Die wahre Macht des IS liegt nicht in seinen Bomben und Gewehren oder seiner scheußlichen Entschlossenheit. Sie liegt vielmehr in der genialen Art und Weise, wie die Organisation ihr Weltbild formuliert und zu einer Waffe schmiedet: Es ist eine apokalyptische Auseinandersetzung zwischen dem Islam und dem Westen im Gange. Hier handelt es sich nicht einfach um einen weiteren Krieg, Brüder und Schwestern, es ist der Anfang vom Ende, denn bald wird Gott wieder Geschichte schreiben, und seine Lieblinge sind als Sieger vorherbestimmt. Sie werden die satanischen anderen auslöschen und die Erde unter dem Dach des Islams vereinen. Wer sich jetzt anschließt, wird zu den Gesegneten gehören. Wer im Kampf umkommt, gelangt direkt ins Paradies, wer überlebt, wird geehrtes Mitglied einer Gesellschaft, die exakt nach den Regeln lebt, die Gott der Menschheit durch seinen Boten Mohammed übermittelt hat.

Kann der IS besiegt werden, indem man seinen selbst ernannten Kalifen Al-Bagdadi tötet? Indem man alle seine Handlanger tötet? Bestimmt nicht, denn das sind nur Menschen. Das Weltbild aber, das ihren Feldzug antreibt, ist ein Netz aus Ideen, das im Austausch zwischen Millionen Muslimen weiterlebt und atmet.

Das Massaker von San Bernardino illustriert seine bedrohliche Macht. Dort zog Tashfeen Malik, Mutter eines sechs Monate alten Babys, die mit ihrem Mann in einer modellhaften kalifornischen Vorstadt lebte, zusammen mit diesem los, um Menschen niederzumähen, die sie nicht einmal kannte. Wie konnte diese Handlung ihr sinnvoll und gerechtfertigt erscheinen?

Vor dem Aufbruch zur Tat schwor Tashfeen Malik dem "Islamischen Staat" in einem Facebook-Post Treue. Als dies ans Licht kam, fragte allerdings niemand, was gegen dessen Weltbild unternommen werden könnte. Ben Carson, ein republikanischer Präsidentschaftskandidat, sagte, San Bernardino sollte das "Ende der Debatte" über die Aufnahme syrischer Flüchtlinge bedeuten. Donald Trump, der sich bereits für die Wiedereinführung der Folter ausgesprochen hatte, verlangte einen generellen Einreisestopp für Muslime. Großbritannien, Frankreich und die USA intensivieren unterdessen das Bombardement Syriens.

Ist das der Plan? Schließt die Grenzen, bombardiert den Mittleren Osten, baut eine Mauer und krönt sie mit Stacheldraht, damit die Terroristen und ihre Waffen nicht hereinkommen? Stacheldraht kann Menschen draußen halten, doch Ideen fließen durch ihn hindurch wie Wasser. Jenes mörderische Weltbild, das beliebige Akte sinnloser Gewalt als heroische Taten erscheinen lassen kann, muss aber besiegt werden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 10.12.2015.

Wen visiert dieses Weltbild an? Es richtet sich vor allem an jene marginalisierten Muslime, deren Leben keinen Sinn mehr ergibt. Kinder von nach Europa oder Amerika ausgewanderten Muslimen sind die vorderste Front dieser demografischen Gruppe – junge Männer und Frauen, deren Identität seit Geburt in der Krise steckt.

Ich kenne dieses Phänomen aus meinen Erfahrungen unter afghanischen Exilanten und Flüchtlingen in Amerika. Ihren ersten Kontakt mit Mainstream-Amerika hatten die Kinder in diesen Familien in den staatlichen Schulen, wo viele wegen ihrer Zugehörigkeit zum Islam verächtlich behandelt wurden. Versuchten sie, sich bestmöglich amerikanisch zu benehmen, stießen ihre Bemühungen auf Hohn und Spott. Nach dem Unterricht kehrten sie heim zu ihren Eltern, die von einer verlorenen Heimat träumten, von einer Zeit und einer Kultur, die die Kinder nie erlebt hatten. Benahmen sich die Kinder dort wie Amerikaner, drohten ihnen Anschuldigungen und Vorwürfe. Also gaben sie ihr Bestes, sich wie gute afghanische Muslime aufzuführen. Ein junger Mann sagte zu mir: "Zu Hause tue ich so, als sei ich Afghane. Ich gehe aus und tue so, als sei ich Amerikaner. Ich frage mich: ›Wann bin ich eigentlich ich?‹"

Der IS kannte sein Publikum

Während die westliche Expansion ihre Zivilisation überrannte, klammerten sich die Menschen in der arabischen Welt an ihren einen verbliebenen Traum – die romantische Fantasie von den "unerschütterlichen Familienbanden". Aber wie überall sonst, so auch hier: Die industrielle Moderne und der Kapitalismus zersetzten die Strukturen von Stamm und Klan. Das emotionale Netz der traditionellen Gesellschaft wurde abgelöst von einer Welt aus Kernfamilien und Individuen, die ihrem einzelnen Schicksal nachgingen. Die traditionellen Rollenbilder der Geschlechter trugen nicht mehr.

Dann erschien der IS auf der Bildfläche. Und er kannte sein Publikum. Er bot ein Weltbild, das perfekt auf dessen Befindlichkeiten abgestimmt ist, auf die gewaltige Schar potenzieller Rekruten.

Die Ideologie des IS habe nichts mit dem Islam zu tun, der Islam sei die Religion des Friedens, plädieren viel zu häufig wohlmeinende Stimmen. Das ist unaufrichtig. Natürlich hat das Weltbild des IS mit dem Islam zu tun. Wenn dem nicht so wäre, würde es nicht so viel Echo finden. Tatsächlich fügt sich das Weltbild passgenau in die von den Muslimen so geliebte Ursprungsgeschichte ein: Vor langer Zeit gab es eine kleine Gruppe reiner Seelen, die sich peinlich genau an die Vorgaben hielt, die ihnen Gott auferlegt hatte. Diese Menschen standen einem unerbittlichen Feind gegenüber, der sie auslöschen wollte. Alle Macht, alle Vorteile lagen bei dem Feind – er war reicher und zahlenmäßig überlegen. Aber die Gemeinde hatte als Anführer den einzigen Menschen auf Erden, der direkt vom einzigen Gott angeleitet wurde. Unter seiner Führung setzte sich die kleine Gemeinde erfolgreich zur Wehr und trug den Kampf in das gegnerische Lager. Sie errang Sieg um Sieg, bis sie die Welt beherrschte (zumindest den wichtigen Teil). Das ist die Geschichte, die der IS sich zunutze macht. Sie hat die Kraft eines Mythos.

Objektiv betrachtet existiert diese Geschichte, weil Hunderte Millionen Menschen sie kennen und damit aufgewachsen sind. Einige Leute zu töten, die diese Geschichte erzählen, bringt die Geschichte nicht um. Ein Weltbild kann letztlich nur durch ein anderes getötet werden, und das Weltbild, das den IS besiegt, kann keiner westlichen Quelle entspringen. Es kann nicht den Begriffen und Werten einer säkularen westlichen Kultur entspringen, mit Ideen wie "Freiheit", "Demokratie", "Kapitalismus" und "Gleichstellung der Frau" als vorbestimmten Endpunkten. Es wird nur dann Kraft haben, wenn es aus der islamischen Welt geboren wird, von muslimischen Theologen entworfen, die wegen ihrer Gelehrsamkeit Ansehen genießen. Der Clou: Sie müssen dieselbe Ursprungsgeschichte wie das IS-Weltbild nutzen, aber zu anderen Schlussfolgerungen gelangen.

Aber kann aus den Schriften, Doktrinen und Traditionen des Islams ein wahrlich fortschrittliches und modernistisches Weltbild erwachsen? Natürlich! Alle Zutaten sind vorhanden. Toleranz gegenüber Andersgläubigen zum Beispiel: Was taten die ursprünglichen Muslime, nachdem sie von Mekka nach Medina umgezogen waren, in ihrer neuen Heimat? Sie formulierten die Gemeindeordnung von Medina, die weltweit erste Verfassung. Ihre Regeln sollen gewährleisten, dass unterschiedliche Gemeinschaften harmonisch miteinander leben, jede nach ihrer Fasson.

Und Frauenrechte? Unter Führung des Propheten Mohammed spielten im inneren Kreis der Gemeinde überragende Frauenpersönlichkeiten eine zentrale Rolle – wie Chadidscha, Aischa, Fatima. Im Frühislam wurde der Status der Frauen verbessert, indem man ihnen erstmals das Recht zugestand, Geld zu erben, Besitz zu haben, sich scheiden zu lassen. Das waren für die damalige Zeit radikale Schritte.

Oder das Thema von Grausamkeiten im Krieg: Muslimische Schriften und Mohammeds Entscheidungen legten Regeln und Bedingungen fest, die die Exzesse des Kriegs begrenzen sollten – ein früher Vorläufer der Genfer Konventionen.

All diese Elemente sind Teil der ursprünglichen, mythischen Frühhistorie des Islams. Ja, das dschihadistische Weltbild hat durchaus mit dem Islam zu tun, aber es ist nicht dasselbe wie der Islam. Es ist nur eines von vielen Weltbildern, die sich aus denselben historischen Quellen ableiten lassen. Keinerlei theologische Gründe sprechen dagegen, dass ein mächtiges Gegenbild in Konkurrenz mit dem Dschihadismus treten kann. Der Erfolg wird abhängen von Fragen wie dieser: "Wie kann die Scharia angepasst werden an sich ändernde Zeiten?" Denn würde man die oben zitierten Beispiele so umsetzen, wie sie vor 1400 Jahren formuliert wurden, würde das den Islam noch nicht zu einem fortschrittlichen Glauben machen.

Ein Frage von Leben und Tod

Kann man die Scharia aber so denken, dass heutige Muslime Dinge anders tun dürfen, als sie im 7. Jahrhundert gehandhabt wurden? Die Dschihadisten sagen, dass dies nicht möglich sei: Die Scharia könne sich nicht an die Zeiten anpassen, die Zeiten müssten sich an die Scharia anpassen. Aber muss man die Scharia als Ansammlung wortwörtlich zu nehmender Vorschriften und Anweisungen verstehen? Kann man sie nicht als Schatz tief sitzender Prinzipien ansehen, die das moralische Handeln leiten? Und wenn ja, wie werden diese Prinzipien abgeleitet? In der muslimischen Welt ist dies heute eine Frage von Leben und Tod. Sie wird sich letztendlich nicht auf den Schlachtfeldern entscheiden, sondern in Seminaren und Unterrichtsräumen. Damit eine progressive Lesart des Islams Fuß fassen kann, muss sie zu den Realitäten des islamischen Lebens heute passen. In der westlichen Welt lebende Muslime erleben sich als marginalisiert und ihrer Identität beraubt. Das soziale Gefüge ihrer Herkunftsgesellschaften ist im Zerfall begriffen. Muslime stehen in den Trümmern ihrer Welt vor der Herausforderung, einen Sinn in ihrem Leben zu erkennen.

Politische Entscheider im Westen können ihnen das nicht abnehmen, aber sie haben dennoch eine Funktion zu erfüllen. Sie können es den muslimischen Intellektuellen leichter oder aber schwerer machen. Wenn in Europa oder Amerika Politiker religiöse Kopfbedeckung verbieten, wenn sie von Sonderausweisen sprechen, wenn sie die Grenzen für muslimische Flüchtlinge schließen oder – wie es jetzt im US-Wahlkampf debattiert wird – Religionstests einführen wollen, damit nur Christen ins Land kommen, dann spielen sie dem IS in die Hand. Sie bestätigen die Behauptung der Dschihadisten, dass zwischen zwei gewaltigen Blöcken ein apokalyptischer Kampf tobe. Männer wie die republikanischen Kandidaten Donald Trump, Ben Carson und Ted Cruz agieren beinahe wie IS-Schläfer. Wie verrückt! Denn der eigentliche Wettstreit findet heute nicht zwischen dem Islam und dem Westen, sondern zwischen zwei muslimischen Weltbildern statt.

Stellen Sie sich vor, Sie lebten irgendwo auf der Welt als Muslim. Sie fänden sich zwischen zwei Weltbildern wieder. Das eine besagt, dass ein Kampf epischen Ausmaßes begonnen hat. Sie haben die Gelegenheit, sich der Seite anzuschließen, die vom Schicksal als Sieger vorbestimmt ist, und Sie könnten zum unsterblichen Helden aufsteigen. Die andere Seite wiederum erklärt, dass einige Menschen zivilisiert und würdig sind, Sie aber nicht dazugehören. Sie sind nichts als verabscheuungswürdiges Geschmeiß, das zwar leben, es aber nicht zu etwas bringen darf. Sie wird man verachten und ständig im Blick haben. Wahrscheinlich werden Sie im Gefängnis landen und gefoltert werden. Nun frage ich Sie: Für welches Weltbild würden Sie sich entscheiden?