit habe." Und manche motiviert die blanke Notwendigkeit ihrer Arbeit: "Wenn wir Studenten nicht da wären", schreibt eine junge Frau aus Sachsen, "wäre Dresden aufgeschmissen."

Umfrage: Wer teilgenommen hat

Alter und Geschlecht der Befragten

Datenauswertung: Ellena Nachbar