Das fängt ja gut an: Draußen vor der Windschutzscheibe weht der Schnee so dicht, dass man kaum die Straße sieht. Drinnen im Auto sitzt eine holländische Familie mit Mission. Auf dem Beifahrersitz, mit Blick auf die vereiste Küstenstraße: Twan, der Erzähler der Geschichte, hinter ihm Zwillingsschwester Linde, Mutter und Oma, die lauthals Kinderlieder schmettern. Alle zusammen sind unterwegs nach Norden, um Opi Kas nach Hause zu holen, Omas Vater und Twans Urgroßvater, den der Junge viele Jahre nicht gesehen hat.

Ein ziemlich ehrgeiziges Vorhaben, denn bisher ist Opi Kas immer eigene Wege gegangen. Als Fischer hat er die ganze Welt umsegelt; jetzt lebt er einsam in einem kleinen Häuschen auf Island. Kein Zustand, finden Mutter und Oma, denn Opi Kas ist – wie es seine Tochter düster formuliert – "fast alle". Wobei der alte Mann auf Twan zuerst ganz rüstig wirkt – und sich längst nicht so freundlich zeigt wie auf dem Umschlagbild von Joëlle Tourlonias, das aus dem widerborstigen einen friedlichen Opi macht.

Island im Winter: Draußen stürmt es, drinnen sitzt die Familie beim plokfiskur, dem abendlichen Fischauflauf. "Es war beengt in Opi Kas’ Haus. Wir passten alle gerade so hinein, aber nur, wenn wir nichts sagten. Nur wenn wir unsere Gedanken zusammengeknüllt in einer Ecke unseres eigenen Kopfes bewahrten. Oma und Mama dachten fast immer laut."

Immer wieder knallt es zwischen Opi Kas und dem dominanten Frauen-Duo, das gleich nach der Ankunft die Koffer vom Dachboden holt und, ohne zu fragen, Opis Sachen packt. Ebenso beiläufig wie elegant führt Marjolijn Hof ihr Thema ein: die existenzielle Frage, wie autonom der Mensch leben darf.

Twan, der es lieber friedlich hätte, schimpft über die beiden "Zimtziegen" – allerdings nur heimlich und hinter verschlossener Tür. Ansonsten vergräbt er sich in sein Survival-Handbuch, das wichtige Regeln für Notlagen parat hält. Die Dreierregel zum Beispiel: "Das Gehirn kann drei Sekunden ohne Sauerstoff auskommen. (...) Bei extremem Klima überlebt der Mensch drei Stunden ohne besonderen Schutz. Ohne Trinkwasser hält er es drei Tage aus und ohne Nahrung drei Wochen." Etwas mehr Sauerstoff täte dem extremen Familienklima gut, findet Twan. Und wenn es nach ihm ginge, gäbe es auch Formeln gegen allzu dicke Luft oder wenigstens für den Umgang mit Opi Kas. Der hat zwar kein Badezimmer, aber ganz eigene Hygieneregeln: "Zu viel Duschen ist nicht gut für einen Menschen." Auch für Zwillingsschwester Linde brauchte Twan neuerdings eine Anleitung, obwohl sie sich bisher immer prima verstanden haben. "Ich sagte etwas und Linde sagte etwas, das war wie Werfen und Fangen, so schnell, dass niemand folgen konnte. (...) Aber jetzt sagte ich ›Zombieberg‹, und das Wort plumpste jämmerlich zu Boden."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 10.12.2015.

Für die Gebirgskette, die bedrohlich hinter Opi Kas’ Häuschen aufragt und die nachts heimlich näher zu rücken scheint, hat Linde keinen Blick. Vielleicht weil sie gerade zum ersten Mal ihre Periode kriegt, wie die Mutter Twan zuraunt. Auf jeden Fall fühlt sich Twan bald noch verlorener zwischen den Familien- und Geschlechterfronten: Weil Linde mit Mutter und Oma in ein Zimmer soll, muss er bei Opi Kas schlafen, dessen Gebiss nachts in einem Wasserglas unterm Bett dümpelt.

Und dann nimmt ihn der alte Mann auch noch mit ins Schwimmbad, zum irgendwann doch unvermeidlichen Duschen. Dort kriegt Twan mehr zu sehen als nur ein paar künstliche Zähne. "Ich sah seine verschrumpelten Pobacken und seine dick geäderten Beine. Gleich würde er sich umdrehen und dann würde ich das Allerschlimmste sehen. Einen verschrumpelten Pimmel." Der Junge beobachtet die Hinfälligkeit des alten Mannes. Er erfährt, wie Opi Kas die Sache sieht. Der über Neunzigjährige will nicht in einem holländischen Krankenhaus sterben, sondern draußen in der Natur. Und er braucht dazu die logistische Unterstützung seines Urenkels.