Wenn gesundheitsbewusste Menschen heute wissen wollen, wie es ihnen geht, spucken sie in Röhrchen. Alle paar Stunden füllen sie ihren Speichel ab. Die Proben lagern sie sorgfältig im Kühlschrank, abends müssen sie mit der Post ins Labor. Was in ihrem Innersten vorgeht, erfahren die Probanden ein paar Tage später, wenn sie den Test auf das Stresshormon Cortisol im Internet herunterladen. Den Test auf freie Radikale handhaben sie ähnlich wie einen Schwangerschaftstest. Sie halten einen Streifen in den Urinstrahl, das Ergebnis erscheint sofort, und wenn sich ein Feld auf dem Streifen pink färbt, bedeutet das: Oje.

Wer sich auf solche Tests einlässt, muss es wirklich wissen wollen – nicht nur der Experimentierkasten für die Stress-Analyse enthält komplizierte Anleitungen und etliche Einzelteile. Die Käufer des Allergietests Food Detective stechen sich in den Finger, quetschen einen Blutstropfen in ein Fläschchen mit rosafarbener Flüssigkeit und schütteln. Die Mischung gießen sie in eine Plastikschale, auf deren Boden 48 Punkte markiert sind – jeder einzelne mit Proteinen eines Nahrungsmittels beschichtet. Noch eine halbe Stunde lang müssen die Selbsttester mit diversen Flüssigkeiten hantieren. Dann dürfen sie auf den Boden der Plastikschale schauen, auf dem die Diagnose erscheint: Jeder Punkt, der sich blau färbt, steht für ein Lebensmittel, das künftig zu meiden ist.

Statt ihrem Arzt vertrauen sich viele gesundheitsinteressierte Menschen inzwischen solchen Testkits an. Die bestellen sie bei Onlineversandhändlern namens Zuhausetest oder Vimedics. Im Badezimmer bauen sie kleine Chemielabore auf und entnehmen ihrem Körper die verlangten Proben. Blut, Speichel oder Urin geben Auskunft darüber, wie es dem Körper geht – meist nicht gut, wenn man den Tests glaubt.

Fast jedes Ergebnis gibt Anlass, sich schlecht zu fühlen: Im Körper wüten zu viele freie Radikale, der Analysestreifen zeigt es pink auf weiß. Das könnte Zellen schädigen. Auch das violett gefärbte Feld auf einem weiteren Teststreifen beunruhigt – zu viele Leukozyten, das deutet auf eine Infektion hin. Essen dürfen die Hobby-Laboranten ab jetzt nur noch ausgewählte Speisen, denn sogenannte IgG-Antikörper gegen Weizen, Roggen, Kuhmilcheiweiß und weitere Lebensmittel treiben durch das Blut (alles blau in der Plastikschale). Und dann erst das Level des Stresshormons Cortisol! Der Mensch im Badezimmer steht kurz vor dem Burn-out.

Ihr aktuelles Befinden ermitteln körperbewusste Kunden schon seit einer Weile, indem sie per Smartphone ihre Schritte zählen, ihr Essverhalten penibel dokumentieren und sich mithilfe eines elektronischen Armbands vergewissern, dass sie auch gut geschlafen haben. Im Internet informieren sie sich beim kleinsten Unwohlsein über ihre Symptome – und beklagen fortan ein großes Unwohlsein. Die Beflissenheit in der Selbstfürsorge macht sie zu willkommenen Gesundheitskunden, selbst wenn sie gar keine Beschwerden haben.

Zeugungsfähigkeit, Hormone, Antikörper – all das wird im heimischen Bad vermessen

Jetzt stellt die Medizinindustrie ihnen ein großes Arsenal an Instrumenten bereit, um den Körper noch besser, noch exakter, noch wissenschaftlicher zu analysieren: auf Stress, Vitaminstatus, Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten, Allergien, Störungen der Darmflora, Fruchtbarkeit, Zeugungsfähigkeit, Wechseljahre, Hormonhaushalt des Mannes, Parodontitis. Sie müssten nur emsig genug an ihrem Körper arbeiten, denken die Gesundheitskonsumenten, dann würden sie für Krankheiten praktisch gar nicht mehr anfällig. Dass das nicht stimmt, zeigen die Badezimmertests besonders gut.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Wenn die Selbsttester ihre Ergebnisse bekommen haben, suchen sie vor lauter Sorge manchmal doch den Rat des Experten – und erleben eine Überraschung. "Patienten kommen mit ihrem ausgedruckten Befund zu mir und sind verunsichert, weil der Spiegel irgendwelcher Hormone angeblich zu hoch oder zu niedrig ist", sagt Matthias Weber, Medizinprofessor an der Universitätsklinik Mainz und Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie. "Wenn ich ihnen dann sage, dass diese Tests wertlos sind, fallen sie aus allen Wolken." Speichel auf Hormone zu testen, sagt Weber, sei sehr fehleranfällig. "Sinnvoll ist diese Methode nur bei wenigen Krankheiten und auch dann nur als ein Diagnosebaustein neben anderen diagnostischen Verfahren."