1000-mal Muh

Kuh 704 steht in einer Familienvan-großen Metallbox. Es piepst und zischt, rotes Laserlicht tastet das Tier ab. Ein Roboterarm fährt zum Euter vor, findet die Zitze und saugt an. Die Milch fließt in den 30.000-Liter-Edelstahltank, der nebenan am Milchhaus steht.

Im Kuhstall im thüringischen Burgtonna läuft das Melken vollautomatisch. In zwei großen Hallen stehen 1.000 Kühe, die Stallungen gehören zu den größten Milchviehanlagen Deutschlands. Es ist luftig, reichlich Licht kommt herein, die Tiere können sich frei bewegen. "Wir sind Tierschützer", sagt Klaus Kliem, der als Geschäftsführer der betreibenden ADIB mbH vor allem auch Unternehmer ist.

Er hat alte Ställe weggerissen, neue hochgezogen, Silos gebaut, Straßen angelegt. Insgesamt hat die Firma sieben Millionen Euro in die Anlage investiert. Die neuesten Erkenntnisse des Tierschutzes seien eingeflossen, sagt Kliem. "Hätten wir nicht artgerecht gebaut und die Melkroboter weggelassen, wäre der Bau wahrscheinlich eine Million Euro günstiger gewesen", sagt er, "wir wollen aber zeigen, dass eine nachhaltige Landwirtschaft auch in unserer Größenordnung funktionieren kann."

Im Kuhstall in Burgtonna kreuzen sich Ökonomie und Tierschutz. Der Grundgedanke ist simpel: Geht es der Kuh gut, gibt sie mehr und bessere Milch. Während die Mitarbeiter früher jede Kuh zweimal am Tag zum Melken führten, wandern die Tiere heute im Schnitt 2,6-mal freiwillig zu den Robotern. Dort gibt es Kraftfutter. Vor den silbernen Boxen bilden sich Schlangen wie an Supermarktkassen vor Weihnachten.

Momentan kann Kliem pro Jahr 9.000 Liter Milch von jeder Kuh auf dem Markt anbieten, 9.500 sind sein Ziel. Dazu höhere Fett- und Eiweißwerte, denn auch danach richtet sich der Milchpreis. Computer zeigen die Milchleistung jedes Tieres an, die Laktosewerte, Fett- und Eiweißanteile der Milch, ihre Leitfähigkeit. Das Unternehmen überwacht seine Kühe wie Bundesligateams ihre Fußballprofis.

Seit dem Wegfall der Milchquote vor acht Monaten ist der Markt noch heftiger umkämpft, momentan bekommen die Milchbauern unter 30 Cent pro Liter. Viele Betriebe können unter diesen Bedingungen nicht mehr kostendeckend produzieren, Größe zahlt sich aus. "Nur wenn es für die Tiere so angenehm wie möglich ist, können wir von ihnen leben", sagt Klaus Kliem.

von Moritz Tschermak

Die Hauptstadt Veganiens

Jedes Jahr im Advent treffen sich Leipzigs Veganer zu ihrem Weihnachtsmarkt. Lebkuchen und Bratwurst gibt es dort, selbstverständlich ohne Honig, Ei und Fleisch gebacken und gegrillt. Glühwein – "ohne Gelatine geklärt". Kunsthandwerksstände bieten Gürtel und Schuhe ohne Leder und Ölgemälde ohne Karminrot, denn dafür werden Insekten zerquetscht. Auch wenn das "ohne" neben dem großen V eine Art Markenzeichen der Veganer ist, wie Verzicht soll es sich nicht anfühlen. "Wir haben alles, was das Herz begehrt", sagt Anna-Sophie Göhlisch, Mitgründerin des Weihnachtsmarkts und Inhaberin des Vegele, eines schicken Restaurant-Cafés mit Lieferservice.

Dutzende Lebensmittelläden und Cafés, 50 Restaurants, elf Volksküchen, eine Uni-Mensa, die jeden Tag ein veganes Stammessen anbietet: Wer auf tierische Produkte verzichten will, hat es leicht in Leipzig. Vom Vöner, der fleischfreien Döner-Alternative, über Fischersatz auf Lupinenbasis bis zum Schmusi, dem veganen Fruchtmarkmix, reicht das Angebot. Und wenn der Magen doch mal grummelt: Sieben erklärtermaßen veganfreundliche Arztpraxen wissen Rat. Die radikale Tierschutzorganisation Peta hat Leipzig zur veganfreundlichsten Stadt Deutschlands gekürt.

Das "Neue Vorum" sorgt für die Vernetzung der Aktivisten. Neben Rassismus, Antisemitismus, Faschismus, Sexismus, Homophobie lehnt der Verein auch "Speziesmus" ab. Was das bedeutet, erklärt die Textilkünstlerin Franziska Radde: "Wir lieben einfach alle Tiere – ob Hund, Katze, Maus oder Schwein. Sogar Menschen, auch wenn es nicht immer leichtfällt, die zu mögen." Radde hat sich bei V.A.G.I.N.A. organisiert, die Abkürzung steht für "Vegane Amazonen gegen intolerante nationalistische Arschlöcher".

Nicht nur in Leipzigs linker Künstlerszene ist Veganismus in. Vegane Punks verabreden sich auf einen Seitan-Burger in der Vleischerei, Hipster auf einen "falschen falschen Hasen" im Restaurant Zest, gemischte Studentengruppen kehren bei Curry&Co ein, wo es neben normaler Brüh- und Räucherwurst auch Currywurst aus Weizeneiweiß gibt.

Leipzigs veganer Shoppingtempel ist vor einem Jahr mitten in der Altstadt entstanden, zwischen Bahnhof und Nikolaikirche. Der Supermarkt bietet 7.500 Artikel auf 400 Quadratmetern Ladenfläche. Acht- bis zehntausend Kunden im Monat zählt Geschäftsführerin Karin Einhorn. Am besten laufen süße Riegel – auch Veganer essen gern mal ungesund.

von Dirk Asendorpf

Streit in der Manege

Noch im März gehörten Linara, Laika und Saila zu den Attraktionen, mit denen der Circus Renz International die Düsseldorfer in sein Zelt lockte: Die drei Elefantendamen trotteten durch die Manege, stiegen auf Höckerchen und winkten mit dem rechten Fuß ins Publikum. Doch der Umweltausschuss der Stadt hat Anfang Oktober beschlossen, städtische Flächen nur noch an Zirkusse zu vermieten, deren Programm ohne wilde Tiere auskommt.

"In Zirkussen ist es kaum möglich, Wildtiere artgerecht zu halten", sagt Klaus Meyer. Vor allem die häufigen Transporte setzten die Tiere unter Stress. Meyer leitet bei der Stadt Düsseldorf das Amt für Verbraucherschutz, zu dem auch das Veterinäramt gehört. Seine Mitarbeiter kontrollieren die Bedingungen, unter denen die Zirkusse ihre Tiere halten.

In seinem Beschluss führt der Düsseldorfer Umweltausschuss eine ganze Reihe von Städten auf, die ähnliche Wege gehen, Heidelberg zum Beispiel, München, Potsdam und Schwerin auch. "Ich glaube, dass man die Entwicklung als Zeitenwende werten kann", sagt Klaus Meyer.

"Ich sehe das ein bisschen differenzierter", sagt Jörg Pfeiffer. Der Veterinär leitet den Arbeitskreis Zirkus und Zoo der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz (TVT) bei der Bundestierärztekammer. Pfeiffer hält eine ganze Reihe von Tierarten für grundsätzlich ungeeignet für den Zirkus: Wölfe, Giraffen, Nashörner, Flusspferde, Strauße, Emus oder Bären etwa. Auch Elefantenbullen taugen laut Pfeiffer nicht für den Zirkus, unter anderem weil sie einmal im Jahr in der Musth, einer Phase besonderer Hormonschwankungen, sehr aggressiv werden können. Bei Elefantenkühen indessen sieht er das anders – wenn die Tiere mindestens zu dritt sind, genügend Auslauf bekommen und nachts in einem Zelt untergebracht sind, in dem sie sich frei bewegen können.

Beim niederländischen Circus Renz International ärgert man sich über Verbote wie das in Düsseldorf. "Wenn wir keine öffentlichen Flächen bekommen, suchen wir uns eben private für unsere Auftritte", sagt Willem Van Heymbeek, der die Touren organisiert. Er kritisiert, dass Regelungen wie die in Düsseldorf von Leuten gemacht würden, die die Praxis gar nicht kennten. Linara, Laika und Saila hätten gute Bedingungen. Der Circus Renz, so Van Heymbeek, werde seine Elefanten niemals weggeben.

von Joachim Budde