Der Frühstücksraum des Stadthotels Jaime III in Palma de Mallorca ist ein Hindernisparcours voller verkeilter Sessel. Jeder Gang zum Büfett droht mit blauen Flecken zu enden. Aber sonst gibt’s nichts zu meckern. Der Serranoschinken ist zart und würzig, die Früchte leuchten wie Juwelen, sogar Cava steht bereit. Dass es im Jaime III dennoch nicht allen geschmeckt hat, erfährt, wer nebenbei sein Smartphone befragt. "Unterirdisch", lautet das Urteil eines Münchners auf dem Bewertungsportal Tripadvisor. "Ekelhaft", schreibt ein Schwede. "Weit von Klasse", motzt ein Russe laut Übersetzungscomputer auf der weltgrößten Reiseseite im Internet. Wohlwollender zeigt sich das Konkurrenzportal Holidaycheck. Doch auch dort findet man Kommentare wie jenen aus der Schweiz: "Das ist wirklich Jugendherbergsniveau."

Wer früher ein Hotel suchte, vertraute seinem Reisebüro oder kaufte einen Führer. Man zahlte Geld für die persönliche Empfehlung eines bezahlten Experten. Heute hat sich dieses Feld gehörig demokratisiert: Hunderttausende Laien geben auf Portalen wie Tripadvisor oder Holidaycheck Wertungen ab, viel aktueller und detailreicher, als man sie in einem Buch fände. Reisebüros verweisen inzwischen selbst auf Weiterempfehlungsraten aus dem Netz.

Die meisten Freizeitbewerter posten nur ein-, zweimal im Jahr – wenn sie nach dem Urlaub etwas mitzuteilen haben. Aber es gibt auch "Power-User" auf den Plattformen. 22 solcher Vielbewerter treffen sich an diesem Novemberwochenende auf Mallorca zum Get-together. Sie sind für die Schweizer Seite Holidaycheck aktiv, die dank zehn Millionen Kommentaren zu 500.000 Hotels als größtes Portal im deutschsprachigen Raum gilt. Falls die Schwarmintelligenz ein Gesicht hat, dann trägt es deren Züge.

Adrian hat gerade im Jaime III eingecheckt und wartet nun auf den Aufzug. Dies sei sein erstes Boutiquehotel, sagt er in butterweich rollendem Fränkisch. Mit seiner lackschwarz gefärbten Haartolle, dem Menjou-Bärtchen und seinen gasflammenblauen Augen ginge der Endvierziger auch als Juror einer Casting-Show durch. Mehr als 70 Hotels hat er bereits beurteilt, meist Unterkünfte von Pauschalreisen. "Ich bin schon immer viel unterwegs gewesen. Aber seit meinem Einstieg bei Holidaycheck vor acht Jahren reise ich vor allem, um Orten auf den Zahn zu fühlen". 42-mal war er schon in der Türkei. Man will das gerade bestaunen, da betritt er den Aufzug und zählt weiter auf: 52-mal Italien, 36-mal England, 35-mal Tunesien, 63-mal Österreich, 30-mal Tschechien, 8-mal Domrep … Als es im neunten Stock bimmelt, hat er 22 Länder durch. Auch die Zahl seiner bereits absolvierten Flüge kennt er: 298.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 10.12.2015.

All diese Orte beschreibt er nicht nur, er fotografiert sie auch. Im Frühjahr hat er einen Preis bekommen für die meisten eingestellten Fotos aller 1,9 Millionen Nutzer: Insgesamt sind es mehr als 45.000. Top-Holidaychecker darf er sich seitdem nennen.

Wie seine Kollegen, die sich hier zum Austausch treffen, hat Adrian Anreise und Unterbringung selbst organisiert – und wird während des Aufenthalts bewerten, was sich dafür anbietet. Das Management von Holidaycheck spendiert den freiwilligen Zulieferern lediglich eine Bustour mit Besichtigungsprogramm.

Auf dem Weg zum Zimmer klacken Lichtschranken, und Fotokunst leuchtet im Dunkel der Gänge auf wie in einer Geisterbahn. Adrian findet das "geil". Dann fällt die Tür ins Schloss. Jeder andere wäre jetzt froh, nach langer Reise die Füße hochlegen zu können. Adrian nicht. Er setzt sich aufs Bett und startet sein Programm. Wieder und wieder federt er auf der Matratze auf und ab und schaut dabei mit Klavierstimmergesicht ins Ungefähre. Ist sie weich, hart, mittel? Quietscht sie? Was wäre, schliefe man nicht allein? Dann geht es weiter. Er prüft, was auf dem Schreibtisch ausliegt. Registriert, ob die Kleiderbügel auch für Hosen taugen. Mustert die Toilette und zählt am Schluss die Gratis-Hygieneartikel. Es wirkt wie eine Inventur.

Was Adrian antreibt, lässt sein Profilname "Snakeplissken" erahnen: So heißt der gegen finstere Mächte kämpfende Held seines Lieblings-Actionfilms Die Klapperschlange. Robin Hood hätte auch gepasst. Denn Adrian möchte der Reiseindustrie auf die Finger hauen können. "Früher ging man den Tourismuskonzernen doch ständig auf den Leim", erzählt er auf der Hotelterrasse. "Aber Leute wie wir bringen Transparenz. Mit Kataloggerede, in dem eine verkehrsgünstige Lage bedeutet, dass dir Flugzeuge über den Kopf donnern, kann man jetzt kaum noch einen reinlegen." Adrian lehnt sich zurück und klopft die nächste Zigarette aus der Schachtel. Er genießt es, zu den Guten zu gehören.