Hello, it’s me", singt Adele zu Beginn ihres neuen Megahits. Mehr muss sie nicht sagen, damit ein jeder weiß, wer singt: Die Britin ist die erfolgreichste Musikerin unserer Zeit. Ihr neues Album, 25, am 20. November veröffentlicht, hat sich innerhalb einer Woche allein in den USA fast 3,4 Millionen Mal verkauft, so häufig wie noch nie eines in der Geschichte der Popmusik in so kurzer Zeit.

Adele führt damit nicht nur Album-, Single- und Download-Charts vieler Länder an. Ihr Erfolg markiert auch eine neue Phase im weltweit 15 Milliarden Dollar schweren Geschäft mit Musik. In diesem verschärft sich die Tendenz zur Zweiklassengesellschaft weiter: Auf der einen Seite stehen Künstler, die Internetvertrieben und Hörern ihre Bedingungen diktieren – und auf der anderen jene Künstler, die jeden Preis in Kauf nehmen müssen, um zu überleben.

Dieser Entwicklung gingen drei Phasen des digitalen Musikkonsums innerhalb von nur 15 Jahren voraus: Zunächst teilten Nutzer illegal Musik im Internet, ohne dafür zu bezahlen. Die Nutzer hatten die Macht. Dann fand Apple Möglichkeiten, Musik online zu verkaufen. Musiker und Labels mussten mit dem Konzern teilen. Apple hatte die Macht. Es folgte die Phase der Streaming-Dienste wie Spotify. Sie bieten Abonnenten gegen eine Pauschale den Zugriff auf Millionen von Songs. Nun wird die Macht schon wieder neu verteilt.

Adele enthält Streaming-Diensten wie Spotify, Deezer und Apple Music ihr neues Album vor. Es gibt bei Spotify zwar die Single Hello zu hören, weit über 200 Millionen Mal wurde sie angeklickt. Das Album existiert aber nur als Symbolbild, versehen mit dem Hinweis: "Wir bleiben weiter dran und hoffen, sie bald umstimmen zu können." Und Adele hat prominente Nachahmer: Die britische Band Coldplay hat ihr am 4. Dezember erschienenes Album dem Marktführer Spotify ebenfalls nicht sofort zur Verfügung gestellt. Es ist ganz einfach so, dass solche weltbekannten Künstler die Streaming-Dienste nicht benötigen, um viele Menschen zu erreichen. Die Streaming-Dienste brauchen umgekehrt aber die Stars, um ihre Abos zu verkaufen.

Auch in Deutschland verweigern sich einige populäre Musiker, etwa Punkrockveteranen wie die Toten Hosen und die Ärzte. Andere öffnen sich ein bisschen. Sven Regener, Sänger der Band Element of Crime, wehrt sich zwar in Interviews dagegen, Musik zu günstig abzugeben. Mittlerweile versorgt die Band Streaming-Dienste aber mit einer Best-of-Playlist. Auch Hörer, die nur Streaming nutzten, sollten die Chance bekommen, sich ein Bild von der Band zu machen, hieß es in einer Begründung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 10.12.2015.

Und Coldplay? Die haben bekannt gegeben, ihr Album genau eine Woche nach dem Start des CD-Verkaufs doch noch bei Spotify zu veröffentlichen. Es scheint sich also einzubürgern, dass große Künstler erst mal Rekordumsätze mit dem Verkauf von CDs und heruntergeladenen Songs mitnehmen – und danach entscheiden, ob und wann sie sich mithilfe von Spotify und Co. etwas dazuverdienen. Die Manager der Streaming-Anbieter ärgert das, der Chef eines Dienstes spricht hinter vorgehaltener Hand von "Missbrauch auf Kosten der Hörer".

Bei den meisten Anbietern überweisen Nutzer 9,99 Euro im Monat, wenn sie unbegrenzt zuhören wollen. Dafür bezahlen die Dienste den Musiklabels der Künstler je Abruf Geld, insgesamt schütten sie etwa zwei Drittel ihrer Einnahmen aus – jeweils entsprechend dem Anteil eines Künstlers an den gesamten Song-Abrufen. Spotify zahlt nach Angaben des Unternehmens pro Song etwa 0,6 bis 0,8 Cent an die Inhaber der Rechte, abhängig davon, in welchen Ländern die Musik abgespielt wird.

Davon geben die Musiklabels in der Regel wiederum nur einen kleinen Teil an die Künstler weiter. Was am Ende ankommt, ist vielen zu wenig. Vor Adele und Coldplay hatten sich schon andere Branchengrößen dem Streaming verweigert. Taylor Swift etwa hat all ihre Alben von Spotify entfernt, Apple Music gab sie erst nach zähen Verhandlungen eine Zusage. Auch die Alben der Beatles sind bei Spotify nicht zu finden. Das Geschäftsmodell spaltet die Industrie.