DIE ZEIT: Herr Hufeld, war Anshu Jains Rücktritt bei der Deutschen Bank im Juni unnötig?

Felix Hufeld: Wir äußern uns zu einzelnen Instituten grundsätzlich nicht.

ZEIT: Es heißt, der Abschlussbericht Ihrer Behörde zum Skandal um manipulierte Marktzinsen falle weit milder aus als ein Zwischenbericht, der im Sommer an die Öffentlichkeit gedrungen war und dem früheren Co-Chef Jain Führungsversagen vorgeworfen hatte.

Hufeld: Ich kann Ihnen nur erklären, wie Aufsicht im Allgemeinen funktioniert: Wir analysieren Missstände, teilen dem Institut unsere Schlüsse mit und fordern es auf, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Und wenn uns das Institut erklärt, was es zu tun gedenkt, sagen wir ihm, ob es auf dem richtigen Weg ist oder nicht.

ZEIT: Es hält sich hartnäckig das Gerücht, ein Gespräch zwischen Ihnen und Aufsichtsratschef Paul Achleitner habe stark dazu beigetragen, dass Anshu Jain heute nicht mehr im Amt ist.

Hufeld: Auch hierzu kann ich Ihnen nichts sagen. Aber dass die BaFin mit einem so großen Institut wie der Deutschen Bank ständig im Gespräch ist, und zwar auf allen Ebenen, ist doch selbstverständlich. Das war immer so und wird auch in Zukunft so sein.

ZEIT: Liegt der Abschlussbericht zu den Zinsmanipulationen denn nun endlich vor?

Hufeld: Dieser Vorgang wird demnächst abgeschlossen sein.

ZEIT: Werden Sie das Ergebnis öffentlich machen?

Hufeld: Die Rechtslage spricht dagegen, wenn es einzelne Unternehmen betrifft – aus guten Gründen. Etwas anderes ist die Frage, was ein Institut selbst am Ende veröffentlichen möchte. Das müssen die Verantwortlichen dort entscheiden. Generell muss ich sagen: Das Ausmaß an Publizität, das im Fall der Deutschen Bank entstanden ist, beruht auf einer Reihe von Lecks, die wir nicht begrüßen. Wir wissen nicht, aus welchen Ecken das kommt, aber wir wissen, dass es nicht hilfreich ist, wenn Aufsicht im vollen Scheinwerferlicht stattfindet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 17.12.2015.

ZEIT: Müsste Ihre Macht nicht im Gegenteil noch öfter öffentlich sichtbar werden?

Hufeld: Die Öffentlichkeit sieht ja die Konsequenzen, die in einem Haus gezogen werden.

ZEIT: Die Öffentlichkeit kann meist nur vermuten, dass Sie Ihre Macht tatsächlich ausüben. Kontrollieren kann sie Ihre Arbeit nicht.

Hufeld: Da haben Sie recht. Die Bürger müssen darauf vertrauen, dass wir unsere Arbeit gut machen. Das ist wie beim Eisberg: Sie sehen nur ein Sechstel oberhalb der Oberfläche, nicht den Rest.

ZEIT: Ist das denn noch zeitgemäß? Aufseher anderer Länder informieren die Öffentlichkeit weit mehr als Ihre Behörde.

Hufeld: Wir fühlen uns dem Gedanken verpflichtet, dass wir etwas bewirken wollen, ob in sachlicher oder personeller Hinsicht – dies aber mit dem geringstmöglichen Eingriff. Wir lassen nie einen Zweifel daran, was wir erreichen wollen. Tut ein Institut, was wir für richtig halten, ohne dass wir einen formalen Akt erlassen müssen, sehen wir das als Erfolg an. Nur in den wenigsten Fällen sind wir gezwungen, offiziell zu handeln. Ich betrachte das als eine Stärke deutscher Aufsichtskultur. Und vergessen Sie nicht: Wir unterstehen dem Bundesfinanzministerium, sind damit Teil der Exekutive und werden als solche vom Parlament überwacht. Wenn nötig, stehen wir Ausschüssen des Bundestags Rede und Antwort. Von einem Mangel an demokratischer Kontrolle kann keine Rede sein.

ZEIT: War Ihre Einflussnahme im Fall der Deutschen Bank ein Signal Ihrer Stärke oder ein letztes Hurra? Der Zinsskandal stammt aus der alten Ära der Aufsicht, heute ist die Europäische Zentralbank (EZB) für die Deutsche Bank zuständig.

Hufeld: Die Aufsicht findet gemeinsam statt. So bestehen die gemeinsamen Teams der neuen Aufsicht für die 123 größten Banken der Euro-Zone zu einem Viertel aus Vertretern der EZB und zu drei Vierteln aus Vertretern der nationalen Aufsichtsbehörden. Das spricht für sich.

ZEIT: Sie haben aber weniger zu entscheiden.

Hufeld: Alle zentralen Entscheidungen werden vom Supervisory Board getroffen, in dem Deutschland durch mich vertreten ist. Dieses Gremium trifft sich jede zweite Woche, in der Regel für zwei volle Tage, mit Arbeitsabendessen – und seien Sie versichert, wenn die Präsidentin Danièle Nouy zum Arbeitsabendessen einlädt, dann meint sie auch genau das. Die Verschränkungen, aber auch der Geist der handelnden Personen erlauben wirklich nicht, die Lage schwarz-weiß zu malen.