ZEIT Geld: Herr Akerlof, wann sind Sie das letzte Mal persönlich dazu verführt worden, etwas zu kaufen, das Sie eigentlich gar nicht wollten?

George Akerlof: Ich war zu Hause, da kam jemand mit Steaks vorbei. Die sollte er angeblich in der Nähe ausliefern, habe dort aber niemanden angetroffen. Ich kaufte die Steaks. Schon als ich die Tür schloss, schwante mir, dass ich ihm auf den Leim gegangen war. Nach dem ersten Bissen wusste ich es sicher.

ZEIT Geld: In Ihrem neuen Buch nennen Sie so etwas "Phishing". Ursprünglich beschreibt das Wort, wie Internet-Betrüger Nutzer in eine Falle locken, um Passwörter zu stehlen. Tricksen uns im echten Leben tatsächlich Menschen auf ähnliche Weise aus?

Akerlof: Phishing bedeutet im echten Leben, dass ich jemanden dazu bringe, etwas zu tun, was gut für mich ist – aber nicht gut für den anderen. Das passiert sehr oft. Auch mir.

ZEIT Geld: Der Deckel Ihres Buches zeigt ein biblisches Motiv: eine Schlange mit einem Apfel am Angelhaken. Das erinnert daran, dass schon Adam und Eva verführt wurden. Was wissen Ökonomen heute über Phishing?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 17.12.2015.

Akerlof: Das Problem der Ökonomen ist, dass sie unterschätzen, wie oft es auf Märkten passiert. Sie glauben, dass effiziente Märkte uns geben, was wir wollen. Aber die geben uns eben auch das, was wir in unseren schwachen Momenten wollen. Und dieses Problem verändert das Leben vieler Menschen massiv.

ZEIT Geld: Können Sie das an einem Beispiel erklären?

Akerlof: Wir kaufen fast alle sehr oft impulsiv ein, ohne darüber nachzudenken. Viele Menschen lassen die Folgen ihres Konsums dann aber nicht mehr ruhig schlafen, weil sie die Rechnungen nicht bezahlen können. Wenn Leute Monat für Monat ihr ganzes Gehalt ausgeben, obwohl sie besser einen Teil sparen sollten, dann läuft etwas verkehrt.

ZEIT Geld: Der klassische Ökonom würde sagen: Die Leute können gut selbst entscheiden, ob sie ihr Geld ausgeben oder sparen! Was ist falsch daran?

Akerlof: Nehmen Sie ein anderes Beispiel: Wir essen viel zu viele Süßigkeiten, obwohl sie schlecht für uns sind. In den USA sind heute fast 70 Prozent der Menschen übergewichtig. Das führt zu großen Problemen im Alter.

ZEIT Geld: Und was hat das mit Phishing zu tun?

Akerlof: Was wir tun, hängt oft mit den Geschichten zusammen, die wir über uns erzählen. Und genau das könnten sich Regierungen zunutze machen. Sie könnten den Leuten also häufiger erzählen, dass zu viel essen uns krank macht. Beim Thema Rauchen ist in den USA genau das passiert. Und das hat wiederum die Anti-Raucher-Kampagnen gestärkt. So ist die Zahl der erwachsenen Raucher von 40 auf 18 Prozent gefallen.

ZEIT Geld: Sie behaupten, dass wir nicht nur beim Konsum verführt werden, sondern auch auf den Finanzmärkten. Was haben Sie beobachtet?

Akerlof: Die meisten Leute wissen nicht, wie sie ihr Geld richtig anlegen. Selbst Experten geben es für die falschen Anlageformen aus. Nur so lässt sich ein Teil der Ausschläge an den Börsen erklären. Alle kaufen plötzlich Aktien, manche nehmen dafür sogar Kredite auf. Wenn die Börse dann kracht, haben sie wirklich Probleme.

ZEIT Geld: Wir irren, wenn wir glauben, wir könnten unser Geld richtig anlegen?

Akerlof: Eine Privatperson kann nie wirklich wissen, was hinter einer Anlage steckt – solange nicht Aufsichtsbehörden dafür sorgen, dass umfassend informiert wird. Es ist also extrem wichtig, dass Geldanlagen vom Gesetzgeber streng reguliert und kontrolliert werden. In den USA passiert das viel zu wenig: Das Budget der Aufsichtsbehörde ist zu klein, um den Markt ausreichend zu überwachen.

ZEIT Geld: Die Finanzkrise hat doch gezeigt, welche Gefahren drohen. Hat das nicht zu Reformen geführt?

Akerlof: Ja. Aber diejenigen, die andere zu einer Geldanlage verführen wollen, haben immer wieder neue Ideen.

ZEIT Geld: Kann der Staat da mithalten?

Akerlof: Ganz wird er das Problem nie lösen – daher brauchen wir möglichst gute Aufsichtsbehörden. Und wir müssen andere Geschichten über uns, den Staat und die Märkte erzählen. Es gibt eben nicht nur die effizienten Märkte, die die Ersparnisse sinnvollen Investitionen zuführen und so für das ökonomisch beste Ergebnis sorgen. Es gibt auch den Wilden Westen, das Kasino.

ZEIT Geld: Und wenn Sie die negativen Effekte überschätzen?

Akerlof: Wir haben auf allen Märkten ähnliche Phänomene entdeckt. Experimente zeigen zum Beispiel: Wenn Leute mit Kreditkarte einkaufen gehen, geben sie mehr Geld aus, als wenn sie nur Bargeld dabeihaben. Das spricht doch sehr gegen die klassische ökonomische These eines rationalen Konsumenten.

ZEIT Geld: Liegt das an fehlendem ökonomischem Wissen?

Akerlof: Nein. An einem der Experimente nahmen sogar Studenten der Harvard Business School teil. Wer mit Kreditkarte zahlen durfte, bot für ein Ticket für ein Basketballspiel fast doppelt so viel wie die Barzahler – dabei sollten diese zukünftigen Wirtschaftsexperten doch rational mit ihrem Budget umgehen! Wir Menschen können einfach viel weniger stark kontrollieren, was wir kaufen, als wir es von uns denken. Auch die Leute an der Wall Street glauben, sie seien so smart und vorsichtig – aber im Boom kaufen sie viel zu viel.

ZEIT Geld: Ist Phishing eigentlich illegal?

Akerlof: Oh nein, das meiste ist völlig legal. Deswegen sollten die Leute ja auch besonders aufpassen.