Deutschlands oberste Datenschützerin ist nicht so einfach zu erreichen. Eine erste Bitte um ein Gespräch lehnt Andrea Voßhoff zunächst ab, bevor sie es sich Wochen später anders überlegt. Unter drei Bedingungen: Fragen sollen zehn Arbeitstage vorher schriftlich eingereicht werden. Gefragt werden dürfe nur Fachliches, nichts Persönliches. Nach 60 Minuten sei Schluss. Es folgen Telefonate, E-Mails und Verhandlungen über die ungewöhnlichen Vorgaben. Und obwohl man sich schließlich einigt und für Ende Juni verabredet, sagt Voßhoff zwei Tage vor dem geplanten Treffen ab. Terminprobleme.

Kann ja vorkommen. Neue Telefonate, neue Verhandlungen, ein neuer Termin für Ende Juli. Wieder eine kurzfristige Absage. Dritter Versuch im August. Nein, doch nicht, da ist Urlaub. Danach aber gerne. Nur nicht im September oder Oktober. Wobei, in diesem Jahr wird das wohl nichts mehr. Vielleicht im Januar? Aber nur unter Vorbehalt. Zusagen könne man leider gar nichts.

Dann eben nicht. Dann eben so.

Andrea Voßhoff ist ein sich selbst hütendes Geheimnis. Öffentlich praktisch unsichtbar. Dabei hat die 57-Jährige seit bald zwei Jahren als Bundesdatenschutzbeauftragte eines der bedeutendsten Ämter im Land inne. Sie muss kontrollieren, ob Bundesbehörden, Polizei, Zoll und Nachrichtendienste sich an die Datenschutzgesetze halten. Bisher wird ihre Amtszeit begleitet von der NSA-Affäre, millionenfach gehackten E-Mail-Konten, einem Spähangriff auf das Netz des Bundestags, der Spionageaffäre des Bundesnachrichtendienstes und der Verabschiedung der Vorratsdatenspeicherung durch das Parlament.

In Berlin präsentierte sie im Sommer ein 316 Seiten dickes Behördentagebuch

Es gäbe also viel mit Voßhoff zu besprechen. Nur möchte sie leider nicht sprechen, sie beantwortet bis kurz vor Redaktionsschluss bloß einige Fragen per E-Mail. "Auch wenn ich in meiner täglichen Arbeit den Wünschen einiger Medien nicht immer nachkomme, zu tagesaktuellen Themen des Datenschutzes habe ich mich bisher geäußert und werde das auch künftig tun", schreibt sie. Trotzdem bleibt weitgehend offen, wer sie ist. Was sie tut. Und was sie will.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 17.12.2015.

Von Amts wegen ist Voßhoff auch für die Bürger da. An sie kann sich jeder wenden, der glaubt, dass deutsche Behörden sein Persönlichkeitsrecht oder sein Recht auf Informationszugang nicht ausreichend beachten oder gar ignorieren.

In wenigen Tagen, zum 1. Januar, wächst die Bedeutung der Datenschutzbeauftragten noch einmal, zumindest auf dem Papier. Dann wird ihr Haus eigenständig. Oberste Bundesbehörde darf es sich dann nennen. Das wird auch einen Widerspruch auflösen: Voßhoffs Haus wird dann nicht mehr der Dienstaufsicht des Bundesinnenministeriums unterliegen, das es gleichzeitig, wie alle anderen Bundesbehörden, kontrolliert. Wenn die Behörde nun unabhängig wird, dann ist das also in etwa so, als würde ein Kind volljährig, dessen Eltern ihm auch bisher nicht ernsthaft etwas verbieten konnten, ohne sich dabei vor aller Welt lächerlich zu machen.

Ob die neue Unabhängigkeit den Datenschutz in Deutschland voranbringt, ist allerdings fraglich. In Fernsehtalkshows, Zeitungs- und Radiointerviews zu Datenschutzthemen taucht bis heute fast immer nur Voßhoffs Amtsvorgänger Peter Schaar auf. Der mischt sich gern auch ungefragt ein und verkörpert das Gegenteil von Voßhoff – die sich offenbar erst einmal um das Innenleben der Institution kümmern wollte. Bei Amtsantritt habe sie "eine in Teilbereichen mangels Personal nicht oder nur begrenzt funktionsfähige Aufsichtsbehörde vorgefunden", schreibt sie.

Ein wundersamer Meinungswandel

Um mehr über Andrea Voßhoff zu erfahren, bleibt erst einmal nur eine Internetrecherche: Geboren wurde sie am 31. Juli 1958 in Haren an der Ems, einer 23.000-Einwohner-Gemeinde an der Grenze zu den Niederlanden. Nach dem Abitur studierte sie Jura in Münster und Lausanne, arbeitete danach als Rechtsanwältin und später in einem Notariat. Von 1998 bis 2013 saß sie für die CDU im Bundestag und war Mitglied im Rechtsausschuss. Sie gehörte zum Wahlausschuss, der die Hälfte der Richter des Bundesverfassungsgerichts bestimmt. In den letzten drei Jahren ihrer Abgeordnetenzeit war sie rechtspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Fraktion.

Beim Bundesinnenministerium erfährt man, dass Voßhoff als Bundesdatenschutzbeauftragte nach der sogenannten Besoldungsgruppe B9 bezahlt wird – ebenso wie Botschafter, der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz und der des Bundeskriminalamtes. Jeden Monat überweist ihr der deutsche Staat somit mindestens 10.746,50 Euro.

Abgesehen von den neutralen Fakten, fördert die Recherche wenig Schmeichelhaftes über Voßhoff zutage: "Die Datenschutzbeauftragte ist ein Desaster", schrieb Constanze Kurz, Sprecherin des Chaos Computer Clubs, zu Voßhoffs einjährigem Dienstjubiläum. "Eine Fehlbesetzung", befand die taz. "Hochumstritten", meinte die Welt.

Eine der wenigen Gelegenheiten, Voßhoff einmal live zu erleben, bot sich Mitte Juni, als die Hoffnung auf ein Interview noch nicht aufgegeben war und sie auf einer Pressekonferenz in Berlin ihren Tätigkeitsbericht vorstellte: die 316 Seiten dicke papiergewordene Zusammenfassung dessen, was ihre Mitarbeiter im vergangenen Jahr geleistet haben. Ein Behördentagebuch.

Knapp 20 Journalisten sind in den großen Saal der Bundespressekonferenz gekommen, dessen blaue Wand die Zuschauer aus den Fernsehnachrichten kennen. Sie hören zu, als Voßhoff erzählt, dass ihre Behörde mit rund 90 Mitarbeitern zu schlecht ausgestattet sei, dass es im vergangenen Jahr 350 Gesetzgebungsverfahren zu Datenschutzthemen gegeben habe, an denen ihr Haus beteiligt war, und dass sie den Datenschutz in Deutschland für eine Großbaustelle halte. Voßhoff warnt davor, Daten freizügig im Internet zu hinterlassen, und erzählt, dass sie selbst als eine ihrer ersten Amtshandlungen ihr Facebook-Profil gelöscht habe.

Als Voßhoff noch im Bundestag saß, stimmte sie für die Vorratsdatenspeicherung

Das sind zwar nur Binsenweisheiten, gleichwohl klingen ihre Sätze einstudiert. Voßhoffs Sprechtempo hinterlässt den Eindruck, dass sie die Sache schnell hinter sich bringen will. Es wirkt fast so, als fehle ihr das notwendige Selbstbewusstsein für ihr Amt. Nach nicht einmal 60 Minuten ist alles vorbei. Am Abend zeigt die Tagesschau ein paar Bilder aus der Pressekonferenz. Einige Zeitungen drucken am nächsten Morgen kleine Meldungen. Ein großer Auftritt für den Datenschutz ist Voßhoff nicht gelungen.

Vielleicht mag sie die Öffentlichkeit nicht. Warum aber hat sie dann ein Amt angetreten, das im digitalen Zeitalter so bedeutend ist? Darüber hätte man gern ausführlicher mit ihr gesprochen. Sie mailt nur: Ihr Hauptanliegen sei es bisher gewesen, "für ein tragfähiges Fundament einer starken Aufsichtsbehörde zu arbeiten. Im Sprachgebrauch der digitalen Welt würde man sagen: für eine BfDI 2.0."

Und was ist mit ihrem wundersamen Meinungswandel? Als Parlamentarierin hat Voßhoff noch für die Vorratsdatenspeicherung gestimmt, die eine weitgehende Protokollierung des Telefon- und Surfverhaltens der Bürger vorsah. Das Vorhaben scheiterte jedoch am Bundesverfassungsgericht und am Europäischen Gerichtshof. Als Bundesdatenschutzbeauftragte ist Voßhoff heute anderer Auffassung. Von Amts wegen? Oder aus geänderter Überzeugung? Das schließe sich nicht aus, schreibt sie. Immer schon habe sie gesagt, "dass insbesondere das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für mich entscheidend war, die Vorratsdatenspeicherung nicht mehr befürworten zu können". Vor wenigen Wochen verabschiedete der Bundestag eine neue und modifizierte Gesetzesfassung zur Vorratsdatenspeicherung. Auf der Website von Voßhoffs Datenschutzbehörde findet sich nicht einmal eine Pressemitteilung dazu.

Es wäre auch interessant zu wissen, warum Voßhoff damals im Bundestag für die umstrittenen Online-Durchsuchungen stimmte, bei denen der Staat verdeckt auf Computersysteme zugreift. Und wieso sie früher für das Anti-Counterfeiting Trade Agreement war, das den internationalen Kampf gegen Urheberrechtsverletzungen unterstützen wollte, aber eben auch von Bürgerrechtlern für die Aushebelung des Rechtsstaates kritisiert wurde. Fragen dazu beantwortet Voßhoff nicht einmal schriftlich.

Wie kam Voßhoff an diesen Job?

Wenn sich daraus eine Haltung ableiten lässt – wie passt diese mit dem Amt zusammen? Und warum kam ausgerechnet Andrea Voßhoff an diesen Job?

Weil ihre Partei einen Versorgungsposten für sie brauchte, streuten damals ihre politischen Gegner. Fünfzehn Jahre lang war Voßhoff bei jeder Bundestagswahl über die Landesliste Brandenburg in den Bundestag gewählt worden, 2013 gelang ihr das nicht. Etwa zur gleichen Zeit wurde sie als Datenschutzbeauftragte gehandelt. Einige Zeitungen mutmaßten damals, die Regierung habe nach Voßhoffs meinungsstarkem Vorgänger Schaar endlich Ruhe beim Dauerthema Datenschutz gewollt und sich deshalb eine schwache Kandidatin ausgesucht. Voßhoffs Stellungnahme dazu: kein Kommentar.

Als er von ihrer Nominierung erfuhr, habe er den Namen erst googeln müssen, erinnert sich Werner Hülsmann. Er ist Vorstandsmitglied der Deutschen Vereinigung für den Datenschutz, einer Bürgerrechtsorganisation mit Sitz in Bonn. Viel Gutes habe er nicht gelesen, sagt er, "und echte Datenschutzexpertise hatte sie damals auch nicht". Nun wünscht sich Hülsmann, dass Voßhoff häufiger und bissiger das Wort ergreift, und das nicht nur zu Themen, über die ohnehin gesprochen wird. "Es gibt so vieles, was datenschutztechnisch noch nicht akut auf der Agenda steht und wo ich von Deutschlands oberster Datenschützerin trotzdem erwarten würde, dass sie sich dazu äußert", sagt er. Gemeint sei unter anderem die Datensicherheit bei digital vernetzten Häusern.

Zum Jahreswechsel soll die neu geschaffene Bundesbehörde sechs weitere Stellen bekommen. Inhaltlich wolle sie sich dann beispielsweise um die Umsetzung der Europäischen Datenschutzgrundverordnung kümmern, schreibt Voßhoff. "Wirksame Sanktionsmöglichkeiten werden datenschutzrechtliche Vorgaben noch effektiver als bisher durchsetzen können." Was das im Detail bedeuten soll, verrät sie leider nicht. Aber drei Jahre als Bundesdatenschutzbeauftragte liegen ja noch vor ihr.