Ein Wegweiser für Orientierungssuchende

Sie sind schon ziemlich eigen, die deutschen Anleger. Selbst wenn die Märkte verrücktspielen, bleiben sie auf ihrem gewohnten Kurs. So wie in diesem Jahr, als der Dax erst 3.000 Punkte nach oben schoss, um nur Monate später in ähnlichem Ausmaß nachzugeben und dann wieder um 2.000 Punkte zu steigen. In einem Jahr, in dem es mehr Geld kostete, Vater Staat für kurze Zeit Geld zu leihen, als es einbrachte. Und zu einer Zeit, in der die Europäische Zentralbank die Zinsen senkt und senkt – während die amerikanische Federal Reserve sie nach langer Zeit erstmals wieder anhebt.

Anstatt zu reagieren, taten die meisten Anleger in dieser unübersichtlichen Zeit, was sie schon immer getan haben: Sie parkten ihr Geld auf Sparbüchern – trotz Nullzinsen und obwohl sie selbst überzeugt waren, dass die Zinsen niedrig bleiben. Kauften Häuser, trotz gestiegener Preise. Mieden Aktien, selbst als sie billiger wurden. Ohnehin, das belegt eine aktuelle Studie von Goldman Sachs Asset Management, beschäftigen sich vier von fünf Anlegern höchstens einmal im Monat mit dem Thema Geldanlage.

Ist es kluge Zurückhaltung, fast nichts zu tun, wenn sich fast alles ändert – oder ist es Schockstarre? Ganz egal, ob man schon Vermögen angesammelt hat oder erst damit anfängt: Wer 2015 die Märkte verfolgt hat, der hat es womöglich mit der Angst zu tun bekommen.

Deutsche setzen auf Sicherheit und meiden Aktien

Eine Angst, die in den Krisen der Vergangenheit wurzelt. Nach dem Platzen der Technologie-Blase an den Börsen 2001 und der Finanzkrise 2008 haben die Bundesbürger beide Male ihre Anlage in Bargeld, Sichteinlagen, Spar- und Termingeldern aufgestockt. Sie setzten auf Sicherheit um jeden Preis.

Wie sehr, das belegt eine aktuelle Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach für den Bundesverband Deutscher Banken. Danach finden etwa 60 Prozent der Deutschen den Begriff Risiko "unsympathisch" – der Anteil ist seit den neunziger Jahren kontinuierlich gestiegen. Parallel sank der Anteil derjenigen, die sich vorstellen können, Geld in Aktien anzulegen, von 27 auf nur noch 12 Prozent.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 17.12.2015.

Das rächt sich jetzt: Vor der Finanzkrise erzielten deutsche Privatanleger mit ihrer Geldanlage nach Angaben der Deutschen Bundesbank im Schnitt noch 3,5 Prozent reale Rendite im Jahr. Nun sind es noch 1,5 Prozent. Auch das kommende Jahr dürfte kaum ruhiger werden als das vergangene. Sieben Jahre nach dem Ausbruch der Finanzkrise erholt sich die Weltwirtschaft zwar. Aber das reale Wirtschaftswachstum war im Jahr 2015 mit 3,2 Prozent nicht berauschend. China, das so lange die Konjunktur getrieben hat, steckt in einer Strukturkrise, das schwächere Wirtschaftswachstum dürfte auch im kommenden Jahr auf die ganze Welt ausstrahlen.

Besser ist die Lage in den USA. Seit der Finanzkrise hat sich die Arbeitslosigkeit dort halbiert. Die Notpolitik der US-Notenbank hat gefruchtet. Der niedrige Öl- und Benzinpreis lässt den Amerikanern mehr Geld im Portemonnaie. Sie kaufen mehr und treiben so die Wirtschaft an, dieses Jahr ist sie um 2,4 Prozent gewachsen. "Die Lokomotive der Weltkonjunktur ist ausgewechselt worden", sagt Kevin Gardiner, globaler Investment-Stratege von Rothschild Wealth Management in London. "Der Zug fährt mit dieser neuen Lokomotive zwar langsamer, aber er fährt."

Damit der Zug auf Dauer nicht zum Stehen kommt, müssen die Notenbanken ein Problem in den Griff kriegen, das erst mal wie eine gute Sache klingt: die Gefahr fallender Preise. Würden die Waren auf breiter Front billiger, würde das die Wirtschaft bremsen: Die Menschen vertagen ihre Einkäufe, Unternehmen produzieren weniger und müssen Stellen streichen.

Im Moment steigen die Preise zwar, aber nur noch extrem langsam – auch wegen Chinas Wachstumsschwäche und der billigen Rohstoffe. Zur schwachen Nachfrage kommt der Fortschritt: Ein Zimmer auf der Buchungsplattform Airbnb kostet weniger als ein Zimmer im Hilton. Eine Fahrt mit einem Uber-Chauffeur ist günstiger als mit dem Taxi. Dank der Digitalisierung purzeln die Preise.