Mapalo – zu Deutsch: Segen – nennen die Einheimischen die Kanadierin Marissa Izma. Sie brachte den Menschen in Kibombomene, einem sambischen Dorf an der Grenze zum Kongo, was zuvor nie da gewesen war: eine Schule, Zugang zu weiterführender Bildung, das Recht, zu lernen und zu träumen. Vor acht Jahren, im Alter von 23 Jahren, war sie dort aufgetaucht, in eine der strohgedeckten Lehmhütten ohne Strom und fließend Wasser gezogen – und geblieben.

Als die ZEIT vor fünf Jahren über Marissa und ihre Hilfsorganisation Same World Same Chance (SWSC) berichtete, war das Projekt gerade erst geboren. Marissas Idee, eine Schule mit Schlafsälen für Kinder aus entfernteren Dörfern zu errichten, hatte den Ältestenrat überzeugt. Im Umkreis von 50 Kilometern gab es keine weiterführende Schule.

Die Grundschule, eine Stunde Fußmarsch entfernt, wurde (und wird noch heute) wegen Überfüllung im Schichtdienst betrieben. Rund 100 Kinder kommen morgens, 100 weitere werden am Nachmittag, auf dem Boden sitzend, unterrichtet. "Ich war so wütend", sagt Marissa, "so beschämt."

Ein Abenteuer hatte die Sportstudentin gesucht, als sie mit ihrer Freundin Kim Hurley als Rucksacktouristin nach Sambia kam. Auf Einladung einer Hilfsorganisation waren die beiden mit aufs Land gefahren, wo zwei Drittel der Sambier als Kleinbauern arbeiten. 580 Kilometer auf der notdürftig geteerten Straße, die Sambias Hauptstadt Lusaka mit dem Norden verbindet. Die Armut, die Strohhütten, das karge Dasein. Erstmals sei ihr bewusst geworden, wie privilegiert sie in Stratford, Ontario, aufgewachsen war. Eine Einsicht, die wohl des Öfteren Fernreisende befällt. Die wenigsten ziehen daraus aber die Konsequenz, ihr Leben zu ändern, um etwas zu verändern.

Der sambische Staat selbst hat lange nichts getan, sieht man von der regelmäßigen Bekanntgabe hoher Grundschülerzahlen ab. Tatsächlich werden laut einer UN-Studie fast 94 Prozent aller sambischen Kinder eingeschult. Aber nicht einmal 50 Prozent gehen später auf eine weiterführende Schule – weil es keine gibt oder sich die Eltern das ab der achten Klasse anfallende Schulgeld nicht leisten können. Viele Kinder fallen durch die landesweiten Prüfungen nach der siebten und neunten Klasse, weil sie bis dahin in einer der 43 lokalen Sprachen unterrichtet wurden und die Testfragen auf Englisch – Sambias einziger Amtssprache – nicht einmal lesen können. Insgesamt schafft in Sambia nur ein Drittel den Schulabschluss nach der zwölften Klasse. Im ganzen Land gibt es nur 10 000 Studenten, obwohl 80 Prozent der knapp 15 Millionen Einwohner 35 Jahre und jünger sind.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 10.12.2015.

Die Sonne hat Marissa Izmas rotes Haar gebleicht. Sie ist fröhlicher als früher, wirkt weniger grüblerisch. Aus Mangel an Freizeitangeboten hat sie einen Wanderverein und einen Filmclub im Dorf gegründet. Die Einheimischen verehren sie wie eine Heilsbringerin – was ihr unangenehm ist. Jedes Lob – für ihren Verzicht auf Luxus, ihre Fähigkeit, einen Wasserkanister auf dem Kopf zu tragen, ein Drei-Gänge-Menü auf einem Feuer zu kochen und dabei eine Diskussion in der Ortssprache Bemba zu führen – wischt sie mit einer Handbewegung weg. "Das kann hier jeder."

Dennoch – dort, wo jahrzehntelang nur Buschland war, ist heute ein kleiner Campus. Das kann Marissa nicht bestreiten. In der Mitte das Schulgebäude mit fünf Klassenzimmern, Sekretariat und Büros. Daneben ein Internatshaus sowie Häuschen für die beiden Lehrer, zwei Hausmütter, die Köchin und die freiwilligen Helfer, die nun immer öfter aus Kanada, den USA und auch Deutschland kommen.