In deutschen Apotheken kann man, wenn man will, vergoldete Zahnpasta kaufen. Eine Tube kostet 150 Euro, es sind 23,75 Karat reines Gold darin enthalten, dessen entzündungshemmende Wirkung erwiesen ist. Diesen Luxus gönnen sich natürlich nur ganz wenige von uns. Die meisten werden so etwas albern finden.

Für jemanden, der aus Afghanistan, dem Irak oder Syrien zu uns gekommen ist, wirkt aber fast alles, was wir besitzen, so exquisit wie vergoldete Zahnpasta: ein Bett mit sauberer Wäsche, eine eigene Dusche, ein Paar Winterstiefel.

Das Auswärtige Amt hat in Afghanistan gerade eine Kampagne gestartet, die Afghanen davon abbringen soll, nach Deutschland zu fliehen. Der dazugehörige Hashtag auf Facebook lautet #RumoursAboutGermany, Gerüchte über Deutschland. Auch Plakate wurden im ganzen Land aufgehängt, um vor Illusionen zu warnen: Das Leben in Deutschland sei gar nicht so angenehm, wie die Afghanen sich das immer vorstellten. Aber das ist eine Frage der Perspektive. In Deutschland wird man jedenfalls nicht von einer amerikanischen Drohne getroffen, während man im Krankenhaus liegt. In Kundus wurde am 3. Oktober die einzige chirurgische Klinik im Nordosten Afghanistans zerstört, 42 Menschen starben, Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen und Patienten. Zehntausende Menschen haben nun keinen Zugang mehr zu Notfallmedizin.

Der Krieg in Afghanistan ist nicht vorbei. 3.699 Zivilisten kamen dabei im Jahr 2014 ums Leben. Die Gerüchte, die sich die Afghanen über uns erzählen, stimmen schon: Man lebt hier vergleichsweise sicher.

In den vergangenen Monaten, in denen die Menschen aus Kriegsgebieten nach Deutschland kamen, wurde viel über die Gegensätze zwischen den Kulturen gesprochen. Wir haben eine Kanzlerin; die Araber verhängen ihre Frauen mit schwarzem Stoff. Hier Bratwurst, da strenge Speisegesetze, die Schweinefleisch verbieten.

Doch der größte Unterschied zwischen den Fremden und uns blieb bislang unerwähnt: Sie werden vom Pech verfolgt und haben nichts. Wir wissen das Glück auf unserer Seite und leben im Überfluss. Sie sind leidgeprüft. Wir sind verwöhnt.

Wir – damit sind wir Deutschen gemeint. Nicht alle Deutschen natürlich, manche sind arm oder armutsgefährdet und fragen sich täglich, wie sie sich und ihre Kinder über die Runden bringen sollen. Gemeint sind die vielen Deutschen, die sich keine existenziellen Sorgen machen müssen, die Deutschen also, die selbst darüber entscheiden, wie sie ihr Dasein verbringen. Ein friedliches Dasein, ohne Drohnen, ohne Krieg, ohne Angst.

Aus unserer Sicht ist Unglück das, was den anderen passiert. Weltgeschehen spielt sich in der Ferne ab. Wir gucken zu.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 17.12.2015.

Wir kennen die Gesichter der anderen, die es nicht so gut getroffen haben wie wir. Wir haben schon oft Bilder von ihnen in der Zeitung und im Fernsehen gesehen: ein spielendes Kind vor einem zerbombten Haus. Ein Vater, der seinen toten Sohn im Arm hält. Eine weinende Frau mit Kopftuch. Ein zerstörter Straßenzug voller Menschen, die um Essen anstehen.

Dass wir diesen Unglücklichen einmal persönlich begegnen würden, hätte niemand gedacht.

Doch jetzt sind sie da. Sie stehen am Bahngleis neben uns, zu erkennen an den durchgelaufenen Schuhen, den zu dünnen Jacken und dem ratlosen Blick auf die Anzeigetafeln.

Sie liegen am Hamburger Hauptbahnhof schlafend auf dem Boden, den Kopf auf das Knie des anderen gelegt. Frisch gewaschen und ordentlich gekleidet steht man vor ihnen und fragt sich: Wie sollen wir bloß miteinander sprechen?

Warum müssen andere leiden und wir nicht?

Man kann den Geflüchteten natürlich einfach ein paar Fragen stellen. Man merkt dann schnell: Sie erleben ihr Unglück genau so, wie man es selbst wahrscheinlich erleben würde.

Man fragt zum Beispiel einen jungen Mann, der aus Syrien herkam: Wie war die Überfahrt im Schlauchboot? Es war ganz schön verrückt, sagt er.

Oder man fragt eine schwangere Frau aus dem Irak: Wie ist es, seit einem Monat nicht in einem Bett geschlafen zu haben? Mein Rücken tut weh, sagt sie.

Flüchtlinge sind keine Experten des Leidens, mit eigener Fachsprache, die man nicht versteht. Flüchtling sein ist kein Beruf. Diese Menschen haben ein paar Habseligkeiten in eine Tasche oder einen Rucksack geworfen, ohne sicher zu wissen, was man für eine Flucht so alles braucht und was nicht, und sind losgegangen.

Es ist also erstaunlich einfach, Gespräche mit Flüchtlingen zu führen.

Aber wie sollen wir mit der plötzlichen Erkenntnis umgehen, die uns während dieser Gespräche vielleicht trifft: dass das Schicksal es unendlich gut mit uns gemeint hat?

Womit haben wir das verdient? Warum wurden wir verschont? Warum müssen andere leiden und wir nicht?

Auf der Suche nach einer Antwort könnte man auf die Idee kommen, der eigene vernünftige Charakter habe einen wesentlichen Anteil daran, dass in diesem Land Wohlstand herrscht. Tun wir Deutschen nicht ordentlich unsere Arbeit, zahlen unsere Steuern, behandeln unsere Frauen anständig, lassen unseren Nachbarn in Frieden? Weil wir so umgänglich sind, konnte die Bundesrepublik wachsen. (Dass es erst 70 Jahre her ist, seit Deutschland Krieg geführt und Millionen Juden ermordet hat, haben wir dabei irgendwo im Hinterkopf). Damit gäbe es für das Elend der anderen so etwas wie eine Erklärung: Sie wären nämlich mehr oder weniger selbst schuld. Man könnte sich also einigermaßen beruhigt wieder seinen Dingen zuwenden.

Um so zu denken, muss man allerdings sämtliche Erkenntnisse der Soziologie ignorieren, und die der Historiker gleich mit. Denn – ohne die Leistung Einzelner schmälern zu wollen – in Wirklichkeit ist es natürlich andersherum: Allein weil hier Frieden herrscht, konnten wir so nette Menschen werden, die immer mit sich reden lassen und auch für Geld nicht mehr alles tun würden.

Dazu ein Beispiel aus der neueren Geschichte: Mit dem mehr als 13 Jahre andauernden Embargo gegen den Irak, das Deutschland politisch und praktisch unterstützte, wurde ein hoch entwickeltes Land in die Armut gestürzt. Nach dem Einmarsch der irakischen Armee in Kuwait 1990 erließ der UN-Sicherheitsrat auf Betreiben der USA umfangreiche Handelssanktionen gegen den Irak. Nichts durfte mehr eingeführt werden, weder Salz, noch Wasserrohre oder Kinderfahrräder, auch keine Geräte zur Produktion von Milchpulver. Schulen wurden geschlossen, in Krankenhäusern fehlten die Medikamente. Die Alphabetisierungsrate, die zuvor eine der höchsten im arabischen Raum gewesen war, sank drastisch. Die Mittelschicht löste sich auf. Einer ganzen Generation wurde jede Chance genommen.

Aber zu glauben, Chaos und Gewalt gehörten nun mal zur muslimischen Kultur, ist natürlich angenehmer, als zu begreifen, dass es so etwas wie unverschuldetes Unglück gibt.

Wenn man sich entschieden hat, die Not der Ankommenden anzuerkennen, steht man dagegen vor ganz eigenen Problemen.

Deutsche Konsumgewohnheiten tragen zur Verwüstung des Planeten bei

Fast jede Notunterkunft stellt Bedarfslisten ins Internet. Shampoo wird zum Beispiel oft benötigt. Man sucht also den nächsten Drogeriemarkt auf, irrt durch die Gänge, bis man zum Shampooregal gelangt, und dann muss man sich entscheiden: Es gibt Shampoo für feines Haar, für fettiges Haar, für feines Haar mit fettigem Ansatz, für plattes Haar. Was für Haarprobleme hat jemand, der alles verloren hat? Strapaziertes Haar vielleicht?

Unsere geschmackvoll eingerichteten Wohnungen – zu Ehren Jesu Christi derzeit mit Tannenzweigen geschmückt – liegen nur ein paar Schritte von den Zelten entfernt, in denen dicht an dicht die Menschen schlafen, sodass die Krätze ausbricht.

Vieles, was bisher normal war, wirkt mit einem Mal irgendwie schräg.

Oder anders gesagt: Wir geraten jetzt manchmal ins Grübeln und ertappen uns dabei, dass wir echte moralische Bedenken haben. Ist es nicht falsch, über seine Haare nachzudenken, während andere vor dem Krieg fliehen? Macht man sich und anderen wirklich eine Freude, wenn man Schönes, aber Überflüssiges zu Weihnachten verschenkt, während es so vielen Menschen am Nötigsten fehlt, und zwar gleich hier nebenan, in der eigenen Stadt?

Das sind für uns ungewohnte Gedanken. Nicht weil uns in letzter Zeit jedes Unrechtsbewusstsein abhandengekommen wäre. Aber moralische Fragen erschienen uns bislang nicht gerade dringend. Wir haben sie eher nebenbei abgehandelt, beim Einkauf im Supermarkt.

Fast jedes Produkt, das wir kaufen, erzählt ja inzwischen eine moralische Story. Daraus ist ein differenziertes System der Redlichkeit entstanden: Biomilch ist besser als Milch aus Intensivtierhaltung, Weidemilch ist besser als Biomilch, am besten ist überhaupt keine Milch. Unsere Konsummoral ist komplexer als die Sexualmoral des viktorianischen Zeitalters. Eine weitere Gemeinsamkeit mit dem England des 19. Jahrhunderts: Die strengen Normen existieren – ob man sich daran hält, ist eine ganz andere Frage. Ein großer Teil der heutigen Verbraucher kauft Milch aus Massentierhaltung und beschränkt sich darauf, manchmal ein schlechtes Gewissen zu haben.

Es hat sich also in den vergangenen Jahren etwas verschoben. Der Alltag wird mit sittlichem Drama aufgeladen. Aber Existenzielles wie, sagen wir, eine gerechte Weltordnung wird gar nicht mehr als existenzielles Problem wahrgenommen, sondern als eines unter vielen. Während der Konsum heute übermoralisiert ist, ist die Politik untermoralisiert.

Die deutschen Konsumgewohnheiten tragen zur Verwüstung des Planeten bei, diese Einsicht gehört zu unserem modernen Selbstbild. Die deutsche Außenpolitik dagegen, so geht die Annahme weiter, sucht ausschließlich Frieden und Ausgleich.

Deutschland war an fast allen kriegerischen Auseinandersetzungen der vergangenen Jahrzehnte in Nahost beteiligt. Wir belieferten Saddam Husseins Giftgasproduktion, als der den Iran überfiel. Deutsche Kriegstechnik kommt bei den von Saudi-Arabien geführten Angriffen im Jemen zum Einsatz, bei denen in diesem Jahr Tausende Zivilisten starben, darunter 600 Kinder.

Der eigenen Wahrnehmung nach haben wir uns aber immer rausgehalten. Das schien auch deshalb so lange plausibel, weil andere, zum Beispiel die Amerikaner, im Nahen Osten immer mehr Härte gezeigt haben als wir. Sie, nicht wir, lenken die Drohnen nach Afghanistan, sie müssen gesellschaftlich irgendwie verarbeiten, dass ihre Armee Menschen tötet, auch erwiesenermaßen unschuldige. Wir stellen den Militärstützpunkt in Ramstein für den Drohnenkrieg zur Verfügung, tragen also Verantwortung am Geschehen – doch diese Tatsache scheint bislang nicht in unser Bewusstsein vorgedrungen zu sein. Dem jahrelangen Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan zum Trotz halten wir unser Militär für weitgehend harmlos.

In dieser Puppenheim-Atmosphäre der Verdrängung konnte die Konsummoral gut gedeihen. Es konnte die Idee entstehen, dass Milchkühe, die leiden, uns näherstehen als Menschen, die leiden.

Wer gehört zu uns und wer nicht?

Wir zerbrechen uns den Kopf über die psychischen Folgen, die es für ein Kalb hat, wenn es zu früh von seiner Mutter getrennt wird, während wir zugleich behaupten, das Töten von Kindern im Nahen Osten sei eine vom Völkerrecht gedeckte Kriegshandlung. Die Empörung über das Leid, das Hühnerküken angetan wird, ist riesig. Doch angesichts von menschlichem Elend zucken wir mutlos mit den Schultern. Ist nicht schön, sagen wir, aber was soll man machen, war leider schon immer so im Nahen Osten.

Eigentlich mehr noch: Wer darauf hinweist, dass die eine oder andere Entscheidung des Westens problematisch war, dem unterstellen wir einen Mangel an Realitätssinn. Diesen Vorwurf mussten sich bis vor Kurzem noch die Veganer anhören. Inzwischen gelten sie als neue Propheten, als Verkünder einer schmerzlichen, aber wahren Botschaft.

Mitgefühl für flauschige Tierbabys fällt natürlich leichter als zum Beispiel Mitgefühl mit fremd aussehenden jungen Männern. Die brauchen zwar auch unsere Hilfe, aber bewahren sich dabei womöglich etwas von ihrem Eigensinn, über den Küken nicht verfügen.

Jetzt erst erkennen wir, dass moralischer Konsum in den vergangenen Jahren deshalb so ein unglaublicher Erfolg war, weil er eine Projektion ist. Er verbessert die Herstellungsbedingungen bestimmter Produkte. Aber für uns selbst ist das ethisch korrekte Konsumieren erschreckend folgenlos, denn es erspart uns jeden echten Kontakt mit der Außenwelt. Wenn wir Produkte mit dem Fair-Trade-Siegel kaufen, schicken wir ein paar nette Gedanken an die Kakaobauern in der Ferne, an die Frauen, die in Sri Lanka unsere Kokosnüsse pflücken – aber das ist keine Begegnung. Wir reden nicht mit ihnen, erfahren nichts darüber, wie sie ihre Wirklichkeit erleben und wie sie zum Beispiel auf uns, den Westen, blicken. Vielleicht ziemlich kritisch.

Wir haben den Kokon, in dem wir gewohnt haben, immer dicker gesponnen. Jetzt ist er aufgebrochen, und wir blinzeln ins Licht.

Das Ende der Verwöhntheit ist nicht angenehm. Bei allem, was wir tun, muss nun das Elend der anderen mitgedacht und irgendwie ertragen werden. Schuldgefühle befallen einen auf dem Weihnachtsmarkt. Schuhe kaufen macht mit einem Mal deutlich weniger Spaß.

Aber wir erfahren auch etwas Gutes: die Intensität echter Begegnungen. Das Fremde, vor dem viele sich fürchten, ist gar nicht mehr so fremd. Wer gehört zu uns und wer nicht? Viele von uns beantworten sich diese Frage heute ganz anders als noch vor einem Jahr.

Der Angst ins Auge zu sehen lässt diese paradoxerweise kleiner werden. Alle Energie, die bislang in die Abschottung geflossen ist – genauer: der politische Wille –, kann jetzt in die Gestaltung des Miteinanders fließen.

Vielleicht sehnen manche von uns sich nach der Gemütlichkeit der vergangenen Jahre, als alles Gefährliche noch weit weg schien. Damals konnten wir sorglos die Zeitung durchblättern, weil das, was darin stand, nicht besonders viel mit uns selbst zu tun hatte. Aber das ist vorbei. Das Land hat sich verändert. Es gibt eine neue Erkenntnis: Die Antwort auf die drängenden Fragen dieser Zeit lautet nicht Weidemilch.

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