Alles im grünen Bereich? Die Zentrale der Hanse Merkur am Dammtor in Hamburg © HanseMerkur

Der 23. April, ein sonniger Frühlingstag, Bilanz-Pressekonferenz der Hanse Merkur. In der Mitte des Podiums sitzt Eberhard Sautter, der neue Vorstandschef, ein 51 Jahre alter Schwabe, der so schnell spricht, dass es mitunter schwerfällt, ihm zu folgen. Sautter wirft ein paar Charts an die Wand. Die meisten bestehen aus einer Reihe von Balken, die nach rechts immer größer werden. Die Hanse Merkur befindet sich im Aufschwung. Dann gibt Sautter ein mission statement ab. Er sagt: "Unser Ziel ist es, weiter stärker zu wachsen als der Markt." – "Zu wachsen ist die schönste unternehmerische Aufgabe, die es gibt." – "Im Wachsen kann man eine Mannschaft viel besser begeistern."

Das Statement in der Firmenzentrale dauert 30 Sekunden. Das Wort "Wachsen" in verschiedenen Varianten kommt achtmal darin vor.

Was ist los bei der Hanse Merkur? Diese Frage wurde in Hamburg lange nicht mehr gestellt. Schließlich genießt der Versicherer in seiner Heimatstadt den Ruf eines Vorzeigeunternehmens. Mehrmals ausgezeichnet als einer der besten Hamburger Arbeitgeber. Sozial engagiert mit dem "Hanse Merkur Kinderschutzpreis". Und die Zahlen? So hervorragend, dass in diesem Jahr jeder Mitarbeiter einen Sonderbonus von 2000 Euro erhielt. Auf den ersten Blick ist die Hanse Merkur, gegründet 1875, ein Traditionsunternehmen, wie es solider kaum sein könnte.

Der äußere Eindruck allerdings täuscht. Denn hinter der Fassade des braven Mittelständlers verbirgt sich einer der aggressivsten Player in der deutschen Versicherungsbranche. Um das zu erkennen, braucht man sich Sautters Charts nur etwas genauer anzuschauen. 2002 lagen die Beitragseinnahmen noch bei knapp 500 Millionen Euro. Inzwischen sind es mehr als 1,8 Milliarden. Das ist mehr als ein Aufschwung. Das ist eine Explosion.

Speziell im Stammgeschäft, der Privaten Krankenversicherung (PKV), wachsen die Hamburger seit Jahren wie verrückt. Die Eroberung der PKV allerdings war nur der Anfang. Längst weitet die Hanse Merkur ihre obsessive Expansionspolitik auf andere Bereiche aus. So lagen die Zuwachsraten 2014 in sämtlichen Sparten im zweistelligen Bereich, selbst in der Lebensversicherung, wo sich die übrige Branche immer schwerer tut, überhaupt noch Neugeschäft zu erzielen. Ist das wirklich "kontinuierlich", wie Sautter es ausdrückt?

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 51 vom 17.12.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Im Versicherungsmonitor, dem wichtigsten Newsletter der Branche, erschien jüngst ein Bericht, der von der Hanse Merkur das Bild einer wild gewordenen Vertriebsmaschine zeichnet. Wörtlich hieß es in dem Bericht, der Versicherer liefere "eine Reihe von Gründen dafür, die Zukunft des Unternehmens eher skeptisch zu sehen". Das deckt sich mit den Schilderungen eines Insiders, der die Hanse Merkur so gut kennt wie kaum jemand sonst. Er sagt im Gespräch mit der ZEIT: "Wenn Sie Jahr für Jahr so viel kräftiger wachsen als die übrige Branche, dann liegt die Vermutung nahe, dass damit enorme Risiken verbunden sind. Und genau das ist bei der Hanse der Fall."

Stimmt das? Ist es wirklich so, dass die Hanse Merkur die Kontrolle über ihr Wachstum verloren hat? Hat sie sich im Zuge ihrer Expansion jede Menge "schlechte Risiken" in die Bilanzen geholt, wie in der Branche behauptet wird?

Um die Gemengelage aufzudröseln, muss man ein bisschen ausholen, inhaltlich wie zeitlich. Der Fokus der Hanse Merkur liegt auf der Krankenversicherung. Wie komplex diese Materie ist, weiß jeder, der sich selbst einmal mit der Frage beschäftigt hat, ob er aus der gesetzlichen in die private Krankenversicherung wechseln soll. Denn in jungen Jahren ist die PKV zwar billig. Doch wenn man älter und anfälliger wird, dann wird es teuer. Ob der Wechsel lohnt? Kaum zu kalkulieren.

Wenn der Fall nun aber schon aus Sicht der einzelnen Versicherten derart kompliziert ist – wie kompliziert muss das Ganze dann erst für den Versicherungskonzern sein, der in seinem Bestand Hunderttausende PKV-Kunden hat, deren Risiken er kalkulieren muss? Oder anders ausgedrückt: Wie günstig darf er dem jungen Neukunden eine Krankenversicherung anbieten, ohne Gefahr zu laufen, dass dieser Kunde im Alter zur Belastung wird? Scharen von Versicherungsmathematikern, im Fachjargon Aktuare genannt, beschäftigen sich mit dieser Frage. Auch Sautter, der neue Hanse-Chef, ist einer dieser Aktuare. Und um dies vorwegzunehmen: Er kommt bei seinen Berechnungen zu ganz anderen Ergebnissen als viele Kollegen.