Neubau eines Fertighauses © dpa/Arne Dedert

In drei Wochen sollen die Bagger anrollen. Sie werden ein großes Loch in den lehmigen Berliner Boden graben, und wenn alles gut geht, steht in etwa einem Jahr an dieser Stelle, an der jetzt noch ein paar dürre Bäume in die Höhe ragen, ein Haus.

Mein Haus.

Es wird Teil einer neuen, kleinen Wohnanlage im Prenzlauer Berg sein. Mit großem Balkon und Terrasse zum Innenhof, mit Holzfußboden und viel Platz für die Kinder. Mein kleines privates Glück in Stein.

Seitdem ich vor 20 Jahren von zu Hause ausgezogen bin, habe ich in schönen Wohnungen und in schrecklichen, in teuren und in billigen gewohnt. Alle hatten sie gemeinsam, dass sie nicht mir gehörten. Seit 20 Jahren also überweise ich einem anderen Menschen jeden Monat Geld dafür, dass ich seine Wohnung nutzen darf. Insgesamt dürften mehrere Hunderttausend Euro zusammengekommen sein. Das Geld ist verloren, verschwunden. Ich habe es weggewohnt.

Das wird sich jetzt ändern. Wenn die Bauarbeiter wieder abgezogen sind, wenn mein Haus endlich steht, werde ich zwar an die Bank jeden Monat etwa genauso viel Geld überweisen, wie ich bislang an Miete zahle. Aber wenn der Kredit abgestottert ist, gehört das Haus mir. Das Geld verschwindet nicht. Es verwandelt sich in Wände und Türen, in Fenster und Dachbalken, in etwas, das einen bleibenden Wert hat. Das halte ich für einen guten Deal.

Ich bin nicht der Einzige, der heute so denkt. Deutschland ist im Immobilienrausch. Im vergangenen Jahr haben die Bundesbürger 130 Milliarden Euro ausgegeben, um Häuser und Wohnungen zu kaufen – fast doppelt so viel wie noch vor wenigen Jahren. Nach einer aktuellen Umfrage träumen 96 Prozent aller Mieter vom Leben in den eigenen vier Wänden. Also praktisch alle.

In den vergangenen Wochen haben meine Frau und ich die Fliesen für unser künftiges Badezimmer ausgesucht. Wir haben über das Design von Türklinken diskutiert, haben unsere neue Küche entworfen und das Wohnzimmer geplant. Und immer, wenn wir uns den Grundriss unseres künftigen Hauses ansahen, war das ein bisschen wie damals, wenn ich als Kind die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum öffnete. Ein Wunsch wird Wirklichkeit.

Nur dass ich mir langsam nicht mehr ganz sicher bin, ob ich mir wirklich das Richtige gewünscht habe.

Ich habe mich in diesen Wochen nämlich nicht nur mit meiner eigenen Immobilienbegeisterung beschäftigt, sondern auch mit dem Rausch der anderen. Ich bin nach London gefahren, in ein einst durchschnittliches Stadtviertel, in dem ein Quadratmeter Wohnfläche inzwischen mehr kostet als ein Kilo Gold. Ich war in einer hübsch am Meer gelegenen deutschen Stadt, in der immer weniger Menschen leben wollen. Ich habe wissenschaftliche Studien gelesen, habe mit Maklern, Bankern und einem Wirtschaftsnobelpreisträger gesprochen. Und irgendwann habe ich mich an einen Begriff erinnert, den sich vor Jahren der Amerikaner Warren Buffett einfallen ließ.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 17.12.2015.

Buffett ist einer der reichsten Menschen der Welt. Er hat ein riesiges Vermögen aufgebaut, indem er an der Börse spekulierte. Buffett hat die Erfahrung gemacht, dass manche Wertpapiere, sogenannte Derivate, so stark im Preis schwanken, dass sie nicht nur Privatleute ruinieren können, sondern auch Banken, Versicherungen, Automobilhersteller, ja ganze Volkswirtschaften. Buffett sagt, Derivate seien "financial weapons of mass destruction".

Genau das ist mein Haus auch: eine finanzielle Massenvernichtungswaffe.

Die Geschichte dieser Erkenntnis beginnt in Köln. In einem weißen Bürogebäude direkt am Rhein hat das Institut der deutschen Wirtschaft seinen Sitz. Hier arbeitet der Ökonomieprofessor Michael Voigtländer. Es gibt in Deutschland ziemlich viele Ökonomieprofessoren, die meisten beschäftigten sich mit dem Arbeitsmarkt und dem Euro, mit dem Rentensystem und der Krankenversicherung. Mit dem Immobilienmarkt kennen sich nur wenige aus. Voigtländer ist einer dieser wenigen, deshalb ist er in diesen Tagen ein gefragter Mann, er hält Vorträge, gibt Interviews, verfasst Gutachten.

"Wenn es um das Eigentum an Immobilien geht", sagt Voigtländer, "unterscheidet sich Deutschland von fast allen anderen Ländern der Welt." Die Begeisterung fürs Häuserkaufen ist nämlich hierzulande ein sehr neues Phänomen. Bis vor Kurzem waren die Deutschen eher im Mietrausch. Noch heute leben nur 53 Prozent der Bundesbürger in den eigenen vier Wänden. Das ist nach der Schweiz und Neuseeland der niedrigste Wert weltweit. Dagegen liegt die Eigentümerquote in den USA bei 65 Prozent, in Italien bei 73 Prozent, in Griechenland bei 76 Prozent, in Spanien bei 83 Prozent und in Rumänien sogar bei 97 Prozent.