Sie nannten sich FC Grellkamp. FC für Fußball-Club, wie so viele Vereine in Deutschland seit Jahrzehnten heißen. Sie spielten beim Millerntor Cup, einem Hallenturnier von Fanclubs des FC St. Pauli. Alle zusammen in einem Team: Eritreer, Syrer, Afghanen. Alle Bewohner der Flüchtlingsunterkunft vom Grellkamp 40 in Langenhorn.

Das war am Sonntag. Da sah man Zusammenhalt – auf dem Platz. Das Team belegte Rang drei, ein großer Erfolg. Die Stimmung soll harmonisch gewesen sein.

Am Samstag, einen Tag zuvor, sah man ganz andere Szenen, allerdings in der Unterkunft. Die Polizei kann den Fall noch nicht zweifelsfrei rekonstruieren, aber nach allem, was Ermittler, Flüchtlinge und die Betreibergesellschaft Fördern und Wohnen sagen, muss es so abgelaufen sein: In der Schlange zur Kantine des Flüchtlingscamps kommt es zu einer Auseinandersetzung zwischen einem Eritreer und einem Syrer. Die Sicherheitskräfte bemerken den Streit, wollen schlichten, dabei wird der junge Mann aus Eritrea handgreiflich. Eine Wachfrau bekommt einen Ellbogen ins Gesicht. Als die Betreuer beschließen, den 24-Jährigen sicherheitshalber in eine andere Unterkunft zu verlegen, eskaliert die Situation. Landsleute des Eritreers solidarisieren sich mit ihm und greifen den Wachschutz an. Einige Syrer wiederum unterstützen die Sicherheitskräfte und attackieren die Eritreer.

Die Polizei rückt schließlich mit 21 Streifenwagen an, um die Schlägerei von 50 bis 70 Personen in den Griff zu kriegen.

Die Situation beruhigt sich. Aber nicht lange. Am Sonntag, parallel zum Fußballturnier, betrinken sich einige Eritreer in der Innenstadt und machen sich schließlich auf den Weg zurück in die Unterkunft. Nahe dem Grellkamp, so berichten es zwei Bewohner, treten sie die Scheiben zweier Bushaltestellen ein und bewaffnen sich dann offenbar mit Holzlatten und Steinen. Als die Sicherheitskräfte einschreiten wollen, kommt es erneut zu einer Prügelei mit 60 bis 80 Beteiligten – dieses Mal so heftig, dass sich Wachleute zwischenzeitlich angeblich in Räumen verschanzen und die Polizei 34 Streifenwagen zur Unterkunft schickt.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 51 vom 17.12.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Ergebnis der zwei Schlägereien: Acht verletzte Sicherheitskräfte, zehn vorläufige Festnahmen, zudem Ermittlungen wegen gefährlicher Körperverletzung, Landfriedensbruch und Bildung einer bewaffneten Gruppe.

Es ist nicht der erste Gewaltausbruch in einer Hamburger Flüchtlingsunterkunft, aber der bislang schlimmste. Und einer, der besonders verstört, denn die Anlage am Grellkamp galt bislang als vorbildlich.

Die etwa 600 Flüchtlinge wohnen in den Klassenräumen eines ehemaligen Schulgebäudes, nicht in einer Baumarkthalle. Mehrere der jungen Männer hätten bereits Ausbildungsplätze, teilt Fördern und Wohnen mit. Sie seien in Deutschkurse integriert, viele Freiwillige kümmerten sich um sie. Noch vor einigen Wochen berichteten Wachleute der Unterkunft am Grellkamp der ZEIT, dass die Stimmung unter den Bewohnern gut sei.

Woher kommt dann die Gewalt?

Viele der jungen Männer in den Erstaufnahmen fühlen sich ungerecht behandelt. Familien, Kranke und Schwangere führt Fördern und Wohnen auf Dringlichkeitslisten, sie werden rascher in eine Folgeunterkunft gebracht. Wer gesund ist, muss warten. Alleinreisende Männer sind dadurch oft viele Monate lang in einer Erstaufnahme und sehen, wie Flüchtlinge, die nach ihnen einquartiert wurden, vor ihnen weiterkommen. Viele der jungen Männer beschweren sich, dass andere bevorzugt würden. Über die Gründe kursieren Verschwörungstheorien, hängen bleibt der Eindruck: Wir werden unfair behandelt.