Eine Stadtvilla in Hamburg-Harvestehude. In Iris von Arnims Arbeitszimmer stehen Stellwände mit Entwürfen der neuen Kollektion, an den Wänden hängen gerahmte Fotos. Gerade hat die Designerin ihren 70. Geburtstag gefeiert. Die Bilder waren Teil der Festdekoration und zeigen wichtige Stationen ihres Lebens. Auf einem der Fotos ist ein ramponierter schwarzer VW Käfer abgebildet. Der vordere Teil, in dem normalerweise Fahrer und Beifahrer sitzen, ist nur noch Schrott, zerdrücktes Blech. "Wenn man sich dieses Bild ansieht, kann man sich kaum vorstellen, dass jemand diesen Unfall überlebt hat", sagt Iris von Arnim mit ihrer dunklen Stimme. Der Käfer war ihrer, vor vielen Jahren. Sie hat den Unfall überlebt.

ZEIT Doctor: Frau von Arnim, wie kam es damals zu diesem schweren Unfall?

Iris von Arnim: Es geschah auf dem Weg von Köln nach Frankfurt. Ich war 23 und hatte ein Karneval-Wochenende in Köln hinter mir. Nach drei Tagen ausgiebigem Feiern und sehr wenig Schlaf habe ich mich am späten Nachmittag ins Auto gesetzt. Es war Winter und wurde früh dunkel, ich war völlig übermüdet. Kurz vor Frankfurt bin ich hinter dem Steuer eingeschlafen. Der Wagen hat sich überschlagen und ist dann auf der Fahrbahn liegen geblieben. Ein anderes Auto ist hineingedonnert.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

ZEIT Doctor: So wie die Fahrerkabine Ihres Käfers auf dem Foto aussieht, ist es tatsächlich kaum zu glauben, dass Sie heute hier wohlbehalten sitzen.

von Arnim: Ich habe in meinem Leben im Unglück immer das größtmögliche Glück gehabt. Dass ich nicht angeschnallt war, hat mich sogar gerettet. Mein Oberkörper ist beim Aufprall nach hinten geschleudert worden, nur meine Beine waren noch im vorderen Teil. Ich hatte einige zerschmetterte Knochen, aber im Großen und Ganzen bin ich gut davon gekommen.

ZEIT Doctor: Aber Sie mussten lange Zeit im Krankenhaus liegen und wurden sogar mehrfach operiert.

von Arnim: Das stimmt. Mein Oberschenkelbruch wollte und wollte nicht heilen. Es brauchte sieben Operationen, die Ärzte an der Uni-Klinik Heidelberg haben sogar darüber nachgedacht, das Bein zu amputieren. Im Laufe von fast drei Jahren war ich sieben Mal im Krankenhaus, für Wochen oder gar Monate.

ZEIT Doctor: Monate im Krankenhaus, immer wieder Operationen, Angst um ihr Bein – wie haben Sie diese Zeit überstanden?

von Arnim: Eine Tante sorgte dafür, dass ich in ein Zweibettzimmer kam, obwohl ich nicht privatversichert war. Im Grunde habe ich mich im Krankenhaus wohlgefühlt und versucht, mir den Aufenthalt so nett wie möglich zu machen. Ich hatte einen kleinen tragbaren Plattenspieler neben dem Bett und Kopfhörer, über die ich meine Lieblingsmusik hören konnte, Ummagumma von Pink Floyd beispielsweise. Und ich bekam häufig Besuch von meinen Freunden, die auch schon mal einen Joint mitbrachten.

Dieser Artikel gehört zu ZEIT Doctor aus der ZEIT Nr. 50 vom 10.12.2015.

ZEIT Doctor: Haben der Unfall und die lange Zeit im Krankenhaus Ihr Leben nachhaltig verändert?

von Arnim: Absolut. Ich würde sagen, ich habe in dieser Zeit meinen Platz in der Welt und meine berufliche Zukunft gefunden. Und den Vater meines Sohnes kennengelernt, den Chefarzt der Klinik. Ohne meinen Unfall wäre das alles wohl nicht passiert.

ZEIT Doctor: Sie haben im Krankenbett den Chefarzt bezirzt?

von Arnim: Das war nicht schwierig. Er hat ja sonst nur Hüften operiert, und dann liegt da eine junge und recht attraktive Frau, das war wohl spannender als die üblichen Rentner. Er hielt sich gern bei mir auf. Bei der Chefarztvisite nahm er sich manchmal meine Kopfhörer und hörte meine Platten, sein Tross musste dann warten, bis das Stück zu Ende war. Aber es war nur ein kleiner Flirt. Erst als wir uns ein paar Jahre später wiederbegegnet sind, er war mittlerweile geschieden, fing unsere Beziehung an.