Angerufen zu werden nervt, bitte hört auf damit! Mich nervt schon der Klingelton. Wichtigtuerisch drängt er sich in den Moment, gebietet mir, alles stehen und liegen zu lassen und mit diesem Menschen zu sprechen, den ich aber gerade wahrscheinlich nicht sprechen möchte. Mancher Anrufer fragt: "Störe ich?", aber dann ist es ja schon zu spät. Denn ein Anruf stört immer, er stiehlt mir meine Zeit.

Nicht falsch verstehen: Ich bin kein Handyhasser. Dies wird keine Kritik der ständigen Erreichbarkeit, kein Always-online-Lamento. Im Gegenteil, ich mag den Fortschritt und hätte gern mehr davon. Telefonieren aber ist rückständig, eine Kulturtechnik des letzten Jahrhunderts. Wer, sagen wir, Jahrgang 1977 ist, der wurde in eine Welt geboren, in der fürs Fernmeldewesen die Post zuständig war, in der Telefone geringelte Kabel hatten und ihren Platz im Hausflur, auf dem Garderobenkombimöbel oder gleich fest verschraubt mit der Wand. 1977 galten Tasten als Innovation, nach Jahrzehnten der Wählscheibe. Erst 1984 sollte das erste Drahtlosmodell folgen. Der Bundespost-Statistik nach führte Ende der siebziger Jahre der durchschnittliche Westbürger 250 Telefongespräche jährlich. Zweihundertfünfzig. Jährlich! Es gab also mehr als hundert Tage im Jahr ohne einen Anruf ...

Für Oma und Opa war der Fernsprechapparat kein Zeitvertreib, sondern ein Instrument der Dringlichkeit. Wenn das Ding im Flur schellte, schreckte man auf, weil es ja wahrscheinlich wirklich etwas Wichtiges war. Und wer erinnert sich noch daran, dass etwas später möglichst am Abend telefoniert wurde ("Mondscheintarif"), weil es dann billiger war?

In den Neunzigern wurde der Bimmeldämon tragbar. Ich bekenne mich schuldig, im Jahr 1994 eine leere Bierdose nach einem frühen Anwender geworfen zu haben, der im Kino telefonierte (wohlgemerkt: vor Beginn des Films). Damals waren Handybesitzer noch als Wichtigtuer verschrien. Bald wollte man selbst so eines. Schon im Jahr 2000 gab es weltweit eine Milliarde Mobilfunkverträge, heute sind sieben Milliarden SIM-Karten aktiv, umgerechnet: Auf fast jeden Menschen entfällt ein Handy.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 10.12.2015.

Aber wenn es klingelt, dann schrecken wir auch heute noch genauso auf wie zu Wählscheibenzeiten. Wir sind so konditioniert. "Schnell! Rangehen!", dieses Reaktionsmuster ist übermächtig, selbst wenn das Display einen Namen anzeigt, der nichts Wichtiges erwarten lässt. Und Wegdrücken gilt immer noch als Affront, es führt garantiert zu weiteren Anrufen ("Warum hast du mich weggedrückt?").

Für den Anrufer ist das praktisch. Er brettert quasi auf der Überholspur in einen Moment hinein, vorbei an Menschen oder Gedanken, denen bis dahin unsere Aufmerksamkeit galt. Klingelton und Vibrationsalarm sind auf dieser Überholspur Blaulicht und Martinshorn. Bis in die Hosentaschen rücken sie uns auf den Leib. Und wir tasten uns hektisch ab, um den Anruf ja nicht zu verpassen. Das Instrument der Dringlichkeit ist zu einem Instrument der Aufdringlichkeit geworden. Beruflich mag es manchmal unvermeidlich sein, privat stört es umso mehr.

Doch es gibt Hoffnung. Paradoxerweise ist ausgerechnet das Mobiltelefon dabei, dem Telefonieren den Garaus zu machen. Während die Zahl vertelefonierter Minuten im Festnetz Jahr für Jahr sinkt, stagniert sie mobil. Insgesamt haben die Deutschen seit 2010 in jedem neuen Jahr also weniger telefoniert als im Vorjahr.

Die Technik muss sich unserem Zeitplan unterordnen

Schon in der Handydämmerung der Nokia-Knochen und Siemens-Riegel war der Überraschungssieger in der Publikumsgunst nicht etwa das Dauergeplapper, sondern das Tastentippen. Dabei war SMS, der short message service, nur eine halbherzig eingebaute Randfunktion. Einer ihrer Erfinder bezeichnete es schlicht als Glück, dass sie bei der Mobilfunk-Standardisierung nicht einfach von der Liste gestrichen worden ist. Die Netzbetreiber schenkten den Kurznachrichten so wenig Beachtung, dass sie dafür anfangs oft nicht einmal Gebühren verlangten. Doch die Kunden schrieben und schrieben. Im SMS-Rekordjahr 2012 wurde allein in deutschen Netzen 59 Milliarden Mal gesimst.

Heute ist fast jedes zweite in Deutschland genutzte Mobiltelefon ein Smartphone. Konventionelle Handys werden kaum noch gekauft. Eigene Tasten für Abheben und Auflegen gibt es längst nicht mehr, im Smartphone-Zeitalter ist die Telefonfunktion bloß eine App unter vielen. Eine repräsentative Befragung in Großbritannien aus diesem Jahr brachte Erstaunliches zutage: Zwar fummeln auch die Briten unentwegt an ihren Geräten herum (pro Tag sollen es anderthalb Stunden sein), aber es gab auch jeder vierte Smartphone-Besitzer an, weniger als ein Telefongespräch damit zu führen – pro Woche! Laut einer anderen Studie wird in Japan mit jedem vierten Smartphone gar nicht mehr normal telefoniert.

Ich bin offenbar nicht allein, andere teilen mein Anliegen. Es heißt: Zeitautonomie. Ich will selbst bestimmen, wann ich mit wem rede – falls überhaupt. Wer das naiv findet, denke nur ans Fernsehen. Jahrzehntelang ließ sich die ganze Republik diktieren, dass die Spielfilmzeit um viertel nach acht beginnt. Dafür gibt es heute den kuriosen Begriff "Linearfernsehen": linear wie geradeaus durchs Programm. Da machen viele nicht mehr mit. Sie streamen die Sendungen, wann es ihnen passt, aus den Mediatheken oder schauen ganze Serien per Video-on-Demand. Die kommende Generation wird wohl nur noch darüber staunen, wie tyrannisch dieses Medium einmal war.

Auch Kommunikation lassen wir uns nicht mehr von der Technik verordnen. Hier steht das Telefonieren in Konkurrenz zu einer Unmenge anderer Kanäle ...

Für schnelle Verabredungen, klar: SMS.

Als Geplauder zum Zeitvertreib: Facebook Messenger.

Für Abstimmungen zwischen mehreren Leuten: WhatsApp.

In abhörsicher: Threema.

Für längeres Hin und Her mit Amt, Handwerker, Versicherung oder Bank der Klassiker: E-Mail.

Gemeinsam haben sie alle eines: Sie sind asynchron. Das heißt, man kann antworten, wann man will – entspannter, konzentrierter, als das früher möglich war. Oft ist Telefonieren mittlerweile die schlechtere Wahl. Ein ärgerliches Überbleibsel aus dem Analogzeitalter, das kollektiv Nerven kostet. Denn es nervt ja nicht nur den Angerufenen, sondern auch jeden ringsum. Etwa alle, die im Großraumbüro oder im Zugabteil ohne Fluchtmöglichkeit Ohrenzeugen fremden Geredes werden. Womöglich erfinden wir bald die Vokabel des Passivtelefonierens dafür. Und Anrufen wird das Rauchen der zwanziger Jahre – eine rücksichtslose Gewohnheit, die lange als unabänderlich galt. Doch kaum sind ihr Grenzen gesetzt, fragt man sich, wie sie je so weit ausufern konnte.

An diesem Punkt stehen wir jetzt. Aus dem Silicon Valley wird geraunt, Apple werde im kommenden Jahr ein neues Feature fürs iPhone bringen, man müsse dann seine Mailbox nicht mehr selbst abhören! Die digitale Assistentin Siri werde automatisch Begrüßungstexte für die Mobilbox erzeugen. Wenn dort jemand eine Sprachnachricht hinterlasse, werde sie automatisch in Text umgewandelt und dem Angerufenen zugestellt. Wozu? Weil Lesen komfortabler ist als Lauschen.

Wenn wir das Telefonieren an Maschinen delegieren, ist sein Ende nahe. Ich weiß schon, was Siri für mich ausrichten soll: "Guten Tag, Sie haben den Anschluss von Stefan Schmitt erreicht. Er ist gerade in einem Termin. Aber auch sonst wäre ihm die Zeit für ein Telefonat viel zu schade ..."

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