Kunst ist politisch, das wissen wir, das sagt im Moment auch jeder. Aber dass in einer Kunstgalerie internationale Politik gemacht wird, das ist dann doch eher selten. Am vergangenen Donnerstag war es so. In der Galerie Crone in Berlin eröffnete der kubanische Künstler Roberto Diago seine erste Einzelausstellung in Deutschland, und kein Geringerer als der deutsche Außenminister und Kunstfan Frank-Walter Steinmeier sprach das Begrüßungswort. Dabei verkündete er nebenbei, dass Deutschland bald ein Goethe-Institut in Havanna einrichten und einen Kulturvertrag mit dem Land schließen möchte.

Anschließend konnte man Steinmeier sowie den kubanischen und den US-amerikanischen Botschafter samt Gattinnen zwischen den Arbeiten von Roberto Diago die Köpfe zusammenstecken sehen. Ein Anblick, der noch vor zwei Jahren kaum denkbar gewesen wäre. Steinmeier war im Juli als erster Außenminister der Bundesrepublik überhaupt nach Kuba gereist, um mit Staatschef Raúl Castro zu sprechen – und den Künstler Roberto Diago im Atelier zu besuchen. Möglich war das, weil Kuba und die USA dieses Jahr ihre diplomatischen Beziehungen wieder aufgenommen haben, nach mehr als fünfzig Jahren Unterbrechung. Eine historische Wende, auch für die Kunst in dem Land.

Doch noch immer gilt das Embargo, das US-Amerikanern etwa verbietet, als Touristen die Insel zu besuchen, oder amerikanischen Firmen, mit kubanischen Unternehmen Handel zu treiben. Wenn amerikanische Kuratoren und Sammler nach Kuba reisen, brauchen sie dafür im Moment noch eine Genehmigung – und können ihre US-Kreditkarten zu Hause lassen, denn die funktionieren auf der Insel nicht. Der politische Graben zwischen den USA und Kuba hat es der kubanischen Kunst schwer gemacht, in der internationalen Kunstwelt wahrgenommen zu werden, auch wenn das amerikanische Embargo Kunst und Kultur direkt nicht betrifft.

Auch die kubanische Regierung profitiert von der Goldgräberstimmung

Kunst ist, neben Büchern, so ziemlich das Einzige, was US-Amerikaner legal aus Kuba mitbringen dürfen (sofern sie überhaupt einreisen können). Das macht die Kunst wichtig für den Karibikstaat: Ihr Export bringt wertvolle Devisen ins Land, was wiederum die Künstler gegenüber anderen Kubanern privilegiert, denn über Devisen verfügen in dem armen Land nur die wenigsten.

Die Maler und Bildhauer können reisen und Häuser kaufen. Sie müssen allerdings einen Teil ihrer Einnahmen an den sozialistischen Staat abgeben. Mit dem politischen Klima ändern sich jetzt die Vorzeichen für den Handel. Kubanische Kunst hat plötzlich weit mehr Potenzial für den Kunstmarkt als noch vor ein paar Jahren. Als Präsident Barack Obama am 17. Dezember 2014 eine Normalisierung der Beziehungen zu Kuba angekündigt habe, erinnert sich Roberto Diagos amerikanischer Galerist Alberto Magnan, habe er nicht weniger als 25 Anrufe von Sammlern bekommen. Die Händler kubanischer Kunst beobachten die dynamische politische Entwicklung aufmerksam und warten nur darauf, bald im großen Stil Kunst aus Kuba zu verkaufen. Vor allem US-Amerikaner mit kubanischen Wurzeln sind bisher ihre Abnehmer: Sammler, die anscheinend ihre eigene Identität und Herkunft in Werken der zeitgenössischen kubanischen Kunst wiederfinden. Die kubanische Diaspora in den USA ist eine Bevölkerungsgruppe, deren Bankguthaben auf umgerechnet 37 Milliarden Euro geschätzt wird – eine Menge Potenzial also für den Kunsthandel.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 17.12.2015.

Die Insel erlebt eine rasante Öffnung, die auch und gerade die Kunstwelt im Land radikal verändern wird. Aber wird das allen kubanischen Künstlern guttun, ist die Goldgräberstimmung in Havanna nicht vor allem profitgetrieben? Von einem regelrechten Boom spricht der Leiter der Galerie Crone und ehemalige Journalist Markus Peichl: In den Ateliers von Havanna würden sich im Moment die amerikanischen Händler die Klinke in die Hand geben. Es komme eins zum anderen: Das Regime freue sich über den Kunsthandel unter kommerziellen Gesichtspunkten, und für den Westen werde die kubanische Kunst salonfähig, seit sich Wirtschaft und Politik offener mit dem Land befassten. Außerdem sei Kuba den Europäern und Nordamerikanern kulturell näher als etwa die meisten Länder Asiens. Roberto Diago, dessen Arbeiten schon fünf- bis sechsstellige Dollarsummen kosten, habe sich mit Crone bewusst für eine europäische Galerievertretung entschieden, weil dort Künstler mit mehr Umsicht behandelt und nicht verheizt würden, so Peichl: "Tranquilo, sagt Roberto immer." Immer mit der Ruhe, wie es im sozialistischen Kuba eben so zugehe.