Für weitere Artikel zur Serie "Stimmt's?" klicken Sie auf dieses Bild. © Jeff J. Mitchell/Getty Images

Warum ist Eis rutschig? Physiker haben mit den unterschiedlichsten Antworten auf diese erstaunlich schwierige Frage aufgewartet. Einig sind sie sich, dass Schlittschuhe oder Ski nur deshalb so gut gleiten, weil zwischen ihnen und dem Eis oder Schnee eine Wasserschicht existiert. Aber woher kommt die?

Da ist zunächst die Erklärung mit dem Druck: Übt man auf Eis einen kräftigen Druck aus, dann vermindert sich dessen Schmelzpunkt. Beim Schlittschuhlaufen drückt unser gesamtes Körpergewicht auf die winzig kleine Fläche der Kufen, es entsteht ein sehr hoher Druck. Die Erklärung klingt plausibel, bis man sie durchrechnet. Das hat ein Ingenieur namens John Joly 1886 getan – er kam auf einen Druck von 472 Bar, der den Schmelzpunkt auf minus 3,5 Grad senken würde. Aber wir können auch bei kälteren Temperaturen gut Schlittschuh laufen. Und selbst bei noch so hohem Druck läge der Schmelzpunkt niemals unter minus 22 Grad.

Die zweite Erklärung: Die Kufen reiben sich mit dem Eis, Reibung erzeugt Wärme, und die lässt das Eis schmelzen. Tatsächlich konnte experimentell nachgewiesen werden, dass Reibung die Temperatur an der Schnittstelle von Kufe und Eis erhöht – je schneller die Bewegung, desto wärmer.

Aber damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Jeder weiß, dass man auf Eis auch ausrutschen kann, wenn man einfach nur drauf steht – schon eine unbedachte Gewichtsverlagerung kann zum Sturz führen. Mit Reibung lässt sich diese Glätte nicht erklären. Stattdessen muss man auf eine Erkenntnis zurückgreifen, die schon der Physiker Michael Faraday im Jahr 1850 hatte, die aber dann mehr oder weniger in Vergessenheit geriet: Eis ist auch ohne äußere Einwirkung stets von einem dünnen, flüssigen Film überzogen. Den darf man sich nicht vorstellen wie eine Pfütze – es handelt sich um eine wenige Nanometer dicke Schicht von Molekülen, die nicht in das Kristallgitter eingebunden sind und sich relativ leicht gegeneinander verschieben. Inzwischen ist dieser Film mit modernen Methoden vermessen worden, und Berechnungen haben ergeben, dass er bis hinunter zu einer Temperatur von minus 35 Grad existiert. Darunter wird das Schlittschuh- und Skifahren tatsächlich mühsam.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 17.12.2015.

Eis ist also sogar dann glatt, wenn niemand darauf ausrutscht!

Die Adressen für "Stimmt’s"-Fragen: DIE ZEIT, Stimmt’s?, 20079 Hamburg oder stimmts@zeit.de.

Das "Stimmt’s?"-Archiv: www.zeit.de/stimmts

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio