Sklaven nach ihrer Befreiung in Virginia, mitte der 1860er Jahre. © Hulton Archive/Getty Images

Die Kürze des 13. Zusatzartikels zur amerikanischen Verfassung steht im umgekehrten Verhältnis zu seiner Bedeutung: "Weder Sklaverei noch Zwangsarbeit darf, ausgenommen als Strafe für ein Verbrechen, dessen die betreffende Person in einem ordentlichen Verfahren für schuldig befunden worden ist, in den Vereinigten Staaten oder in irgendeinem Gebiet unter ihrer Gesetzeshoheit bestehen." Vor 150 Jahren, am 18. Dezember 1865, trat dieser Verfassungszusatz in Kraft.

Die Frage der Sklaverei hatte das Land in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts tief gespalten. Während die Südstaaten sie verteidigten, gab es im Norden bedeutsame Opposition. Von 1861 an stand die Sklaverei im Zentrum des Amerikanischen Bürgerkrieges. In seinen vier Jahren forderte er 620.000 Todesopfer – der verlustreichste Krieg der US-Geschichte.

Der Sieg der Nordstaaten ist zu Recht als Neugründung der amerikanischen Nation, als zweite amerikanische Revolution, beschrieben worden. Aber was sollte danach kommen?

Ehemalige Sklaven und ehemalige Sklavenbesitzer hatten davon sehr unterschiedliche Vorstellungen. Nicht nur Freiheit, sondern auch Zugang zu Landbesitz forderten die Freigelassenen. "Wir haben ein gottgegebenes Recht auf das Land", erklärte eine Gruppe ehemaliger Sklaven in Virginia. "Unsere Frauen, unsere Kinder, unsere Männer sind immer wieder verkauft worden, um das Land zu erwerben, auf dem wir jetzt wohnen [...], und haben wir denn nicht das Land urbar gemacht und Mais, Tabak, Reis, Zucker, einfach alles angebaut? Und sind die großen Städte des Nordens nicht von der Baumwolle und dem Zuckerrohr und dem Reis groß geworden, die wir erzeugt haben?"

Dies war weder die Auffassung der ehemaligen Sklavenhalter noch der meisten Nordstaaten-Politiker. Der daraus erwachsende Konflikt über die Gestaltung der Südstaaten-Gesellschaft zog sich über zwölf Jahre hin. Hunderte von Historikern haben ihre Arbeit dieser Rekonstruktionsphase gewidmet, Tausende von Artikeln und Büchern sind darüber geschrieben worden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 17.12.2015.

Umso erstaunlicher ist es, dass sich die Geschichtswissenschaft bisher so wenig bemüht hat, die globalen Folgen dieses Vorgangs zu verstehen, vor allem wenn man bedenkt, wie weitreichend sie waren: Der Sezessionskrieg zwischen Nord- und Südstaaten kann als Wendepunkt der Weltgeschichte im 19. Jahrhundert gelten. Die amerikanische Baumwolle, der wichtigste Rohstoff für die europäischen Ökonomien, verschwand plötzlich vom Markt, und als die versklavten Arbeiter des amerikanischen Südens die Freiheit erlangten, geriet eine Säule des Welthandels und der Industrialisierung ins Wanken. Der Amerikanische Bürgerkrieg wuchs sich zu einer Krise des globalen Kapitalismus aus; sein Ausgang führte zu einer grundlegenden Neuordnung der Weltwirtschaft.

Wenn wir die Geschichte des Kapitalismus betrachten, schauen wir gewöhnlich auf die Industrie, auf Städte und Lohnarbeiter. Wir vergessen leicht, dass sich ein großer Teil der Veränderungen, die mit dem Aufstieg des modernen Kapitalismus verbunden sind, auf dem Land vollzogen.

Infolge der industriellen Revolution im späten 18. Jahrhundert geriet der ländliche Raum unter enormen Druck, Rohstoffe und Arbeitskräfte bereitzustellen und im Gegenzug Fertigprodukte zu beziehen. Die Baumwolle stand im Mittelpunkt dieser Entwicklung, denn die Industrie hatte ihren Ursprung überall im Spinnen und Weben, und je schneller und effektiver die Spinn- und Webmaschinen wurden, desto größere Mengen an Rohbaumwolle verlangten die europäischen und nordamerikanischen Produzenten.