Smartphones – klar doch! Smart Homes – schon mal irgendwo gehört. Aber Smart Nations? Dazu fällt den allermeisten Bürgern überhaupt nichts ein. Folglich muss, wer vor der digitalen Aufrüstung einer Gesellschaft zur Smart Nation warnen möchte, erst einmal erklären, was das denn ist. Und dann, warum dies eine schlechte Sache wäre.

Diesen Versuch unternehmen neun Fachleute in der Januar-Ausgabe der Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft (die in der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck erscheint, welche auch einen Anteil am Zeitverlag hält). In ihrem Aufruf "zur Sicherung von Freiheit und Demokratie" warnen sie vor einer "Datendiktatur" und berufen sich dabei auf keinen Geringeren als das Alphatier der philosophischen Ratio, Immanuel Kant: "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit."

Hier geht es nicht um irgendwelche Interna der Informatik. Die Autoren kommen selbst überwiegend aus anderen Disziplinen. Unter ihnen befinden sich zum Beispiel Gerd Gigerenzer, viel zitierter Risikoexperte und Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Bevölkerungsforschung, sowie die Unternehmerin Yvonne Hofstetter. Sie verdient ihr Geld selbst mit Großdatenanalyse, ihre Münchner Firma Teramark Technologies entwickelt mithilfe künstlicher Intelligenz Algorithmen zur Auswertung großer Datenmengen. Als Buchautorin warnt sie vor einem Missbrauch dieser Technik. Zu Gigerenzer und Hofstetter gesellen sich Ethiker, Ökonomen und Soziologen (siehe Kasten).

Das Digital-Manifest lässt ein beklemmendes Zukunftsszenario plausibel erscheinen, in dem nicht einzelne Datenkonzerne (Google, Facebook und Co.) oder Geheimdienste (die amerikanische NSA, das britische GCHQ et cetera) die Freiheit des Einzelnen bedrohen, sondern der eigene Staat, der sich unter dem Einfluss neuer Techniken schleichend automatisiert.

Diese Dystopie ist keine Science-Fiction, wie das Beispiel der chinesischen Bürgerpunkte zeigt: Chinas Regierung baut mithilfe einheimischer Internetkonzerne ein Einwohner-Bewertungs-System auf. Daten aus Sozialen Netzwerken sollen mit solchen über Kauf- und Zahlungsverhalten kombiniert werden. Am Ende steht eine öffentlich einsehbare Punktzahl, der "Citizen Score". Er kann einen Wert zwischen 350 und 950 annehmen. Für Stellen- oder Kreditvergaben soll er ebenso herangezogen werden wie bei Visaanträgen (Singapur ab 700, Europa ab 750 Punkte). Einen "Punktrichter" nannte das die FAZ: Aus digitalen Indizien wird auf bürgerliches Wohlverhalten geschlossen. Und der Algorithmus entscheidet über reale Vor- und Nachteile für die Beurteilten. Wem sein Score lieb ist, der wird nicht über das Tiananmen-Massaker twittern. 2020 soll dieses System verpflichtend werden. Dann wird ein jeder (Chinese) im Bewusstsein leben, dass der eigene Score auch von der Performance der eigenen Freunde und Verwandten beeinflusst wird. Konformität durch Bevormundung, Überwachung, soziale Kontrolle, Sippenhaft. – "Smart" ist so ein Staat analog zum smarten Telefon oder zur smarten Haustechnik, weil so viele seiner Funktionen digital und automatisch ablaufen.