DIE ZEIT: Herr Knaus, die Türkei soll Europa die Flüchtlinge vom Hals halten, dafür bekommt sie Geld, Visafreiheit, und wir nehmen ihr ein gewisses Kontingent von Flüchtlingen ab – war das nicht genau Ihr Plan?

Gerald Knaus: Ja, das haben wir vor drei Monaten vorgeschlagen. Aber so, wie jetzt in Brüssel verhandelt wird, wird es scheitern. Der ESI-Plan basiert darauf, dass die Türkei alle Flüchtlinge, die auf den griechischen Inseln landen, zurücknimmt, und zwar ab sofort. Das kann sie nur, wenn sie von Griechenland als sicherer Drittstaat betrachtet wird und wenn sich beide Länder logistisch darauf vorbereiten. Beides geschieht derzeit nicht.

ZEIT: Warum nicht?

Knaus: Der tiefere Grund ist, dass Türken und Europäer sich gleichzeitig brauchen und misstrauen. Jede Seite wartet ab, ob die andere es ernst meint. In den europäischen Zeitungen werden die Verhandlungen dargestellt als schmutziger Deal mit einem Erpresser. Auf türkischer Seite wird das mit Verbitterung wahrgenommen, denn schließlich hat die Türkei mehr Flüchtlinge aufgenommen als jedes andere Land.

ZEIT: Ihr Plan beruht auf einer Koalition der Willigen, die der Türkei Flüchtlinge abnimmt. Aber diese Koalition gibt es doch gar nicht. Deutschland ist allein. Wie soll Merkel ihre Partei und die Bürger überzeugen?

Knaus: Wenn Deutschland ein Konzept vorlegt, das bald zu einer Senkung der Flüchtlingszahlen führt, werden sich andere anschließen. Nur darf man nicht auf europäische Lösungen hoffen, die es nicht geben wird. Die Umsiedlung von Kontingentflüchtlingen kann man auch nicht an das UN-Flüchtlingshilfswerk abtreten, wie das jetzt geplant ist, denn das würde viel zu lange dauern. Dann wird auch die Türkei sich nicht beeilen. Man muss nur nach Frankreich schauen, auf den Erfolg von Marine Le Pen, um zu sehen, dass wir nicht viel Zeit haben. Es muss jetzt alles klappen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 10.12.2015.

ZEIT: Wie kann man ein Scheitern vermeiden?

Knaus: Es müssen drei Dinge passieren: Die Türkei nimmt tatsächlich jeden, der es auf die griechischen Inseln schafft, zurück, und die Griechen behandeln die Türkei als sicheren Drittstaat. Die Flüchtlinge können sich – mit finanzieller Hilfe aus Europa – in der Türkei ein neues Leben aufbauen und dürfen dort arbeiten. Und schließlich: Wir nehmen der Türkei einen Teil der Flüchtlinge ab. All das beginnt sofort, parallel, schon Anfang nächsten Jahres.

ZEIT: Wie kann man ein Land zu einem sicheren Drittstaat erklären, dessen Rechtssystem so unzuverlässig ist wie das der Türkei?

Knaus: Wenn man Länder wie Australien, das seine Flüchtlinge alle deportiert, oder Ungarn zum Vergleich heranzieht, schneidet die Türkei schon heute gut ab. Sie erfüllt das wichtigste Kriterium der Genfer Flüchtlingskonvention: die Flüchtlinge nicht zurückzuschicken in die Gefahr. Und die EU kann mehr dafür tun, dass Flüchtlinge in der Türkei besser behandelt werden. Sie darf sich nicht damit begnügen, der Türkei Haltungsnoten zu geben. Es steht immerhin das internationale Asylrecht an sich auf dem Spiel. Es gibt in der EU eine ganze Reihe zynischer Politiker, die nicht unglücklich darüber wären, wenn die Politik des freundlichen Gesichts von Deutschland scheitert. Viktor Orbán spricht seit Monaten von der Scheinheiligkeit des Schutzversprechens – man habe ein großzügiges Asylrecht, tue aber gleichzeitig alles dafür, dass es niemand in Anspruch nehmen kann.

ZEIT: Da hat er doch recht!

Knaus: Sicher. Das ist de facto auch die Politik der meisten anderen Industriestaaten der Welt. Drei Länder, Deutschland, Schweden und Österreich, bearbeiten derzeit die Mehrzahl aller Asylanträge in der Welt. Wenn diese jetzt der Orbán-Linie folgen, dann ist die Flüchtlingskonvention tot. Ohne dass damit irgendein praktisches Problem gelöst ist. Wenn wir dann anfangen, Flüchtlinge als Invasionsarmee zu betrachten, werden wir irgendwann auf sie schießen müssen. Mit dem ersten Schuss auf Flüchtlinge aber treffen wir ins Herz der Europäischen Union.