Von Steven Spielberg zu George Lucas: Kathleen Kennedy © Getty Images

Dafür, dass es der meisterwartete Film des Jahrzehnts ist, wirkt die Hauptverantwortliche von "Star Wars – Das Erwachen der Macht", als siebter Teil des Epos auch "Episode VII" genannt, erstaunlich gelöst. Kathleen Kennedy, seit drei Jahren Chefin von Lucasfilm, bittet in ihr geräumiges, in unauffälligen Grau- und Holztönen gehaltenes Büro in L.A. im Stadtteil Santa Monica. Sie ist eine der einflussreichsten Figuren der amerikanischen Filmindustrie, die Zeitung "USA Today" kürte sie zur erfolgreichsten Produzentin aller Zeiten. Bereits bevor sie 2012 von George Lucas zu seiner Nachfolgerin in der Firmenleitung bestimmt wurde, hat sie Kinogeschichte mitgeschrieben: Vier Jahrzehnte lang war Kennedy die Produzentin und engste Mitarbeiterin von Steven Spielberg, entwickelte mit ihm unter anderem Filme wie "E.T.", "Die Farbe Lila", "Jurassic Park", "Schindlers Liste" – und nebenher Arthaus-Filme wie Marjane Satrapis "Persepolis" oder Clint Eastwoods "Die Brücken am Fluss". Elf Milliarden Dollar haben Kennedys Filme insgesamt eingespielt und wurden für 120 Oscars nominiert. Als "Star Wars"-Chefin leitet sie nun ein Verwertungsunternehmen globalen Ausmaßes, das größte kommerzielle Imperium der Kinogeschichte.

DIE ZEIT: Kathleen Kennedy, wie sah Ihre erste Begegnung mit Star Wars aus?

Kathleen Kennedy: Meinen ersten Star Wars-Film habe ich 1977 während des Filmstudiums gesehen. Es war, als würde eine Tür zu unser aller Kindheitswelten geöffnet und als würde man zugleich in die Hyperzukunft des Science-Fiction-Films katapultiert. Ich dachte, mir fliegt das Gehirn weg. Es mag damals vielen Zuschauern so gegangen sein, aber für uns Filmstudenten entstand in ganz besonderem Maße das Gefühl, dass unsere Fantasien von nun an auf die Leinwand gebracht werden können. Und dass man von nun an Geschichten auf völlig andere Art erzählen kann.

ZEIT: Was unterscheidet Star Wars von anderen Science-Fiction-Filmen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 10.12.2015.

Kennedy: Der Mut, mit dem George Lucas seine eigene Pop- und Comic-Bildung mit der Philosophie der abendländischen wie der asiatischen Kulturen verbunden hat. Er hat daraus ein Märchen gemacht, an das jeder, ungeachtet seines kulturellen Hintergrundes oder Bildungsstandes, anknüpfen kann.

ZEIT:In diesem Märchen gibt es einen ödipalen Vater-und-Sohn-Konflikt, Anlehnungen an Shakespeare, Homer, an indische Erleuchtungslehren, Wagner und Nietzsche. Ist Star Wars ein Wühltisch der Mythen?

Kennedy: Wenn Sie so wollen. Und ein Menschheitsdrama über den Kampf zwischen Gut und Böse. Das Moderne an diesem Märchen ist die Tatsache, dass Gut und Böse hier nicht streng getrennt, sondern dialektisch ineinander verschränkt sind. Die Charaktere wandeln sich, oszillieren, wanken, zweifeln. Insofern ist Star Wars auch eine Art Kinomatrix für die nicht immer übersichtliche, nicht immer durchschaubare Welt da draußen.

ZEIT: Die Star Wars-Urtrilogie endete 1983. 16 Jahre später begann Lucas, in einer weiteren Trilogie die Vorgeschichte zu erzählen. War das der Beginn des Fortsetzungswahns von Hollywood?

Kennedy: George Lucas war schlauer als diejenigen, die heute ihre Erfolgsrezepte ausbeuten. Er erzählte diese Vorgeschichte von Anfang an mit epischem Bogen. So konnte er die bereits existierenden Folgen mit einer neuen Geschichte vertiefen. Poetologisch ist Star Wars unbegrenzt. Und die Bindungen an das Epos sind so stark, dass sich die Begeisterung immer wieder aufs Neue von einer Elterngenerationen auf die der Kinder übertragen kann. Das ist sozusagen Science-Fiction als emotionales Perpetuum mobile.

ZEIT: Was ist Ihre Star Wars-Lieblingsfigur?

Kennedy: Prinzessin Leia. Eine selbstbewusste weibliche Figur, die auf Augenhöhe mit den männlichen Helden Han Solo und Luke Skywalker steht. Das war keine Prinzessin, die darauf wartet, gerettet zu werden. Für mich steht sie in der Tradition der klassischen starken Hollywood-Frauen. Zu einer anderen Zeit hätte Leia auch von Katharine Hepburn gespielt werden können. Oder von Lauren Bacall.

ZEIT: Die letzten Star Wars-Filme sind bei vielen Fans verhasst. Hat man zu sehr auf Spezialeffekte gesetzt und die Geschichte vernachlässigt?