Die Frage, wie politisch das Theater sein muss, ist so alt wie das Theater selbst. Wie politisch es sein darf, war aber zumindest in den vergangenen 25 Jahren in diesem Land keine Frage. An diesem Dienstag allerdings ging es vor der 27. Zivilkammer des Berliner Landgerichts um nicht weniger als die Frage nach der Freiheit der Kunst. Die Antwort lässt die Theaterwelt aufatmen.

Die stellvertretende Vorsitzende der Alternative für Deutschland (AfD), Beatrix von Storch, und die christlich fundamentalistische Lebensrechtsaktivistin Hedwig Freifrau von Beverfoerde, Sprecherin des Aktionsbündnisses "Demo für alle", hatten in der Vorwoche einstweilige Verfügungen gegen die Berliner Schaubühne erwirkt, wonach ihre Porträts in dem Stück FEAR des Regisseurs Falk Richter nicht mehr gezeigt werden dürfen. Die Schaubühne war trotz einer hinterlegten Schutzschrift in der Sache nicht angehört worden und hatte daher umgehend Widerspruch eingelegt.

"Diesen Angriff auf die Kunstfreiheit konnten wir nicht tolerieren", sagt Thomas Ostermeier, der künstlerische Leiter des Hauses, der ZEIT. Jetzt hat das Gericht die Verfügungen kassiert. Damit kann die nächste Aufführung am 8. Januar 2016 unverändert stattfinden. "Es ging hier um die Verteidigung hoher Werte, deswegen sind wir sehr beruhigt über diese Entscheidung", kommentiert nun Ostermeier.

Ende Oktober feierte FEAR Uraufführung – und sorgt seither für Diskussionen, wie sie das Theater nur noch selten anzustoßen vermag. Das Stück ist eine zweistündige, dauerlärmende Abhandlung über Angst. Die Angst der sogenannten besorgten Bürger vor allem Fremden und unsere Angst vor diesen besorgten Bürgern. Falk Richters Figuren sind ohnmächtige Enddreißiger, eingerichtet in ihrer Manufactum-Welt, die lieber Serien schauen möchten, als den Aufstand zu proben. Ihre Sorgen kreisen um die nächste Yogastunde oder "diese reichen Scheißnorweger", die die Immobilienpreise in die Höhe treiben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 17.12.2015.

In diesen kleinbürgerlichen, unpolitischen Berliner Hipster-Alltag kracht plötzlich die radikale politische Wirklichkeit hinein: brennende Asylbewerberheime, hetzende Neurechte, geistige Brandstifter von AfD bis Pegida. Horden von Menschen mit Argumenten, "von denen wir doch eigentlich das Gefühl hatten, sie seien mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs untergegangen", wie Ostermeier sagt. Was macht man mit solchem Aufruhr in einer saturierten Welt?

Richters Figuren haben in FEAR Schreckensvisionen, fallen in fieberhafte Albträume, schreien, grunzen, leiden. Im Hintergrund flirren unablässig Bilder von faulzahnigen, blutgeilen Zombies über die Bühne, die unter anderem mit den Porträts von Beate Zschäpe und Frauke Petry – und eben auch von Beatrix von Storch sowie "dieser schrecklichen adligen Krähe" Hedwig von Beverfoerde gegengeschnitten werden.

Das ist hart. Das ist eindrücklich. Aber rechtswidrig ist es nicht. Es geht in Richters Stück um die Frage, wie diese gefährlichen Gedanken wieder aus der Welt zu schaffen sind. Die Gedanken, wohlgemerkt, nicht die Menschen, die sie in die Welt tragen.