Was meinen Sie, Herr Kollege?

Die Protagonisten dieses Gesprächs bleiben anonym. Es handelt sich um einen niedergelassenen Kardiologen aus Hamburg, einen Herzchirurgen aus Schleswig-Holstein und einen Hausarzt aus Hessen.

Ein Konferenzraum in einem Hotel in Hamburg. Drei Ärzte sind zu einem ungewöhnlichen Gespräch gekommen: ein Kardiologe, ein Herzchirurg und ein Hausarzt. Ihre Identität wird unerkannt bleiben, das ist die Vereinbarung. Offen wie selten werden sie in den nächsten Stunden über den Nutzen und die Risiken von Herzkatheter-Eingriffen diskutieren. Sie haben Patientenakten mitgebracht. Die Lachs- und Camembert-Brötchen auf dem Tisch werden die meiste Zeit über unangerührt bleiben. Im Raum steht ein Verdacht: Werden Patienten in deutschen Kliniken und Herzpraxen Untersuchungen unterzogen, die gar nicht nötig sind? Anlass für dieses Gespräch ist eine Statistik: Sie zeigt, dass in Deutschland im Schnitt dreimal häufiger Herzkatheter zum Einsatz kommen als in anderen Ländern. 885.000-mal nahmen Ärzte diese Untersuchung im vergangenen Jahr vor, in 343.000 Fällen setzten sie dabei einen Stent, eine Gefäßstütze, um verengte Herzkranzarterien zu weiten.

ZEIT Doctor: Haben die Deutschen kränkere Herzen als die Menschen in anderen Ländern, oder wie ist es zu erklären, dass hierzulande derart viele Arterien aufgedehnt und gestützt werden?

Kardiologe: Diese hohe Zahl an Eingriffen kann nicht nur sachliche Gründe haben, da müssen wir selbstkritischer werden. Eine dichte Versorgung mit Herzkatheter-Untersuchungen ist an sich ja ein Segen, sie ist besonders ein Segen für den Notfall. Damit rettet man Leben, keine Frage. Doch so viele akute Fälle gibt es gar nicht, wie es Katheterplätze gibt. In den gültigen ärztlichen Leitlinien steht ziemlich eindeutig, wann man das machen soll und wann nicht. Die Leitlinien sind richtig, sie sind sogar relativ strikt, aber die Ärzteschaft hält sich wenig an die Leitlinien.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

ZEIT Doctor: Wann sollte denn kathetert werden, außer bei einem akuten Herzinfarkt oder Koronarsyndrom?

Hausarzt: Bei Patienten, die trotz einer medikamentösen Therapie weiterhin stärkere Angina-Pectoris-Beschwerden haben, also dieses typische Druckgefühl im Brustkorb, das beim Treppensteigen auftritt und dann wieder weggeht, wenn man stehen bleibt. Der Graubereich beginnt bei Menschen, die zwar eine koronare Herzerkrankung haben, aber nicht unter Beschwerden leiden. Manche Ärzte schauen da einfach mal nach dem Rechten, was unangemessen ist, denn die Untersuchung hat wie jeder Eingriff auch ein kleines Risiko, Blutungen sind möglich.

ZEIT Doctor: Kennen Sie solche Beispiele aus Ihrer Praxis?

Hausarzt: Ja, das passiert häufiger. Zuletzt bei einer 52-jährigen Patientin von mir. Sie hatte einen akuten Hinterwandinfarkt und zunächst jeden Grund, sofort einen Stent gesetzt zu kriegen. Da ist auch alles gut gelaufen. Sie war schnell in der Klinik, ist sehr schnell behandelt worden, Gott sei Dank. Aber wenn Sie nun hier in den Arztbericht schauen (er blättert in einer Akte), dann fällt da dieser Vermerk auf, ganz am Ende: "Wir haben für die Patientin einen stationären Aufnahmetermin zur Kontrollkoronarangiografie vereinbart." Es wurde also automatisch ein Termin für eine erneute Untersuchung mit dem Herzkatheter vereinbart. Ich sage mal aus Erfahrung, das ist die Regel, nicht die Ausnahme. Wenn ich die deutsche Leitlinie nehme, ist das hier ein absolutes No-Go! Es gibt keinen Grund, beschwerdefreie Patienten erneut zu kathetern – Punkt!

Dieser Artikel gehört zu ZEIT Doctor aus der ZEIT Nr. 50 vom 10.12.2015.

Herzchirurg: Ich sehe es so: Es gibt keine Sache, die so kompliziert ist, dass sie unbedingt nachkathetert werden muss, es sei denn, das Ergebnis des ersten Eingriffs ist schlecht, da muss man eventuell noch einmal ran. Aber das war ja bei Ihrer Patientin nicht der Fall. Und zwei Monate nach dem ersten Katheter muss man da erst recht nichts machen. Wenn es – und das ist ja immer die Sorge – zu einer Wiederverengung käme, dann würde das typischerweise nach drei bis sechs Monaten passieren. So einen Eingriff zu wiederholen wäre, wenn überhaupt, erst nach einem halben Jahr sinnvoll.

ZEIT Doctor: Der Patient sollte es also hinterfragen, wenn er schon nach zwei Monaten wieder einbestellt wird?

Herzchirurg: Ja, genau. Nur eine Nuance möchte ich noch hinzufügen, denn es gibt bei so einer komplexen Intervention auch Ausnahmen. Wenn zum Beispiel an dem sogenannten Hauptstamm etwas passieren würde, der kritischsten Stelle der Herzkranzgefäße, wo das halbe Herz dranhängt, dann wäre das für den Patienten ein Desaster. Nach einem so großen Eingriff mit mehreren Stents in dieser Region würden wir nach sechs Monaten schon noch einmal nachgucken. Aber das sind vielleicht fünf bis zehn Prozent der Fälle.

Kardiologe: Das wesentliche Problem sind die routinemäßigen Wiedereinbestellungen, gleich mit Terminvergabe, wie in diesem Arztbrief. Das ist in der Regel nicht sinnvoll. Und es wirkt auch verdächtig mit diesen fixen Terminen. Das riecht nach System.