DIE ZEIT: Herr Seifert, Sie sind Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Fußball Liga, DFL, sitzen im Vorstand des Ligaverbandes und sind automatisch Vizepräsident des Deutschen Fußballbundes, DFB – was hat Sie zuletzt mehr überrascht: die Dimension der Skandale im nationalen und internationalen Fußball oder der Umgang damit?

Christian Seifert: Eine Frage, die man nicht pauschal beantworten kann. Bezogen auf den DFB, kann man festhalten: Die Ermittlungen laufen, wobei allzu viele wirklich belastbare Fakten bisher noch nicht ans Licht gekommen sind.

ZEIT: Nein?

Seifert: Sollten wir vielleicht der Reihe nach vorgehen?

ZEIT: Beginnen wir mit der Fifa.

Seifert: Die Frage lautet schon lange nicht mehr, ob das System Fifa zusammenbricht, sondern, wann. Insofern wundern mich die Entwicklungen nicht. In den letzten Jahren ist in extrem kurzer Zeit extrem viel Geld in ein in sich abgeschottetes System mit vielen gegenseitigen Abhängigkeiten geflossen. Es gab kaum Strukturen, die Kontrollmechanismen sichergestellt hätten, die es bei Summen dieser Größenordnung aber unbedingt braucht. Dass das FBI den Ausschlag gibt, um Veränderungen auf den Weg zu bringen, ist ein Indiz für den Zustand der Fifa und deren Fähigkeit zur Selbstverwaltung.

ZEIT: Womit wir beim Deutschen Fußball-Bund wären. Haben Sie die dortigen Entwicklungen auch vorhergesehen?

Seifert: Nein, ich war wie viele negativ überrascht und irritiert angesichts sich überschlagender Meldungen. Es dauerte, bis man die Fakten einigermaßen von den Gerüchten trennen konnte. In der Diskussion rund um die WM 2006 gab es offensichtlich verschiedene Motivlagen.

ZEIT: Was meinen Sie?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 17.12.2015.

Seifert: Unbestritten ist, dass es Vorkommnisse gab, die aufgeklärt werden müssen. Die Debatte erinnerte mich aber ein bisschen an die Vorgänge um den früheren Bundespräsidenten Christian Wulff. Anfangs ging es darum, ob ein hoher Amtsträger gelogen hat, und zum Schluss waren wir bei einem Bobbycar. Objektiv betrachtet, fehlt bis heute ein belastbarer Beweis für auch nur eine gekaufte Stimme im Kontext der WM 2006. Der Skandal um das "Sommermärchen" reduziert sich bis jetzt auf ein in der Tat Fragen aufwerfendes Schriftstück, das Jack Warner und Franz Beckenbauer unterschrieben haben. Und auf eine nicht geklärte DFB-Überweisung von 6,7 Millionen Euro auf ein Konto, das offenbar von Fifa-Entscheidungsträgern angegeben wurde.

ZEIT: Hört sich eher nach Mafia als nach DFB an, finden Sie nicht?

Seifert: Ich will das wirklich nicht verharmlosen, aber was heutzutage zu Recht am Pranger steht, fand um die Jahrtausendwende statt, als in der Wirtschaft, aber auch juristisch in vielen Sachverhalten noch andere Wertmaßstäbe galten und sogenannte "nützliche Aufwendungen" vielerorts bekannt waren. Heute legt man andere Kriterien an, und das ist auch gut so. Aber jetzt mit dem Finger nach hinten und auf andere zu zeigen ist leicht.

ZEIT: Sie kritisieren die Strukturen bei der Fifa als geschlossenes System und verteidigen den DFB. Herrschen dort nicht ähnliche Strukturen: ein Organigramm, in dem eine unabhängige Kontrolle des operativen Geschäfts nicht existiert?

Seifert: Ich kritisiere und verteidige niemanden, sondern versuche eine objektive Analyse. Für die DFL kann ich sagen, dass eine Struktur eingezogen wurde, die sich an Corporate-Governance-Kriterien orientiert. Einem Vorstand, dem die Verbandsmitglieder satzungsgemäß und transparent Aufgaben übertragen haben, einer Geschäftsführung, die für das gesamte operative Geschäft zuständig ist – und einem Aufsichtsrat, der diese Geschäftsführung und damit auch mich kontrolliert.

ZEIT: Wäre das nicht eine Empfehlung an die Kollegen des DFB wert?

Seifert: Ich werde öffentlich nichts empfehlen, bin aber sicher, dass es im Zuge des ohnehin anstehenden Erneuerungsprozesses sinnvoll ist, die Strukturen den sich verändernden Anforderungen selbst anzupassen, als irgendwann von den äußeren Umständen dazu gezwungen zu werden. Eine klare Trennung von Aufsicht und operativer Verantwortung ist unumgänglich.