Das Kraftwerk Wedel © dpa

Vor ein paar Wochen meldete die Bild-Zeitung eine kleine Sensation: "Dreckschleuder Wedel läuft bis 2026." Das alte Kohlekraftwerk in Wedel ist seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts am Netz und soll einer umweltfreundlicheren Alternative weichen. Hätte die Bild- Zeitung recht, wäre das wichtigste rot-grüne Vorhaben in der Energiepolitik gescheitert – kein schöner Start in die Ära eines neuen Weltklimavertrags.

Sonderlich plausibel war die Meldung auf den ersten Blick nicht, schon weil das Kraftwerk zusammen mit dem Wärmenetz in drei Jahren in den Besitz des Landes übergeht. Bis 2026 haben also noch drei Landesregierungen Gelegenheit, es stillzulegen. Aber dann kam aus der Senatskanzlei ein so schwaches Dementi, dass es fast wie eine Bestätigung wirkte. Es gebe "keinen Deal, keine Geheimnisse und keine Entscheidung", teilte Olaf Scholz’ Sprecher mit. Zuständig sei der Aufsichtsrat von Vattenfall, und dort könne das Land zwar mitreden, aber nichts entscheiden: "Die Freie und Hansestadt Hamburg hält 25,1 Prozent der Anteile."

Anfang Dezember ist nun wirklich eine Entscheidung gefallen: Das Land baut in Wedel einstweilen kein neues Kraftwerk. Das hatte sich lange abgezeichnet, das Gas-und-Dampfturbinen-Kraftwerk, das die letzte Regierung geplant hatte, wäre offensichtlich unwirtschaftlich geworden (ZEIT Nr. 36/15). Die Zukunft der Hamburger Wärmeversorgung ist nun wieder offen: Will das Land industrielle Abwärme nutzen? Mit Holz heizen? Mit Erdwärme? Oder mit Gas, aber ohne zugleich Strom zu produzieren? Sogar das GuD-Kraftwerk der SPD könnte noch gebaut werden, kleiner und später als geplant.

Damit aber stellt sich eine alte Frage neu: Was wird aus dem Kohlekraftwerk in Wedel?

Wer kein neues Kraftwerk baut, muss eben ein altes weiterbetreiben – das ist eine naheliegende Vermutung, aber die Wirklichkeit ist komplizierter. Das Kraftwerk in Wedel läuft das ganze Jahr und praktisch rund um die Uhr, es ist ein sogenanntes Grundlastkraftwerk. Der Strom lässt sich gut verkaufen, weil Kohle günstig zu haben ist, und etwas Wärme brauchen die angeschlossenen Wohnungen auch im Sommer, für warmes Wasser. Als Grundlastkraftwerk ist Wedel extrem umweltschädlich, es produziert immerhin ein Siebentel der Menge an Treibhausgasen, die das Mega-Kraftwerk in Moorburg ausstößt.

Allerdings könnte man das alte Kohlekraftwerk auch völlig anders nutzen. Der Strom wird ohnehin nicht gebraucht – nun weniger denn je, da auch der zweite Block von Moorburg in Betrieb ist. Und das Fernwärmenetz kommt im Normalbetrieb ohne das Kraftwerk in Wedel aus. Wenn man es wollte, könnte man dort nur noch ausnahmsweise Kohlen verbrennen – dann nämlich, wenn mitten im Winter irgendwo ein anderes Heizwerk ausfällt.


Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 51 vom 17.12.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

 Aber will man das? So umweltschädlich der Kohlestrom ist, so gut lässt er sich verkaufen. Würde ausgerechnet das rot-grün regierte Hamburg von 2019 an in das schmutzige Geschäft mit dem Strom aus alten Kohlekraftwerken einsteigen, das die Energieriesen gerade in Teil- und Tochterunternehmen auslagern, wäre das ökologisch und für den grünen Regierungspartner auch politisch verheerend. An einem Koalitionskrach hätte die Bild-Redaktion sicher ihren Spaß, daher wohl die groß aufgemachte Meldung vom "Scholz-Deal mit Vattenfall".