Ist Ihnen das heute früh auf der U-Bahn-Rolltreppe auch passiert? Sie standen da und fuhren nach oben, in der linken Hand das Smartphone, die Mails checkend, die rechte Hand auf diesem hartgummiartigen Handlauf – und auf einmal merkten Sie, dass Sie nicht nur nach oben fuhren, sondern dass etwas Sie zugleich nach vorne zog. Hin zu der eine Stufe höher stehenden Frau. Und das lag nicht etwa an deren intensivem Parfum. Sondern daran, dass, wie Sie verblüfft feststellten, der Rolltreppenhandlauf schneller nach oben fuhr als der Rest der Treppe! In letzter Sekunde, bevor Sie von hinten auf die Ahnungslose stürzten, gelang es Ihnen, den Handlauf loszulassen und sich armrudernd aufzurichten.

Dass Sie sich dabei aus Gleichgewichtsgründen doch kurz an der Frau vor Ihnen festhalten mussten, dass diese das komplett missverstand, dass auch die Polizei Ihnen nicht glaubte: geschenkt.

Denn viel wichtiger ist doch: Leiden Sie an Schwindel oder Halluzinationen – oder ist bei den Rolltreppen in den U-Bahnhöfen der Handlauf wirklich schneller unterwegs als die Stufen?

Wir können Sie beruhigen: Der Handlauf ist meistens tatsächlich schneller. "Es ist technisch nicht machbar, Handlauf und Stufen dauerhaft mit absolut identischer Geschwindigkeit laufen zu lassen", sagt Hochbahn-Sprecherin Christina Becker. Der Handlauf nämlich läuft wie ein großer Keilriemen im Kreis, angetrieben von Rollen und einem Keilrad. Und da das Gummi des Handlaufs elastisch ist, gibt es dabei einen sogenannten Schlupf, einen leichten Geschwindigkeitsspielraum. Der hängt davon ab, wie fest das Gummi gespannt ist, wie warm oder kalt, wie trocken oder feucht es draußen ist. Ein Schlupf ist, so Christina Becker, "nie ganz kalkulierbar".

Der Gesetzgeber weiß das. Die europäische Norm EN 115 legt fest, dass der Handlauf, wenn schon, schneller sein muss als die Treppe, bloß nicht langsamer: Einen Sturz nach vorn hält der Gesetzgeber für im Zweifel weniger gefährlich. Deshalb muss man als Handlaufbenutzer an den meisten längeren Rolltreppen ab und zu "umgreifen".

Bisher wurde nicht erforscht, wie groß der Prozentsatz der Rolltreppenfahrer ist, die das intuitiv tun. Und wie hoch derer, die sich nicht trauen, zumal es nirgends Schilder mit der Aufschrift "Bitte umgreifen!" gibt. Die also den Halt verlieren und sich beidhändig an den Handlauf klammern wie Mr. Bean, die stürzen, Ärger bekommen oder beides.

Eins steht aber fest: Statistisch ist es am besten, sich gar nicht erst festzuhalten. Handläufe öffentlicher Rolltreppen gehören zu den größten Übertragungsorten für ansteckende Krankheiten. Wir wären also alle viel gesünder, würden die gefährlichen Dinger so schnell dahinjagen, dass sich niemand mehr traute, sie anzufassen.