Wenn die Sonne scheint, ist der Rostocker Hafen richtig niedlich. Wenn nicht, stellt man ihn sich am besten als Botschafter der Ostsee vor. © Angelika Heim

Rostock gilt als Verliererstadt. Man denkt an grauen Beton, an Nazis, an grobe Gesichter von Hansa-Rostock-Hooligans. Mancher Einwohner empfindet das ähnlich, wenn auch aus anderen Gründen: Nach der Wende verlor Rostock bei der Wahl der Landeshauptstadt gegen das viel kleinere, aber hübschere Schwerin. Die Demütigung schmerzt noch immer.

Es stimmt: Rostock ist anstrengend. Aber wer sich aufmacht, seinen Charme zu suchen, findet mehr, als er glaubt. Sehen Sie also zu, dass Sie rasch zum Steintor kommen, vom Bahnhof sind es nur drei Stationen mit der Straßenbahn. Das Tor entstand im 13. Jahrhundert als Haupteingang zur Stadt, und im Prinzip hat sich daran bis heute nichts geändert. Spazieren Sie vorbei am Neuen Markt, der auch unverhofft alt ist. Hier stehen die letzten Giebelhäuser, restauriert in Bonbonfarben.

Dann weiter in die Altstadt. Die Fußgängerzone mit ihren Ein-Euro-Shops und Drogerien lassen Sie rechts liegen. Sie biegen am Universitätsplatz links ab und stehen wenig später in einer anderen Welt: vor dem Klosterhof. Die Anlage von 1270 hat den Krieg und die DDR fast unversehrt überstanden. Hier finden Sie auch das Kempowski-Archiv. Der Schriftsteller erinnerte sich gern an seinen Geburtsort: "Eine Stadt, die seit Jahrhunderten von schlechten Baumeistern verhunzt wurde. Wunderbar, dass sie trotz allem noch gewisse Reize hatte."

Das Kloster grenzt an die Stadtmauer mit ihren Wehrgängen aus Holz. Sie folgen ihr und kommen so durch das Kröpeliner Tor in die Kröpeliner-Tor-Vorstadt. Manche behaupten, die KTV sei das Prenzlauer Berg von Rostock. In Wahrheit ist sie viel besser. Die Häuser sind pastellfarben, der Kaffee kostet eins fünfzig, niemand ist verbissen damit beschäftigt, hip zu sein, und die Bedienungen in den kleinen Cafés nennen Sie "Schätzchen" oder "mein Bester". Rostocker sagen diese Worte nicht in einem zuckrigen Flötenton, sondern mit großem Ernst und zupackender Herzlichkeit.

Für eine Stärkung nehmen Sie etwas vom Vegangster in der Waldemarstraße mit: den tierlosen Döner, genannt "Vöner", mit Blumenkohl, Pilzen und Kürbis im warmen Fladenbrot. Oder Süßkartoffelpommes. Oder Schokoladenkekse. Das Beste daran: Alles ist zwar mit viel Tierliebe zubereitet, aber auch mit genauso viel Fett. Hier sitzen keine Gesundheitsapostel, sondern Künstler, Studenten, junge Familien.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 10.12.2015.

Auf der Suche nach dem perfekten Picknickplatz dürfen Sie sich nicht vom zubetonierten Warnowufer entmutigen lassen. Sie überqueren die Hauptverkehrsstraße mit dem trügerischen Namen Am Strande und gucken ganz konzentriert aufs Wasser, lauschen dem Schrei der Möwen. Betrachten Sie die Warnow als Abgesandte der Ostsee, spüren Sie im Gesicht den Wind, der die Segelschiffe in den Hafen treibt. Falls Ihnen das nicht maritim genug ist, fahren Sie mit der S-Bahn die halbe Stunde ins Seebad Warnemünde. Schon ein paar Schritte von der Haltestelle entfernt haben Sie den Beton vergessen: Sandstrand, Dünen und Fischkutter.

Wie Bremen, Lübeck und Hamburg ist Rostock zwar eine Hansestadt, aber da enden die Gemeinsamkeiten auch schon. So will es der Regionalstolz. Grüßen Sie hier also niemals mit dem nordwestdeutschen Moin, Moin. In Rostock sagt man Hallo – und schweren Herzens: Tschüs. Und bitte nicht gesäuselt. Ein bisschen struppig muss es schon sein.