Deutschland bräuchte keine neuen Wohnflächen. © dpa

Der Andrang der Flüchtlinge ist schon dramatisch genug, da sollte es sich verbieten, dies für Lobbyismus auszunutzen. Doch danach klingt eine kürzlich veröffentlichte Meldung des Pestel-Instituts aus Hannover: Hatte man bislang angenommen, es müssten 250.000 neue Wohnungen pro Jahr gebaut werden, brauchten wir nun dringend 400.000 jährlich, heißt es in einer Studie. Den Auftrag dafür gaben Verbände der Architekten und der Bauwirtschaft, und so sieht sie auch aus – die Autoren unterstellen einen vermeintlichen Bedarf an Wohnungen, rechnen ihn hoch und schreiben ihn fort. Dann fordern sie mehr Geld, mehr Bauland, mehr Bauen.

Lobbys gehen voran, Politiker folgen. So verlangt Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz nicht nur mehr Wohnungsbau, sondern auch mehr Gewerbeflächen wegen der Flüchtlinge. Die Begründung: Zusätzliche Gewerbegebiete brächten Hamburg mehr Wirtschaftswachstum, und das sei nun notwendig, um die Kosten des Zuzugs aufzufangen.

Zugleich soll der Naturschutz weniger zählen als bislang: Das Land Berlin will Bäume zukünftig schon auf Verdacht fällen, wenn ein Neubau erwogen wird. Bauen soll außerdem auch auf Waldflächen und Friedhöfen erleichtert werden. Entstehen könnten Leichtbauten, heißt es beim Berliner Senator für Stadtentwicklung, Häuser aus vorgefertigten Teilen; in höchstens zehn Monaten wären sie fertig gebaut.

Schneller, billiger und mehr bauen – können wir nur so die Flüchtlinge noch unterbringen? Die Fakten sagen etwas anderes.

Seit 20 Jahren gibt es in Deutschland mit gut 81 Millionen etwa gleich viele Einwohner, doch in dieser Zeit stieg die Zahl der Wohnungen von 35 auf 41 Millionen. Wir haben also sechs Millionen Wohnungen gebaut, obwohl nicht mehr Menschen hier leben. Würden wir noch so wohnen wie vor 20 Jahren, dann stünden jetzt sechs Millionen neu gebaute Wohnungen bereit und böten 15 Millionen Flüchtlingen Platz. Das Problem sind also nicht ein oder zwei Millionen Flüchtlinge, das Problem ist unsere Art des Wohnens.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 10.12.2015.

Die Großfamilien von früher gibt es längst nicht mehr, stattdessen lebt in den Großstädten in bis zu 60 Prozent der Haushalte nur ein einzelner Mensch, in unverändert großen Wohnungen. Auf jede Person entfallen inzwischen durchschnittlich 45 Quadratmeter, dreimal so viel wie noch in den fünfziger Jahren. Wie viel Platz das ist, macht der Vergleich mit den Flüchtlingen deutlich: Offiziell stehen ihnen nur sieben Quadratmeter pro Person zu, manche Kommunen streben zwölf Quadratmeter an.

Neue gemeinschaftliche Wohnformen zeigen, dass mehr Nähe möglich ist, und zwar ohne die belastende Enge früherer Familienbande. Freilich können wir unsere Art des Wohnens nicht kurzfristig ändern, doch viele Menschen rücken schon jetzt zusammen: Sie vermieten ungenutzte Zimmer oder Einliegerwohnungen, und manche Wohnprojekte stellen ihre Gemeinschaftsräume zur Verfügung.

Schneller geht es, leer stehende Räume zu füllen. Darum suchen Städte und Gemeinden jetzt entschlossen nach ungenutzten Büros. Allein in den 19 größten deutschen Bürovierteln stehen acht Millionen Quadratmeter an Flächen leer. Manche davon sind etwas abgelegen oder nicht im besten Zustand, doch selbst auf sie greifen viele Kommunen nun zu.