Ein Mann bringt sich um. Erich Apel, 48, ist Vorsitzender der Staatlichen Plankommission, Mitglied des Zentralkomitees (ZK) der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und des Präsidiums des Ministerrats. Das ärztliche Bulletin vom 4. Dezember 1965 erklärt den Selbstmord mit einer Kurzschlussreaktion.

Erich Apel war seit 1963 für das "Neue Ökonomische System der Planung und Leitung" zuständig, für die Entwicklung einer Wirtschaftsreform. Walter Ulbricht, Erster Sekretär der Partei und Staatsratsvorsitzender, unterstützt das Projekt. Es soll Marktstrukturen schaffen, den Kombinaten mehr Eigenverantwortung einräumen und die DDR von der Sowjetunion unabhängiger machen. Es ist der einzige wirtschaftliche Reformversuch der DDR, der auf staatliche Initiative zurückgeht. Er scheitert.

Im Oktober 1964 kommt es in Moskau zum Machtwechsel. Leonid Breschnew löst Nikita Chruschtschow ab. Die nun geltende Linie bedeutet die Absage an Experimente im sozialistischen Lager. Die Sowjetunion verlangt ein neues Außenhandelsabkommen, nach dem die DDR für Exporte aus der Sowjetunion mehr bezahlen muss. Apel spricht sich dagegen aus und steht bald allein da. Auch Ulbricht rückt von ihm ab. Am 3. Dezember 1965, wenige Stunden vor der Unterzeichnung des Vertrags, erschießt sich Erich Apel mit seiner Dienstwaffe.

Der neuen sowjetischen Politik folgt in der DDR eine Umorientierung. Sie kommt aus dem Machtapparat des Landes oder erfüllt Weisungen der Sowjetunion, auch in ideologischen Fragen. Daraus folgen Konsequenzen für das 11. Plenum des ZK der SED, das vom 15. bis 17. Dezember 1965 zu einer Tagung zusammentreten soll.

Auf diesem Plenum sind Wirtschaftsfragen als wichtigstes Thema geplant. Apels Tod verändert die Lage. Es droht eine Diskussion über seine Motive. Das ZK entscheidet sich für einen Kompromiss: Ökonomische Fragen werden zwar mit der Hälfte der Beiträge im Programm des Plenums bleiben, aber die Verantwortlichen rücken nun die Kultur- und die Jugendpolitik in den Vordergrund. In den Augen führender Genossen gibt es Alarmzeichen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 10.12.2015.

Nach dem Mauerbau 1961 glaubten einige, vor allem jüngere Künstler an eine Art Neustart. Der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase erinnerte sich 2004: "Die Verletzbarkeit der DDR durch diese permanent offene Grenze, aber auch die offene Grenze als Ausrede gegen jedes zugespitzte Gespräch über die eigenen Angelegenheiten – beides war nun nicht mehr gegeben. Wenn die DDR dadurch sicherer war, konnte man dann nicht anders miteinander umgehen? Mit mehr Geduld, mit mehr Liebe zur Wahrheit, mit mehr Freundlichkeit?" Aber jedem mutigen Schritt folgte Zurückweisung. Jetzt, 1965, will die Partei ihren Machtanspruch manifestieren.

Das 11. Plenum wird generalstabsmäßig vorbereitet. Eine Gruppe des Politbüros analysiert künstlerische Entwicklungen – unter anderem prüft sie die Filme Das Kaninchen bin ich von Kurt Maetzig und Denk bloß nicht, ich heule von Frank Vogel. Sie schätzt Theaterstücke ein – Moritz Tassow von Peter Hacks, Marski von Hartmut Lange, Der Bau von Heiner Müller – und Romane: Spur der Steine von Erik Neutsch und Rummelplatz von Werner Bräunig. Sie bestellt sich unveröffentlichte Manuskripte und sammelt Informationen über Amateur-Beatgruppen und deren Publikum. Was ist parteifeindlich? Es wird Zeit, auf den Busch zu klopfen.

Am 25. November gibt es einen Testlauf: Walter Ulbricht lädt Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Kulturpolitiker zum Gespräch in den Staatsrat. Im Referat behauptet er direkte Zusammenhänge zwischen der "moralischen Verkommenheit" einiger Jugendlicher und der Wirkung von Film und Fernsehen. Er greift Werner Bräunig an, obwohl von dessen Roman Rummelplat z bisher nur zwei Kapitel in einer Literaturzeitschrift erschienen sind. Er droht, dass er Kenntnis habe von mehr als zehn weiteren "schädlichen" Manuskripten. Den Schriftstellern bestreitet er den Rang: "Das ist eine Selbstüberschätzung, daß Sie die Fehler besser sehen als wir."