Landwirt Christian Littmann, Anbauleiter eines Bio-Eierproduzenten, auf einem Soja-Feld bei Gnoien (Mecklenburg-Vorpommern) © Bernd Wüstneck/dpa

In diesem Jahr war das nichts. Eigentlich hätten die Sojapflanzen von Reinhard Kamp an einem der letzten warmen Tage im Oktober in voller Blüte stehen sollen. Doch zwischen den kniehohen, gelbbraunen Stauden ragten viele grüne Büschel empor. "Eine Katastrophe", sagt Bauer Kamp. "Nur Unkraut!" Zum Ernten blieb nur wenig übrig.

Als einer der ersten Landwirte in Deutschland baut der Biobauer sein eigenes Soja an. Die beige Bohne ist sehr gefragt – vor allem als Viehfutter. Bisher aber wächst Soja fast ausschließlich in Südamerika und Asien. Rund 80 Prozent des in Europa verwendeten Sojas werden importiert, die hiesigen Viehhalter sind abhängig von Lieferungen aus Lateinamerika, vor allem aus Brasilien und Argentinien. Zudem wird die Frucht dort in riesigen Monokulturen angebaut, für die oft Regenwälder gerodet werden. Und dann ist ein Großteil des importierten Sojas auch noch gentechnisch verändert. Doch Kamp und einige andere wollen beweisen, dass Soja sich auch hierzulande im großen Stil produzieren lässt.

"Soja ist nämlich eigentlich eine richtige Wunderbohne", sagt der 60-jährige Landwirt. Die Pflanze liefert viele Proteine und stärkt die Böden; mithilfe von Bakterien bindet sie Stickstoff aus der Luft. Dieser wiederum hilft anderen Pflanzen beim Wachsen. Wer ab und an Soja auf seinen Feldern anbaut, kann bei der nächsten Getreideernte höhere Erträge erzielen. Dafür gibt es sogar Subventionen: Die Europäische Union zählt Soja-Äcker zu den "ökologischen Vorrangflächen". Das bringt 87 Euro Greening-Prämie pro Hektar. Die bekommt normalerweise nur, wer seine Felder brach liegen lässt, damit sich die Böden regenerieren können.

Für Biolandwirte wie Kamp ist der Anbau von stickstoffbindenen Pflanzen besonders wichtig, weil ihnen künstlicher Phosphordünger verboten ist. Auch deshalb hat sich Kamp dem Deutschen Sojaförderring angeschlossen. "Bei vielen Bauern wächst das Bewusstsein dafür, dass sich der Sojaanbau lohnt – ökologisch und ökonomisch", sagt Jürgen Recknagel, Geschäftsführer der Initiative beim Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg. In diesem Jahr wurden nach Schätzungen der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung hierzulande rund 11.000 Hektar angebaut – mehr als doppelt so viel wie noch vor drei Jahren. Eine Nische bleibt es trotzdem: Mais zum Beispiel wächst auf 2,5 Millionen Hektar. Und bisher ist der Sojaanbau auch nur im Süden Deutschlands einigermaßen erfolgreich.

Betriebe in Mitteldeutschland – wie Kamps Hellmesehof, der zwischen Köln und Düsseldorf liegt – haben es da deutlich schwerer. Soja ist anspruchsvoll, als exotische Pflanze aus Nordostchina mag sie Wärme. Bei der Saat sollte der Boden zehn Grad Celsius warm sein. Und damit sich die ersten grünen Pflänzchen etwa zwei Wochen später an die Erdoberfläche trauen, sollte die Bodentemperatur weiter auf mindestens 15 Grad ansteigen. Schon ein Bodenfrost im späten Frühjahr gefährdet die ganze Ernte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 17.12.2015.

Kritiker halten das ganze Vorhaben für zwecklos. "Der starke Anstieg des Sojaanbaus in Deutschland lässt sich vor allem durch politische Anreize erklären", sagt Friedhelm Taube vom Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung an der Universität Kiel. Ohne die finanzielle Förderung sei die Pflanze im Vergleich zu anderen Kulturen wie Getreide oder Mais nicht konkurrenzfähig. Die Sojapflanze ist außerdem anfällig für Krankheiten wie Pilze.

Die deutschen Sojaanhänger wollen deswegen genau herausfinden, welche Sorten sich für den Anbau hierzulande überhaupt eignen. Wann müssen sie gesät, wie geerntet werden? Bundesweit gibt es dafür rund 120 Demonstrationsbetriebe wie den Hellmesehof von Reinhard Kamp. Dort wird jeder Schritt beobachtet, dokumentiert und ausgewertet. Das Bundeslandwirtschaftsministerium unterstützt das Projekt als Teil seiner Eiweißpflanzenstrategie mit drei Millionen Euro. Denn Soja ist auch ein Politikum: Weil die Chinesen immer mehr Fleisch essen, kaufen sie auch mehr Soja auf dem Weltmarkt. Was, wenn die deutschen Schweine und Hühner irgendwann leer ausgehen?

Für deutsche Bauern muss sich der Anbau allerdings lohnen. Bei Kamp war das in dieser Saison nicht der Fall. Das Wetter war eine Sache, das Unkraut eine andere. Pestizide zu spritzen kommt für den Biobauern nicht infrage. So lohnt sich der Anbau vor allem für größere Betriebe. Diese können sich spezielle Maschinen zur Unkrautbekämpfung leisten und so deutlich höhere Erträge pro Hektar erzielen. Dann könne sich der Anbau durchaus rechnen, bestätigt etwa der Freiburger Tofu-Hersteller Taifun. Die Nachfrage sei da. "Heimisches Soja ist vor allem bei Biolandwirten und Herstellern von sojabasierten Lebensmitteln begehrt", heißt es. Anders als importiertes Soja ist es garantiert frei von Gentechnik. Auf dem Weltmarkt bekommt so etwas nur, wer Monate im Voraus bestellt – in der Regel in Brasilien. Und selbst dann kann man nicht ausschließen, dass es in den riesigen brasilianischen Verarbeitungsanlagen nicht zu Vermischungen kommt.

"Wir werden das billige Gentechniksoja nie ganz ersetzen können", sagt Technologieförderer Jürgen Recknagel. Dennoch glaubt er, dass sich deutsches Soja langfristig etablieren könne. Der Anbau müsse aber ebenso verbessert werden wie die Züchtung. "Wir brauchen frühreife Sorten, die mit weniger Wärme auskommen", sagt er.

Und auch Bauer Kamp will trotz der schlechten Saison weiter auf die Sojabohne setzen: "Wer weiß, irgendwann lohnt es sich vielleicht doch."