Ukrainischer Scharfschütze in der Region Luhansk (Archiv) © Anatolii Stepanov/AFP/Getty Images

Was bringt Ihre Arbeit eigentlich? Solche Fragen erreichen den Ukrainer Borys Kremenetsky ständig, zum Beispiel aus der Feder eines Abgeordneten aus Kiew. Kremenetsky ist das egal – was weiß so ein Zivilist schon vom prekären Frieden an der Front. Andere Landsleute fragen, wie er das könne: mit russischen Militärs – dem Feind – unter einem Dach leben. Was soll er, Borys Kremenetsky, Generalmajor der Luftwaffe, ausgebildet in der sowjetischen Armee und heute seiner ukrainischen Heimat dienend, auf so etwas antworten? Dass er auch nur seinen Job macht?

Kremenetsky ist in einem Sanatorium der ostukrainischen Stadt Soledar stationiert – dem einzigen Ort, an dem Russen und Ukrainer noch von Angesicht zu Angesicht miteinander reden. Das Sanatorium liegt bei einer berühmten Salzmine, sonntags parken voll besetzte Touristenbusse davor, und manchmal stellen sich auch die Soldaten vor dem Souvenirladen an. Ein Ort der Heilung – nun sollen hier 20 russische und 70 ukrainische Offiziere die Beziehung ihrer Länder heilen. Die Militärs gehören zum "gemeinsamen russisch-ukrainischen Zentrum für Kontrolle und Koordinierung der Waffenruhe und Stabilisierung der Grenzlinien" (JCCC). Ein umständlicher Name, der kaschiert, wie vertrackt das Ringen um ein Ende dieses Krieges ist: Da sollen russische und ukrainische Offiziere gemeinsam den Frieden in der Ostukraine sichern – dabei sind es Ukrainer und Russen, die in einen Krieg verwickelt sind.

"Wenn wir auch nur ein Leben retten, lohnt sich der Einsatz", sagt Kremenetsky und klingt, als verkündete er Großes, und offenbart zugleich niederschmetternde Hilflosigkeit.

Zwar wurde vor über einem Jahr die Waffenruhe ausgerufen, aber erst in diesem September – fast zeitgleich mit dem Beginn der russischen Offensive in Syrien – herrschte erstmals wirklich Ruhe. Für ein paar Wochen war es still. Derzeit knallt es wieder, aber wen kümmert das? In diesen Tagen gilt Wladimir Putin als unverzichtbar im Kampf gegen den IS. Kremenetsky, der zuvor in Brüssel war, sagt: "Ein Verrat an allen Werten, für die Europa seit siebzig Jahren steht."

Borys Kremenetskys Zimmer, goldene Vorhänge und gemusterte Tapete, liegt im Erdgeschoss des Sanatoriums. Wenige Schritte entfernt wohnt der russische Generalleutnant Hassan Kaloew. Kremenetsky und Kaloew sind im selben Jahr geboren, 1961. Sie haben zur selben Zeit die Militärschule besucht, 1983. Sie waren Verbündete, damals, als in der Sowjetunion noch unverbrüchliche Freundschaft galt und der gemeinsame Feind die Mudschahedin waren. Aber wirklich kennengelernt haben sie sich erst jetzt in diesem ostukrainischen Kaff, das bis 1991 Karlo-Liebknechtiwsk hieß.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 17.12.2015.

Die Männer sind der einzig verbliebene Draht zwischen Ukrainern und Russen. Sie sollen den Friedensprozess sichern, die Waffenruhe observieren, den zivilen Beobachtern der OSZE helfen, weil die nicht rausdürfen, wenn es dunkel oder gefährlich wird. Und die trilaterale Kontaktgruppe sollen sie auch noch unterstützen, zu der OSZE, Ukraine und Russland gehören – noch so eine diplomatische Finesse des Minsker Abkommens, welches die Waffenruhe regelt.

Treffen Russen und Ukrainer in Soledar aufeinander, verändern sie sich. Kremenetsky redet plötzlich nicht mehr von "den Terroristen in Donezk oder Luhansk", die Russen sprechen nicht mehr von der "Donezker Volksrepublik". Sie sagen dann Ordo oder Orlo, was für "getrennte Regionen im Donezker/Luhansker Gebiet" steht, das klingt für beide Seiten halbwegs annehmbar. Im Übrigen geht man sich aus dem Weg.

Von 6.50 Uhr bis 7.20 Uhr frühstücken die Russen, von 7.20 Uhr bis 7.50 Uhr die Ukrainer. Mittags essen die Russen von 12.50 Uhr bis 13.20 Uhr, danach trotten die Ukrainer zur Kantine. Nur Kremenetsky isst gemeinsam mit seinem russischen Kollegen. Sie gehen in den Gästeraum, der mit Luftballons geschmückt ist, und reden, worüber man beim Essen halt so redet. Nicht über die Arbeit, da gerieten sie schnell an Grenzen. Die Welt ist aus den Fugen, ihre Länder bekriegen einander, die beiden Männer aber simulieren bei Kotelett und Kompott eine längst abhandengekommene Ordnung.

Die jungen Russen seien vollgestopft mit Propaganda, sagt der ukrainische General

Kremenetsky ist seit vier Monaten hier. Er ist keiner, der sich aus der Ruhe bringen lässt. Der Körper massig, das Gesicht bullig, aber freundlich. Er habe kein Problem, mit den Russen zu arbeiten, sagt er, aber seine Offiziere würden manchmal emotional. Einer hat seinen Bruder im Krieg verloren. Der Bruder eines anderen war monatelang Geisel der Separatisten in Luhansk. Und mit den jungen Russen sei es schwierig, sagt Kremenetsky. Die Dreißigjährigen seien bis oben hin vollgestopft mit Propaganda. Sie glaubten dem Staatsfernsehen, das berichtet, in der Ostukraine würden Menschen getötet, weil sie russisch sprechen. Krementsky schüttelt fassungslos den Kopf. "Ich bin aus der Zentralukraine. Ich spreche selber russisch! Was sollen diese Lügen?"

Bei den Älteren sei das anders. Manche kennen sich noch aus dem Afghanistankrieg oder aus Dresden oder Magdeburg. Sein Stabschef, sagt Kremenetsky, kenne den russischen Stabschef seit gut 30 Jahren, beim Rauchen schwelgten sie in Erinnerungen, über Politik schwiegen sie. "Bockwurst!", ruft der russische Stabschef auf Deutsch, als er die Journalisten aus Deutschland sieht. "Warsteiner, bestes Bier der Welt!"

Jeder strickt an seiner eigenen Wahrheit

Neuerdings, sagt Kremenetsky, essen er und der russische General auch getrennt. Er wisse nicht einmal, warum. Man würde gern mit dem russischen General sprechen, wieso das so ist. Was er über die Mission in der Ostukraine denkt und den Frieden, oder mehr noch: den Krieg. Aber er will nicht reden. Wir Journalisten sind dank der Genehmigung der Ukrainer da, vielleicht macht ihn das misstrauisch.

Der einzige Ort, in dem sich die Generäle nun noch täglich verabreden, liegt auf der Etage der Russen: Es ist der Dienstraum. Jeden Morgen hocken Kremenetsky und Kaloew Seite an Seite vor einer Karte, auf der alle Sektoren des Donbass eingezeichnet sind: Sektor A, Sektor B und Sektor M, vom nördlichen Luhansk bis ins südlich gelegene Mariupol. Rechts vor ihnen sitzt der ukrainische Stabschef, links der russische; es folgt der ukrainische diensthabende Offizier, ihm gegenüber der russische, am Ende schließlich Beobachter der OSZE. Wie zur Erinnerung liegt auf jedem Platz laminiert das letzte Abkommen von Minsk mit all seinen 13 Punkten. Punkt 1: Waffenruhe. Punkt 2: Abzug der schweren Waffen. Punkt 3: Effektive Überwachung durch die OSZE. Keiner dieser drei Punkte wird voll umgesetzt, ebenso wenig der Rest des Abkommens. Das laminierte Stück Papier klebt dort wie eine Anklage.

Im Strategie-Raum nebenan hackt ein Ukrainer auf einen alten Rechner ein, sein russischer Kollege arbeitet an einem Laptop – selbst hier liegen die Russen vorn. Laufend werden sie über Verstöße gegen die Waffenruhe informiert. Anfangs haben beide Parteien gemeinsam darüber Buch geführt, inzwischen traut man einander nicht mehr. Fahren die Ukrainer an strategisch wichtige Punkte, nehmen sie die Russen nicht mit. Umgekehrt sitzen ukrainische Offiziere mitunter in Donezk in ihren Hotelzimmern fest und kriegen nicht mit, was draußen passiert, weil die Russen sie nicht informieren. So strickt jeder an seiner eigenen Wahrheit.

Kremenetskys Wahrheit ignoriert jede ukrainische Verantwortung: Tausende russische Soldaten seien noch immer in der Ukraine, schwere Waffen würden nicht abgezogen, und nach wie vor könnten die Russen Waffen in die Ukraine pumpen, weil die Ukrainer den mehr als 400 Kilometer langen Grenzabschnitt noch immer nicht kontrollieren dürften, Punkt 9 des Minsker Abkommens. 50 Verstöße registrieren die Ukrainer für den 21. November, 48 Verstöße gegen die Waffenruhe am Tag zuvor. Sie geben den Separatisten die Schuld, die hätten sie provoziert. Die Russen sagen, sie hätten ganz andere Zahlen – rücken die aber nicht heraus.

Es wird wieder geschossen, viel weniger als vor einem Jahr, jedoch genug, um jede Normalität zu zerstören. In manchen Städten decken Hilfsorganisationen vor dem Wintereinbruch die zerstörten Dächer ab und hoffen, dass Raketen niemals zweimal dasselbe Haus treffen. Es gibt graue Zonen, in denen keine Regierung und keine Verwaltung existiert. Dort, sagt Kremenetsky, gehen besonders oft "Provokationen" nieder, Mörsergranaten, manchmal Gradraketen, die sich beide Seiten schicken, zur Erinnerung. Sie erwischen meistens Äcker, manchmal aber auch Dörfer.

Um diese zu reparieren, muss das Gebiet entmint werden, Felder und Nebenstraßen sind verseucht mit Panzerabwehrminen, Anti-Personen-Minen, selbst gebastelten Sprengfallen, nicht detonierten Wurfminen. Kremenetskys Offiziere handeln dann per Funk mit dem diensthabenden Kommandanten des Sektors eine Waffenruhe aus, die Russen verhandeln mit den Separatisten. Hört das Schießen trotzdem nicht auf, geht es in die nächsthöhere Ebene, bis Kremenetsky und Kaloew sich irgendwann selber damit herumschlagen müssen. Manchmal sind die Stromleitungen noch nicht wieder geflickt, da bohren sich schon die nächsten Blindgänger in die Erde.

Immerhin bei den Erfolgen sind sich Russen und Ukrainer einig: 162 Mal haben sie in den ersten drei Novemberwochen versucht, eine Waffenruhe auszuhandeln, in 108 Fällen waren sie erfolgreich. In manchen Dörfern ist das Misstrauen gegen die ukrainische Regierung so groß, dass es hilft, wenn die Russen dabei sind. "Unsere Anwesenheit beruhigt die Situation", sagt der Russe Wladimir. Sie beruhigt die Situation, die die Russen anheizen.

Stellvertretend für den russischen General, der nicht reden will, erklärt Offizier Wladimir die Sicht der Russen. Wladimir ist Mitte 30, ein schlanker Typ, früh ergraut. Er hat ein sympathisches Gesicht und spricht überlegt. Seine Wahrheit klingt kompliziert. Wladimir glaubt: Alle sind erschöpft vom Krieg, aber offenbar gibt es jemanden, der die Situation anheizt. Dann erzählt Wladimir eine Geschichte von zwei Nachbarn. Sie lebten friedlich miteinander, bis ein Dritter sich einmischte und diese Ruhe störte. Wer der Dritte sei? "Weiß ich nicht."

Eine Parabel auf diesen Krieg. Deutet man sie richtig, dann müsste der eine Nachbar die Ukraine und der andere Russland sein, die von einem Dritten gegeneinander aufgehetzt werden. Also hat Moskau doch etwas mit der Lage in der Ukraine zu tun. Offizier Wladimir überlegt. "Das geht jetzt doch sehr weit nach oben", sagt er und winkt ab. Neben ihm sitzt ein ukrainischer Offizier, sein Gesicht gefriert, er steht wortlos auf.

Die Russen beklagen, dass sie zwischen allen Stühlen sitzen

Als der Fotograf aus Deutschland mit Wladimir und dem russischen Stabschef in der Raucherecke steht, beklagen sie, dass sie zwischen allen Stühlen sitzen. Sie saugen an ihren Zigaretten und aschen in eine leere Granathülse. Rein gar nichts hätten sie mit diesem Krieg zu tun, sagen sie. "Man sieht ja in Syrien, was es bedeutet, wenn Russland Krieg führt." Er meint die Luftangriffe und die Bomben, die an einem Tag ganze Viertel syrischer Städte ausradieren.

An einem verregneten Novembersonntag geschieht etwas Besonderes: Ein Bus mit einer Tanz- und Gesangsgruppe des ukrainischen Verteidigungsministeriums kommt in die Stadt Soledar. Die ukrainischen Offiziere stellen sich in Reih und Glied vor dem Sanatorium auf, dann schlendern sie die Straße Richtung Kulturhaus hinunter.

Das Schauspiel beginnt. Frauen in Trachten aus Transkarpatien und Tscherkassy wirbeln ihre Röcke und stampfen mit den roten Stiefeln; Männer in pludrigen Hosen tanzen, wiegen sich zu den Takten, die jeder Ukrainer von früh auf kennt. Alles kann man sich aussuchen, Freunde, Geliebte, nicht aber das Vaterland, singt eine Sängerin. Die Soldaten haben sich in die hinteren Reihen gesetzt, vorn haben der Bürgermeister und Familien mit Kindern Platz genommen. Am Gangplatz in der Mitte des Saals sitzt Kremenetsky und lächelt. Bloß: Wo sind die Russen?

Die lassen sich an diesem Nachmittag nicht blicken. Es ist ihr freier Tag in diesem trostlosen Ort, sie haben absolut nichts zu tun – aber ukrainische Traditionsgesänge über das Leid des Volkes und den Freiheitskampf zu hören, das ist zu viel verlangt von einem russischen Offizier, der in der Ukraine Frieden schaffen soll.