Vor einer Flüchtlingsunterkunft in Bergisch-Gladbach (Archiv) © Patrik Stollarz/AFP/Getty Images

In deutschen Apotheken kann man, wenn man will, vergoldete Zahnpasta kaufen. Eine Tube kostet 150 Euro, es sind 23,75 Karat reines Gold darin enthalten, dessen entzündungshemmende Wirkung erwiesen ist. Diesen Luxus gönnen sich natürlich nur ganz wenige von uns. Die meisten werden so etwas albern finden.

Für jemanden, der aus Afghanistan, dem Irak oder Syrien zu uns gekommen ist, wirkt aber fast alles, was wir besitzen, so exquisit wie vergoldete Zahnpasta: ein Bett mit sauberer Wäsche, eine eigene Dusche, ein Paar Winterstiefel.

Das Auswärtige Amt hat in Afghanistan gerade eine Kampagne gestartet, die Afghanen davon abbringen soll, nach Deutschland zu fliehen. Der dazugehörige Hashtag auf Facebook lautet #RumoursAboutGermany, Gerüchte über Deutschland. Auch Plakate wurden im ganzen Land aufgehängt, um vor Illusionen zu warnen: Das Leben in Deutschland sei gar nicht so angenehm, wie die Afghanen sich das immer vorstellten. Aber das ist eine Frage der Perspektive. In Deutschland wird man jedenfalls nicht von einer amerikanischen Drohne getroffen, während man im Krankenhaus liegt. In Kundus wurde am 3. Oktober die einzige chirurgische Klinik im Nordosten Afghanistans zerstört, 42 Menschen starben, Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen und Patienten. Zehntausende Menschen haben nun keinen Zugang mehr zu Notfallmedizin.

Der Krieg in Afghanistan ist nicht vorbei. 3.699 Zivilisten kamen dabei im Jahr 2014 ums Leben. Die Gerüchte, die sich die Afghanen über uns erzählen, stimmen schon: Man lebt hier vergleichsweise sicher.

In den vergangenen Monaten, in denen die Menschen aus Kriegsgebieten nach Deutschland kamen, wurde viel über die Gegensätze zwischen den Kulturen gesprochen. Wir haben eine Kanzlerin; die Araber verhängen ihre Frauen mit schwarzem Stoff. Hier Bratwurst, da strenge Speisegesetze, die Schweinefleisch verbieten.

Doch der größte Unterschied zwischen den Fremden und uns blieb bislang unerwähnt: Sie werden vom Pech verfolgt und haben nichts. Wir wissen das Glück auf unserer Seite und leben im Überfluss. Sie sind leidgeprüft. Wir sind verwöhnt.

Wir – damit sind wir Deutschen gemeint. Nicht alle Deutschen natürlich, manche sind arm oder armutsgefährdet und fragen sich täglich, wie sie sich und ihre Kinder über die Runden bringen sollen. Gemeint sind die vielen Deutschen, die sich keine existenziellen Sorgen machen müssen, die Deutschen also, die selbst darüber entscheiden, wie sie ihr Dasein verbringen. Ein friedliches Dasein, ohne Drohnen, ohne Krieg, ohne Angst.

Aus unserer Sicht ist Unglück das, was den anderen passiert. Weltgeschehen spielt sich in der Ferne ab. Wir gucken zu.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 17.12.2015.

Wir kennen die Gesichter der anderen, die es nicht so gut getroffen haben wie wir. Wir haben schon oft Bilder von ihnen in der Zeitung und im Fernsehen gesehen: ein spielendes Kind vor einem zerbombten Haus. Ein Vater, der seinen toten Sohn im Arm hält. Eine weinende Frau mit Kopftuch. Ein zerstörter Straßenzug voller Menschen, die um Essen anstehen.

Dass wir diesen Unglücklichen einmal persönlich begegnen würden, hätte niemand gedacht.

Doch jetzt sind sie da. Sie stehen am Bahngleis neben uns, zu erkennen an den durchgelaufenen Schuhen, den zu dünnen Jacken und dem ratlosen Blick auf die Anzeigetafeln.

Sie liegen am Hamburger Hauptbahnhof schlafend auf dem Boden, den Kopf auf das Knie des anderen gelegt. Frisch gewaschen und ordentlich gekleidet steht man vor ihnen und fragt sich: Wie sollen wir bloß miteinander sprechen?