Mittagessen in den Galerieräumen, in einem vornehmen Stadtpalais aus dem 17. Jahrhundert. Es gibt Gemüse-Quiche und feine marokkanische Salate. Im Foyer der Galerie stellt der junge algerisch-französische Künstler Mohamed Bourouissa aus. Zeit, noch einmal ein paar Gedanken zu fassen zum alles erfassenden Wahnsinn der Gegenwart: Am frühen Abend des 13. November fliegt der Galerist von Berlin nach Paris. Als um 21.17 Uhr die erste Bombe explodiert, sitzt er mit seinem 13-jährigen Sohn beim Frankreich–Deutschland-Spiel im Stadion. Noch in der Nacht bringt er seine Frau und seine Kinder in sein Wochenendhaus, 30 Kilometer vor Paris: "Alles hat sich in dieser Nacht verändert. Es war meine erste Anschlagerfahrung, ich war nicht im World Trade Center, nicht in der U-Bahn in London, nicht in den Zügen in Madrid." Zwei junge Grafikerinnen der Galerie, sie sind für die Gestaltung von Mennours Katalogen zuständig, besuchten in der Todesnacht das Konzert im Bataclan. Sie überlebten.

Auffällig, wie die Klugen und Smarten in Paris ihre Sprache noch nicht wiedergefunden haben

Der Galerist hat nun das Bedürfnis, ein paar Sätze zu sagen, die auch vom französischen Präsidenten stammen könnten: "Diese schrecklichen Ereignisse haben uns zusammengeschweißt. Wir sind eine Nation geworden." Und: "Natürlich sind wir im Krieg. Es ist ein Krieg von Arm gegen Reich, zwischen denen, die keine Chance, und jenen, die alle Möglichkeiten haben." Ein Jammer, eine entsetzliche Schande sei es, dass Marine Le Pen und ihr Front National nun von den Anschlägen profitieren würden: "Der Krieg, den Frankreich jetzt führen muss, ist auch ein Kampf gegen die zu einfachen und dummen Lösungen dieser Frau." Frage an das so sensationell erfolgreiche integrierte Einwandererkind: Hat er eine Botschaft an die Kinder und Jugendlichen in den Banlieues? Zögerliche Antwort. Natürlich, das ist schon ein bisschen eine mühsame Frage: "Ich habe keine Tipps zu geben – oder Moment, wenn, dann sind es die Worte, die meine Mutter zu mir gesagt hat: Ihr seid alle Kinder Frankreichs. Schöpft Mut, arbeitet, macht etwas aus eurem Leben!" Als entscheidendes Problem der französischen Gesellschaft sieht Mennour die Endogamie, jene Heiratsordnung, bei der die Eheschließung innerhalb derselben sozialen Gruppe, Schicht und Glaubensgemeinschaft stattfindet. Die endogame Heiratspraxis sei vorwiegend ein Problem der Einwanderer, sie betreffe aber letztlich alle Schichten der Gesellschaft: "Es gibt keine soziale Beweglichkeit in diesem Land." Und der Galerist gibt gleich noch ein goldrichtiges Statement ab: "Die zwei großen Probleme der französischen Gesellschaft sind Antisemitismus und Islamophobie. Und sie werden stärker werden." Ja nun. Da sitzt der Galerist und sagt lauter wichtige, richtige und ausgewogene Dinge – es ist schon auffällig, wie gerade die klugen und smarten Menschen im Paris dieser Tage ihre Sprache noch nicht wiedergefunden haben. Dieser Kamel Mennour hat sich aus eigener Kraft in die Welt der Kunst-Vernissagen, der Partys in Miami Beach und der Staatsempfänge im Élysée-Palast hochgearbeitet. Auf Tod und Terror hat diese Generation, die zeit ihres Lebens dem Schönen und dem Spaß verpflichtet war, erst mal keine Antwort.

Ein Bild von der marokkanisch-französischen Künstlerin Latifa Echakhch wird gehängt. Auf der Straße führt der Galerist dem Besucher auf seinem Smartphone ein Video vor. Es zeigt den Wutanfall eines jungen Muslims in Paris, aufgenommen am Tag nach den Anschlägen. Der Typ spricht: "Salem aleikum, Leute, ich mache dieses Video, weil es mir reicht. Ich hab keinen Bock mehr. Mir reicht’s, wie das hier alles läuft, wie alles auseinanderfällt. Wir treten gerade in einen Bürgerkrieg ein, einen Krieg der Ideologien, und es wird sehr, sehr wehtun. Ich appelliere hier an alle Muslime, an alle Muslime Frankreichs: Lasst uns unsere schöne Religion beschützen, lasst uns losgehen und diese Idioten verfolgen, diese Betrüger, die sich als Muslime ausgeben, während sie Menschen erschießen." Und weiter: "Rebellons nous! Wir müssen uns widersetzen! Wir müssen uns auflehnen! Polieren wir diesen Typen die Fresse. Die Lösung kann nur von uns kommen, von innen." Es ist das Gegenteil einer politisch korrekten Rede. Und natürlich, es spricht für den Galeristen, dass er einem ein Video vorführt, in dem ein Muslim in Frankreich eine so hardrockende, eine so heftige Ansage macht.

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