Die ersten Vorzeichen, dass alles nicht so rund laufen wird, wie erhofft, gibt es schon auf der Autofahrt zum Krankenhaus. Normalerweise reden Martina Noltemeyer* und ihre Eltern im Auto immer viel miteinander, sie machen Ratespiele oder erzählen sich, was sie zuletzt geträumt haben. Dieses Mal aber schweigen sie während der knapp zweistündigen Fahrt nach Jena am frühen Morgen des 22. Oktober. Der Vater sitzt mit unbewegter Miene am Steuer, die Mutter starrt gedankenversunken aus dem Fenster, ebenso wie die 14-jährige Martina.

Das Mädchen malt sich alles genau aus: wie es einschlafen wird, ohne zu wissen, ob es wieder aufwacht, wie es in einem dünnen Hemdchen auf den OP-Tisch gelegt wird, wie fremde Menschen es aufschneiden und es bluten wird – und dass seine Eltern nicht da sein werden. Sonst betont Martina bei jeder Gelegenheit, dass sie schon 14 Jahre alt ist und fast erwachsen, an diesem Tag aber möchte sie einfach nur ein Kind sein, das von seinen Eltern beschützt wird.

Mehrere Nächte ohne die Eltern in einem Krankenhaus zu verbringen, in Narkose versetzt und operiert zu werden, das ist eine tief greifende Erfahrung, die Unsicherheit und Ängste weckt. Sie kann ein Kind nachhaltig verändern. Eltern und Ärzte können eine Menge richtig machen – und einiges falsch.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Drei Wochen vor der stillen Autofahrt hat sich Martina auf die Operation noch gefreut. Wegen ihrer Erkrankung, Morbus Basedow, produziert ihre Schilddrüse seit einem Jahr zu viele Hormone. Immer wieder bekommt Martina Herzrasen, manchmal zittert sie am ganzen Körper. Bei einem Konzert zu ihrer Konfirmation konnte sie plötzlich nicht einmal mehr ihre Querflöte halten, so unruhig waren ihre Hände. Alle hätten sie angeschaut, erzählt sie, am liebsten hätte sie sich in Luft aufgelöst.

Abends schläft sie oft stundenlang nicht ein, und in der Schule hat sie Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Als die Ärzte einsahen, dass die Medikamente nicht anschlugen, da klang die Ankündigung, dass ihr die Schilddrüse entfernt werden muss, wie eine Erlösung. Auf YouTube hat Martina sich gleich Videos von Schilddrüsen-Operationen angesehen. In diesen Videos sah alles sehr technisch aus: Unter dem meist grünen Tuch war niemals ein Patient zu sehen, nur der aufgeschnittene Hals.

Im Internet hat Martina auch erfahren, dass sie für den Rest ihres Lebens jeden Tag eine Tablette nehmen muss. Sie denkt: So schlimm wird die Operation nicht sein, Hauptsache, die Schilddrüse kommt endlich raus – und mit ihr all die Probleme, die ihr Tag und Nacht so zu schaffen machen.

"Als die Operation dann näher rückte, wurde mir aber auch etwas mulmig zumute", wird das Mädchen einige Tage nach dem Eingriff zu Hause erzählen. Da prangt schon eine lange Narbe an seinem Hals.

Dieser Artikel gehört zu ZEIT Doctor aus der ZEIT Nr. 50 vom 10.12.2015.

"Martina hat unbewusst die richtige Strategie gewählt für die Vorbereitung auf einen solchen Eingriff", sagt die Psychologin Irene Petersen, die am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf Kinder im Krankenhaus begleitet. "Oft haben die Kinder ja einen gewissen Leidensdruck, sie haben Schmerzen, oder sie müssen eine strikte Diät einhalten. Wenn man ihnen klarmacht, dass die Operation dazu dient, diese Einschränkungen zu beheben oder zu verringern, dann fällt es ihnen viel leichter, eine offenere oder sogar positive Einstellung gegenüber der Therapie zu gewinnen", sagt Petersen.

Als Martina mit ihren Eltern nach der schweigsamen Fahrt im Krankenhaus ankommt und das Zimmer betritt, in dem sie liegen wird, winkt ihr ein gleichaltriges, blondes Mädchen zu. Es hat seine Operation schon hinter sich – und sieht zu Martinas Erleichterung einigermaßen fröhlich aus. Die beiden verstehen sich auf Anhieb, Martina erfährt von ihr das WLAN-Passwort der Klinik, welche Schwestern besonders nett sind und dass sie sich unbedingt von den Eltern etwas zu essen mitbringen lassen soll, weil das Krankenhausessen "echt schlecht" ist.

"Am Anfang geht es immer erst einmal darum, dass sich das Kind zurechtfindet, dass es Orientierung gewinnt", sagt Stefanie Meßner, Kinderpsychologin an der Uni-Klinik Freiburg. Bei jüngeren Kindern ist das besonders wichtig, damit sie von den Abläufen auf der Station – etwa die ständig wechselnden Pflegekräfte – nicht überfordert sind. Damit die Kinder sich weniger fremd fühlen, sei es für sie wichtig, eigene Dinge mitzubringen, die ihnen vertraut sind.

Martina holt ihre Sachen aus der Tasche, die sie zu Hause sorgfältig gepackt hat: zwei Bücher aus der Reihe Warrior Cats, die sie liebt. Einen Erdkunde-Atlas, weil sie bald eine Klausur schreibt. Und ihren Schutzengel-Teddy. In einem Überraschungspaket von den Großeltern findet sie einen Brief und eine Eulenkette – die Eule ist ihr Lieblingstier.