Es war ein schleichender Prozess von den ersten Zeichen bis zu der Erkenntnis: "Sven, mit deiner Herde stimmt was nicht." Sven Krey, 34 Jahre alt, rosiges rundes Gesicht, sitzt in seiner Küche, neben der Eckbank steht ein Kinderstuhl, an der Wand hängen Fotos von seiner Hochzeit. Durch das Fenster fällt mildes Sonnenlicht, doch Krey fröstelt. Ihn überläuft Gänsehaut, wenn er sich erinnert, wie das Grauen auf seinen Hof kam.

Der Kreysche Bauernhof: Backstein, Reetdach, gleich hinterm Elbdeich gelegen, nicht weit von der Nordsee. Ein idyllischer Ort, an dem das Wort Grauen wie ein Fremdwort klingt. Die Auffahrt halten die Kreys so sauber, dass die beiden Kinder in Hausschuhen zum Kuhstall laufen können. Diesen Weg gingen in den vergangenen fünf Jahren auch Tierärzte, Landwirtschafts- und Rinderspezialberater. Erst, erzählt Krey, sackte die Milchleistung seiner 150 Kühe ab. Dann fielen die Tiere vom Fleisch, verloren 30, 40 Kilo. Durchfall, handtellergroße Geschwüre an den Eutern, lahme Beine.

2014, der Tiefpunkt. Sechs Notschlachtungen. Der Rest der Herde dermaßen angeschlagen, dass Krey Listen führen muss, um nicht den Überblick über das Leid zu verlieren. Fast wird ihm eine tote Kuh lieber als eine lebende, denn die lebende kostet. Futter, Tierarzt, Nerven.

Kein Landwirt redet gerne über Tod und Siechtum in seinem Stall. Zu der Sorge um die Tiere kommt die Scham: "Du glaubst, du hast als Bauer versagt", sagt Sven Krey.

Krey hat lange überlegt, ob er seine Geschichte öffentlich machen soll. Er wolle, sagt er, sich "alles mal von der Seele reden". Die tiefe Verzweiflung. Aber auch die große Erleichterung, als ihm jemand, endlich, eine mögliche Ursache für das Grauen nennt.

Vor etwas mehr als einem Jahr fährt der Tierarzt Achim Gerlach aus der schleswig-holsteinischen Gemeinde Burg zum ersten Mal auf den Hof der Kreys. Gerlach diagnostiziert bei den Kühen Anzeichen einer chronischen Vergiftung: absterbendes Gewebe an Zitzen, Schwänzen, Ohren. Magen- und Klauenprobleme.

Es sind Symptome, auf die der Tierarzt in jüngster Zeit häufig stößt. Irgendeine Substanz in ihrem Futter scheint die Tiere krank zu machen.

Gerlach lässt den Urin der Kühe testen. In allen Proben finden sich hohe Rückstände eines bestimmten Stoffes: Glyphosat.

Es gibt viele Begriffe, um die Gegenwart zu charakterisieren. Wir wähnen uns im Zeitalter der Digitalisierung, auch im Zeitalter von Terror und Flucht. Weitgehend unbemerkt aber brach schon vor Jahrzehnten eine weitere Ära auf der Erde an. Die Ära des Glyphosats.

Glyphosat ist das erfolgreichste und meistverkaufte Pestizid der Welt. Vom amerikanischen Agrarkonzern Monsanto 1974 in den Vereinigten Staaten unter dem Namen Roundup auf den Markt gebracht, ist es heute rund um den Globus im Einsatz. Das Pestizid hat sich zu einem der wichtigsten Treibstoffe der konventionellen Landwirtschaft entwickelt. Amerikanische Maisfarmer, indische Baumwollbauern, argentinische Sojabarone und deutsche Getreidelandwirte, sie alle sprühen Glyphosat auf ihre Felder. Denn dieser Wirkstoff tötet die Vogelmiere und das Rispengras, den Weißen Gänsefuß und die Acker-Kratzdistel. Es tötet praktisch jede Art von Unkraut, überall auf der Welt.

Und womöglich nicht nur das Unkraut.

Seit Langem schon gibt es Gerüchte, Hinweise, mehr oder weniger ernst zu nehmende Verdachtsmomente, dass Glyphosat nicht nur Pflanzen vernichtet, sondern auch Tieren und Menschen schadet. Anhaltspunkte wie die kranken Kühe auf Sven Kreys Bauernhof. Streitpunkte in einem ideologischen Kampf, der sich an diesem Pestizid entzündet hat.

Glyphosat tötet, es muss sofort verboten werden! Das sagen Umweltschützer.

Glyphosat rettet Leben, es erhöht die landwirtschaftlichen Erträge und sichert die Welternährung! Das antworten Agrarfunktionäre und Industrieverbände.