Papst Franziskus mag einen Hang zur Improvisation haben, in einer Hinsicht liegt der Mann voll auf der katholischen Linie. Jorge Bergoglio hat eine Schwäche für gutes Essen in rauen Mengen. Bei einem Besuch im November 2013 zum Mittagessen in der Wohnung von Gerhard Ludwig Müller ließ der Präfekt der Glaubenskongregation Schnitzel und Kartoffelsalat servieren. Kulinarisch lief die damalige Runde keineswegs aus dem Ruder. Franziskus soll nach dem üppigen, aber nicht exzessiven Mahl seine Sättigung auf Bayerisch kundgetan haben: "I ko nimma!" Das süddeutsche Idiom war ihm kurz zuvor von den beiden Haushaltshilfen des heutigen Kardinals, Huberta und Helgardis, beigebracht worden. Huberta, Helgardis, der Papst, der Bischof, Schnitzelreste, volle Mägen. Vielleicht hat noch einer Luther zitiert. Eine Szene wie bei Bruegel.

Mit am Tisch saß damals auch ein Mann namens Mauro Ugolini. Der 61 Jahre alte italienische Monsignore und Verwaltungschef der Glaubenskongregation ist dieser Tage untergetaucht. Denn interne Finanzermittler des Vatikans machten gerade einen beunruhigenden Fund in seiner Schreibtischschublade. Sie entdeckten einen dicken Stapel Bargeld, versteckt hinter einer alten Dose Wiener Würstchen. Zunächst war von 20.000 Euro in bar die Rede, angeblich soll wesentlich mehr Geld aufgetaucht sein, wie Insider wissen. Der Geldfund wirft selbstverständlich Fragen auf, aber auch die Würstchendose hat es in sich. Was wäre, wenn das Verfallsdatum der Dose gar im letzten oder vorletzten Pontifikat läge? Ugolini jedenfalls wirkte schon unter Müllers Vorvorgänger Joseph Ratzinger in der Glaubenskongregation und umgab sich vielleicht schon damals mit ähnlichen Dosen. Das ist natürlich Spekulation. Aber die Vorstellung des deutschen Kardinals und späteren Papstes, wie er, von seinem Mitarbeiter liebevoll versorgt, Wiener Würstchen kauend abtrünnig gewordene Bischöfe maßregelt, ist zu verlockend, um sie nicht zu evozieren.

Doch die Sache ist ernst. Und die Würstel-Affäre der vorläufige Schlusspunkt einer ganzen Reihe von Vorkommnissen, die sich kein Skandalautor greller hätte ausmalen können. Die Wirklichkeit steht über der Idee, sagt Papst Franziskus. In Wahrheit steht im Vatikan gerade die Wirklichkeit über der Fantasie. Und zwar derart, dass man beinahe katholische Selbstzerstörungstendenzen im Jahr der Barmherzigkeit diagnostizieren muss. Bis heute wird gerätselt, wofür genau sich Papst Franziskus am 14. Oktober entschuldigte, als er um Vergebung bat für die jüngsten Skandale in Rom und im Vatikan. Die Auswahl der möglichen Gründe scheint derzeit so üppig wie nie.

Bereits im Frühsommer rückten die Finanzermittler des neu gegründeten vatikanischen Sekretariats für Wirtschaft in der Glaubenskongregation ein, um Unterlagen sicherzustellen. Man darf sich diese Untersuchung nicht als Razzia der Staatsgewalt im eigentlichen Sinne vorstellen, sondern mehr oder weniger als Fragerunde unter Kollegen mit stichprobenartiger Beschlagnahme. Im Vatikan ist derzeit häufiger und nicht selten mit verächtlichem Unterton von "den Australiern" die Rede. Gemeint sind die Mitarbeiter des australischen Kardinals George Pell (Spitzname "Ranger"), die im Namen des Papstes die Vatikanfinanzen überprüfen und zentralisieren sollen, sich dabei viele Feinde machen und auf haufenweise unverbuchte Beträge stoßen. Pell sprach vor Monaten von "Hunderten Millionen von Euro", die nicht in den offiziellen Bilanzen auftauchten. Hauptziel der Nachforschungen in der Glaubenskongregation war der inzwischen versetzte Verwaltungsleiter Ugolini, das Faktotum der Behörde. Einen "bunten Vogel" nennen ihn ehemalige Kollegen, der seinen Mitarbeitern alles Mögliche besorgte. "Wenn man einen Staubsauger oder einen Installateur brauchte, dann rief man ihn an", erzählt ein Kurienmann. Als der Behördenchef Müller im Juli 2012 neu nach Rom kam, vertraute er Ugolini die Erledigung vieler Geschäfte an, von der Besorgung von Kochtöpfen bis zur Beschaffung von Einrichtungsgegenständen. Die beiden wurden schnell Freunde.

Für welche Zwecke Ugolini die ominösen Bargeldbestände einsetzte, ist nicht bekannt. Auch ihre Herkunft ist weiter völlig unklar. Müllers Kritiker erinnern an dessen Beinamen aus Regensburger Zeiten ("Bischof Nimmersatt") und seine Mitnahme von allerlei Hausrat nach Rom, ohne überzeugende Beweise für rechtswidriges Verhalten des 67-Jährigen vorzulegen. Der Vatikan stellte in einer offiziellen Erklärung zur Würstchen-Affäre fest, Müller "habe nichts mit der Angelegenheit zu tun". Das mag vielleicht richtig sein. Andererseits hat der Kardinal ganz offensichtlich ein gravierendes Problem bei der Personalführung.

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Bevor die Schwarzgeldkasse Ugolinis aufflog, stürzte nur Wochen vorher ein anderer Monsignore die Glaubenskongregation und ihren Chef in eine tiefe Krise. Nicht nur outete sich der 43 Jahre alte Priester Krzysztof Charamsa als schwul und legte bei einem öffentlichen und gut vermarkteten Geständnis kurz vor der Bischofssynode demonstrativ den Kopf auf die Schulter seines Lebensgefährten Eduard. Der Pole, der seit Jahren in der Glaubenskongregation arbeitete, bezeichnete überdies die von Müller geleitete Behörde als "Hort der Homophobie". Der Klerus sei "voller homosexueller Personen". Alle schwulen Kardinäle, schwulen Bischöfe und schwulen Priester sollten der Kirche aus Protest gegen eine "diabolische Lehre" den Rücken kehren, forderte Monsignore Charamsa. Lässt man einmal die drängende Frage beiseite, warum sich ein Homosexueller der katholischen Kirche anschließt, ein Keuschheitsgelübde ableistet und anschließend eine von ihm jahrelang mitgetragene Haltung als "diabolisch" brandmarkt, muss man feststellen: Viel mehr Skandal in der katholischen Kirche geht nicht.

Weit gefehlt. Der gegenwärtig laufende Vatikanprozess gegen fünf Angeklagte, darunter zwei italienische Journalisten, wegen der Veröffentlichung geheimer Dokumente birgt in sich alle Elemente, die der katholischen Kirche wie keiner anderen Institution Probleme bereiten und das Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit untermalen: Geld, Macht und Sex. Der Prozess sollte zum Start des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit abgeschlossen sein, um das freudige Ereignis nicht zu konterkarieren. Jetzt wurde eine Prozesspause von etwa zwei Monaten verfügt, in der die beiden Protagonisten die Details der Affäre haarklein ausbreiten. Die Rede ist vom spanischen Monsignore Lucio Angel Vallejo Balda (54), bis zu seiner Verhaftung Anfang November Sekretär der vatikanischen Präfektur für Wirtschaftsangelegenheiten, und der 34 Jahre alten italienischen PR-Agentin Francesca Immacolata Chaouqui. Beide sind im Vatikan des Geheimnisverrats und der Bildung einer kriminellen Vereinigung angeklagt. Dieser zweite Vatileaks-Skandal hat seinen Anfang in den Finanzreformen des Papstes, die auch Müllers Verwaltungsleiter Ugolini zum Verhängnis wurden.