Wer Hans-Olaf Henkel besucht in seinem Berliner Büro, hoch über der Friedrichstraße, betritt ein Museum. An der Garderobe hängt ein weißes T-Shirt aus einer Serie von 500, entworfen von Ai Weiwei. Man hängt seine Jacke daneben und fragt sich, ob das vielleicht anmaßend ist. Drinnen, vor dem Panoramafenster mit Blick über die Dächer, wacht ein kleiner Mao aus Porzellan. Der chinesische Maler Yang Shaobin hat drei Bilder für die Wände beigesteuert, sie zeigen Fidel Castro, der auf dem mittleren Bild am Boden liegt nach einem Sturz, ein gestrauchelter alter Mann.

Am Holztisch nimmt Hans-Olaf Henkel Platz, 75 Jahre alt. In seiner politischen Karriere, die erst spät begann, ist auch er ein Gestrauchelter.

Vor genau einem Jahr machte Henkel in Hamburg Wahlkampf und wurde bei seinen Auftritten für die AfD gefeiert. Hunderte strömten in die Patriotische Gesellschaft, um ihn zu hören, den ehemaligen Chef von IBM Deutschland, den früheren Präsidenten des BDI, den Bestsellerautor. Die Empore musste geöffnet werden. Im Publikum saß das Hamburger Bürgertum, eine Frau raunte dem Mann neben ihr zu: "Die AfD ist die einzige Partei, die noch was retten kann."

Henkel redete über seine Lehrlingszeit bei Kühne + Nagel, über den unsäglichen Euro und die unfähigen Politiker. Alles ohne Manuskript. Er war ein Hoffnungsträger.

Und heute?

Sitzt derselbe Mann inmitten seines Museums und ist erschrocken über die Wut, die in der AfD aufgebrochen ist. Er kann es nicht fassen, dass es so viel Hass gibt in einer Partei, die er mit groß gemacht hat.

DIE ZEIT: In der Patriotischen Gesellschaft hatten die Zuhörer große Hoffnung in die AfD und in Sie als deren Bühnenredner – dass eine seriöse bürgerliche Partei entsteht und Themen anspricht, die andere liegen lassen.

Hans-Olaf Henkel: So ist es. Und das ist in die Hose gegangen.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 51 vom 17.12.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Warum haben Sie sich der AfD angeschlossen?

Henkel: Ich habe mir diese Partei monatelang angeschaut, bevor ich eingetreten bin. Ich wurde von Bernd Lucke und seinen Leuten mehr oder weniger auf Knien gebeten, zu kommen, weil es keinen prominenten Vertreter gab, schon gar nicht aus der Wirtschaft. Für mich war die AfD die erste reale Chance, den Euro-Wahnsinn zu beenden.

ZEIT: Damals waren die Rechten schon dabei. Haben Sie nichts bemerkt?

Henkel: Natürlich gab es solche Leute. Aber wir haben es ja bei den Parteiveranstaltungen gemerkt: Da kamen Bürger. Da war immer irgendein Verrückter, der eine Deutschlandflagge dabeihatte oder eine idiotische Aussage machte. Das hat sich dann aber sehr stark gewendet. Das erste Unglück oder Pech, das wir hatten, war, dass die erste Landtagswahl in Ostdeutschland war und nicht in Westdeutschland. Das hat dazu geführt, dass eine Frau Petry, ein bescheidenes, so dachte ich, harmloses Mäuschen, das vor Angst zitterte, wenn es auf die Bühne musste, durch die Medienaufmerksamkeit zu einer Frau wurde, die vor Kraft gar nicht mehr laufen konnte.

ZEIT: Kürzlich sagten Sie, Ihnen sei schon im März 2014 auf dem AfD-Parteitag in Erfurt klar geworden, dass Sie auf einem Tiger reiten.

Henkel: Ich habe nichts gegen einen Tiger, wenn er in die richtige Richtung geht. (lacht) Aber mir war damals schon ziemlich klar, dass der nicht zu steuern ist. Unsere Strategie war – und es gab Leute, die haben daran länger geglaubt als ich, Lucke gehörte zu denen – , wir wählen Lucke zum alleinigen Vorsitzenden, und dann verärgern wir diese Leute so, dass sie gehen und ihre eigene Partei gründen. Es ist genau umgekehrt gelaufen.