Fahrlehrer Dirk Konert (rechts) bringt dem Iraker Mahmood Shaker deutsche Verkehrsregeln bei.

Als er vor über zehn Jahren Autofahren gelernt hat, brauchte Mahmood Shaker keinen Führerschein. Wozu auch? In seiner Heimat Irak hat ihn nie jemand nach einer Fahrerlaubnis gefragt, nicht mal der Polizist, der ihn einmal angehalten hat. Verkehrsregeln gebe es zwar, aber kaum jemand halte sich daran. "Dem Nachbarn lässt man die Vorfahrt, einem Fremden nicht", sagt Shaker. Schilder dienten nur als grobe Orientierung, die Ampeln seien fast immer kaputt.

In Bielefeld sieht das etwas anders aus. Hier ist der 29-jährige Iraker nach seinem Studium in der Ukraine angekommen. In den Irak traute er sich nicht mehr zurück. Jetzt sitzt er im friedlichen Westfalen wieder am Steuer. Neben ihm allerdings bremst Fahrlehrer Dirk Konert zur Not mit. Shaker will die deutsche Führerscheinprüfung bestehen. Der Mediziner hofft hier als Landarzt arbeiten zu können. "Ohne Führerschein ist das undenkbar", sagt er.

Hunderttausende Flüchtlinge wollen bald wieder ihrem Beruf nachgehen. Zu all den Hürden der Asylanträge und der Sprache kommt für viele die fehlende Fahrerlaubnis hinzu. Hier entstehen hohe Kosten, selbst für jene Flüchtlinge, die – anders als Shaker – schon einen Führerschein besitzen. Denn Fahrerlaubnisse aus den typischen Herkunftsländern wie Syrien, Afghanistan oder dem Irak werden in Deutschland nur für sechs Monate nach einer "Touristenregelung" anerkannt. Für eine Umschreibung ist dann eine theoretische und praktische Prüfung vonnöten.

Früher kurvte Mahmood Shaker regelmäßig durch die wuseligen Straßen im irakischen Haditha, seine Eltern brachten ihm die wichtigsten Handgriffe und Regeln bei. Nun fixieren seine Augen abwechselnd die Straße und die Spiegel, beide Hände umklammern fest das Lenkrad. "Siehst du dieses blaue Schild mit dem Pfeil?", fragt Fahrlehrer Konert. "Hier ist vorgeschrieben, rechts abzubiegen." Sein Schüler nickt. Mahmood Shaker wirkt sehr konzentriert, sagt während der Fahrt kein Wort. Es ist seine zweite Fahrstunde. Anstrengend sei das Fahren in Deutschland, sagt er später, die vielen Schilder, die strengen Regeln. Im Irak dagegen gelte es, möglichst schnell auf das Verhalten anderer Fahrer zu reagieren – eine ganz andere Herangehensweise.

Für die meisten Flüchtlinge ist es wichtig, erst einmal ein Dach über dem Kopf zu haben. Aber was kommt dann? Gerhard von Bressensdorf, Vorsitzender des deutschen Fahrlehrerverbandes, rechnet fest mit steigender Fahrstundennachfrage von Flüchtlingen. "Wer Auto fahren kann, hat beruflich viel mehr Chancen", sagt er. Tatsächlich scheinen Jobs wie Taxifahrer, Paketzusteller oder Pizzabote für Migranten ohne Ausbildung naheliegend. Und wer auf dem Land lebe, sagt von Bressensdorf, komme ohne Auto oft gar nicht zur Arbeitsstelle.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 17.12.2015.

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) in Bielefeld hat den Bedarf früh erkannt – und im Juni eine gemeinnützige Fahrschule gegründet. Neben DRK-Mitarbeitern und Senioren sollen hier ganz gezielt auch Migranten ausgebildet werden. Fünf Flüchtlinge haben sich bisher angemeldet, Mahmood Shaker ist einer von ihnen. Im Sommer lief er zufällig an der neuen Fahrschule vorbei. Fahrlehrer Dirk Konert setzte sich mit ihm zusammen, ließ sich seine Geschichte erzählen. Gemeinsam kalkulierten die beiden die Kosten, vereinbarten eine Schnupperstunde. "Das kann eine kommerzielle Fahrschule nicht bieten", sagt Konert. Dort sei normalerweise direkt die erste Grundgebühr fällig.

Auch weitere Hürden räumt die Fahrschule aus dem Weg. Dolmetscher übersetzen, wenn nötig, den Theorieunterricht. Ebenso angedacht ist ein spezielles Arabisch-Wörterbuch mit Begriffen aus der Fahrschule: Blinker, Stoppschild, Sackgasse. Weibliche Flüchtlinge, die aus religiösen Gründen nicht allein mit einem Mann im Auto sitzen möchten, fahren mit einer Fahrlehrerin. Mit seinen Ideen tritt das DRK auch an andere Fahrschulen in der Region heran. Es gehe darum, jetzt Erfahrungen zu sammeln, um auf die große Nachfrage vorbereitet zu sein, sagt Sebastian Mzyk, Fahrdienstleiter beim DRK Ostwestfalen-Lippe.

Mahmood Shaker, der Iraker, hat beim Fragenbüffeln für die Theorie und bei der Verständigung mit dem Fahrlehrer keine Sprachprobleme, obwohl er erst 2014 nach Deutschland gekommen ist. Er hat in nur zehn Monaten Deutsch gelernt. Im Irak sieht er für sich keine Perspektive mehr. Shakers Asylantrag ist anerkannt worden, er möchte in Deutschland bleiben und so bald wie möglich arbeiten.

"Vor der Ampel besser nicht schalten!", sagt Dirk Konert während der Fahrstunde. "Falls sie umspringt. Sonst wirst du in der Prüfung vielleicht nervös." Dirk Konert ist sich sicher, dass Mahmood die praktische Prüfung bestehen kann. Wann es so weit ist, ist aber unklar. Denn Shaker fehlt Geld. Sein Arbeitslosengeld reicht nicht für die 400 Euro Prüfungsgebühr, auch den Theorieunterricht und einige Fahrstunden wird er noch zahlen müssen. Denn selbst wer Auto fahren kann, muss sich auf die Prüfungsstrecke und ihre Tücken vorbereiten. Dirk Konert rechnet mit Gesamtkosten von über 1.500 Euro für den Iraker. Vorerst kann Shaker die Ausbildung deshalb nicht fortsetzen.

Der Fahrlehrer hofft, dass sein Schützling bald finanzielle Unterstützung vom Jobcenter erhält – die Gespräche laufen. Tatsächlich kann die Arbeitsagentur den Erwerb einer Fahrerlaubnis fördern. Die Entscheidung treffe im Einzelfall die Agentur vor Ort, sagt ein Sprecher. Wenn ein Führerschein für eine Arbeitsstelle zwingend notwendig sei, könnten eventuell auch alle Kosten übernommen werden. Eine Führerscheinförderung speziell für Flüchtlinge gebe es aber nicht, damit inländische Bewerber nicht benachteiligt würden.

Auch Gerhard von Bressensdorf plädiert für eine finanzielle Gleichbehandlung aller sozial schwachen Gruppen. Großen Handlungsbedarf sieht er dagegen in der Bürokratie. "Viele Flüchtlinge haben auf der Flucht ihre Papiere verloren", sagt er. Ohne amtlichen Ausweis könne man aber keinen Führerschein beantragen. Es gebe Gespräche mit den Behörden, hier die Hürden herabzusetzen. Als weitere Reaktion auf die vielen Flüchtlinge soll bald Arabisch als zwölfte mögliche Fremdsprache in der Prüfung zugelassen werden. Die Vorbereitungen laufen, bestätigt der TÜV Nord, die Entscheidung treffe dann das Verkehrsministerium.

DRK-Fahrlehrer Konert würde gern noch einen Schritt weiter gehen: Vielleicht könne ja bei der Umschreibung von Fahrerlaubnissen auf die teure Prüfung verzichtet werden, wenn der Fahrlehrer das Können des Flüchtlings als ausreichend bewerte. "Bei einer Beobachtungsfahrt merke ich ja schnell, was vorhanden ist und was nicht."

Mit solchen Ideen tut sich Gerhard von Bressensdorf schwer. Eine vereinfachte Umschreibung von Fahrerlaubnissen aus Nicht-EU-Staaten ist bisher nur für Länder möglich, deren Fahrausbildungsinhalte in Deutschland gut bekannt sind, etwa die USA. "Die arabischen Länder haben aber historisch völlig anders gewachsene Verkehrssysteme", sagt von Bressensdorf. In Deutschland wisse man etwa über die syrische Führerscheinprüfung so gut wie nichts.

Fares Khalaf hat diese Prüfung vor einigen Jahren bestanden. Der 22-Jährige floh 2013 aus Syrien und besucht nun ebenfalls die DRK-Fahrschule. Die Prüfungsstrecke in seinem Heimatland war etwa 50 Meter lang. Khalaf musste zwischen zwei Hütchen durchfahren – einmal vorwärts und einmal im Rückwärtsgang. Verkehrsregeln spielten keine Rolle. "Es hängt eher von der Familie ab, wie man dort fährt", sagt er. "Wenn der Vater sagt: ›Fahr vorsichtig‹, dann tut man das." Khalaf würde gern in sein Land zurückkehren, wenn der Krieg vorbei ist. Vorerst arbeitet er nun für das DRK, das deshalb einen Teil seiner Führerscheinkosten übernimmt, in einem Flüchtlingsheim in Bielefeld.

Während Mahmood Shakers Fahrstunde sitzt Khalaf auf der Rückbank. "Gilt hier immer Tempo 50, wenn es kein Schild gibt?", fragt er nach vorne. "Genau", sagt Fahrlehrer Konert, "in der Stadt immer. Aber es gibt kein Recht auf die Höchstgeschwindigkeit. Immer auf die anderen Autos achten." Vor und hinter dem Fahrschulwagen fahren nun immer mehr andere Autos, es ist dunkel geworden, die Pendler wollen nach Hause. Mahmood Shaker schweigt und steuert das Auto sicher durch den Bielefelder Feierabendverkehr, einer Zukunft in Deutschland entgegen.