Sie kamen von den äußersten Rändern: der eine aus den linksrheinischen Provinzen, die jahrhundertelang unter fürstbischöflicher Aufsicht gestanden hatten, der andere, aus Königsberg, war aufgewachsen in Moskau. Sie hatten sich das Gleiche vorgenommen: die Kultur des Deutschen Reiches – der eine war zweieinhalb Jahre vor, der andere sechseinhalb Jahre nach der Einigung geboren – aus der Mitte, und das hieß für beide aus der Sprache heraus zu erneuern. Am Ende versagten beide vor der aufziehenden Barbarei, weil ihnen manches im nationalsozialistischen Staat vertraut, ja verlockend vorkam – nicht wenige ihrer Anhänger hielten den Marschtritt der SA-Kolonnen damals nur für eine etwas derbere Ausdrucksform dichterischer Herrschaftsfantasien. Der eine, Stefan George, starb im Dezember 1933, zehn Monate nach Hitlers Machtübernahme, der andere, Rudolf Borchardt, vier Monate vor dem endgültigen Untergang, im Januar 1945.

In der deutschen Literaturgeschichte werden George und Borchardt gern zusammen genannt.

In Mussolini erkennt Borchardt Ähnlichkeiten mit Goethe

Das hat, mehr noch als mit den äußeren biografischen Daten, damit zu tun, dass sich beide früh, bald nach der Jahrhundertwende, als Retter des deutschen Geistes in Szene setzten und einen Kulturbegriff propagierten, der darauf angelegt war, Wirkung im politischen Raum zu entfalten. Als sie Ende der zwanziger Jahre im Dunstkreis der "konservativen Revolution" hätten Epoche machen können, erwiesen sich ihre groß angelegten nationalen Erneuerungskonzepte als ebenso realitätsfern wie anachronistisch. 1933 dann die große Versuchung. Dass Borchardt Jude war, verhalf ihm keineswegs zu einem klareren Urteil, im Gegenteil. Als er am 3. April dieses Jahres Mussolini in einer Privataudienz seine Dante-Übertragung überreichen durfte, stellte er eine erstaunliche Ähnlichkeit des Duce mit keinem Geringeren als Goethe fest und schloss daraus auf eine neue Morgenröte im Wechselspiel von Geist und Macht. Drei Jahre später wünschte er aus Ärger über einen jüdischen Verleger in Wien, die Österreicher möge "ein dreitägiger Hitlerfrühling" heimsuchen. Seit Jahrzehnten in Italien lebend, habe er sich von der Realität im Nationalsozialismus keine wirkliche Vorstellung machen können, entschuldigt sein Biograf solche Entgleisungen.

Mit der gleichen Vehemenz, mit der er zeitlebens seine jüdische Herkunft abstritt, leugnete Borchardt seine lebenslange Fixierung auf George. Als Student der Klassischen Philologie in Bonn war er im Frühjahr 1898 auf die neue Dichtung aufmerksam geworden, hatte daraufhin Kontakt zu Personen aus Georges Berliner Umfeld gesucht und eine öffentliche Lesung in Bonn organisiert, deren Wirkung alle Beteiligten noch Jahrzehnte später als desaströs erinnerten. Er habe von dem Herrn lediglich die Rockschöße gesehen, spottete George, aber da sei ihm alles klar gewesen. Als Borchardt 1905 in Berlin und Basel gleich mehrere angehende George-Jünger in seinen Bann zu ziehen verstand, intervenierte der Meister. Dies wiederum veranlasste Borchardt zu einem jedes Maß und jede Sitte sprengenden Wutbrief, der auf die Drohung hinauslief, wenn George nicht von seinen üblen Verleumdungen ablasse, werde er, Borchardt, ihm das Handwerk legen.

Dreißig Jahre lang beließ es Borchardt bei unschönen Andeutungen über die Homosexualität Georges, obwohl, wie er sich ausdrückte, die ihm auferlegte Verantwortung für die deutsche Jugend sein öffentliches Einschreiten dringend erforderlich gemacht hätte. Stefan George sei nämlich vor allem deshalb Dichter geworden, weil er mithilfe seiner Gedichte junge Männer in sein Bett zu locken verstehe. So nachzulesen in einer Studie von 1936, in der Borchardt, die Männerphantasien Klaus Theweleits antizipierend, einen direkten Zusammenhang herstellte zwischen homosexuellen Gewaltfantasien und Faschismus. Die mehr als ein halbes Jahrhundert nach Borchardts Tod erschienene Abrechnung mit George zählt zum Widerwärtigsten, was die deutsche Prosa hervorgebracht hat, gleichwohl enthält sie Erkenntnisse und Einsichten, die nur formulieren konnte, wer tief in die Georgesche Gedankenwelt eingedrungen war.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 17.12.2015.

Der Borchardt, hieß es 1920 in Franz Bleis Bestiarium, sei ein seltener, "immer allein und hoch fliegender schöngefiederter Vogel aus der Gattung der Edelfasane", der oft für einen "Gefolgsvogel des George" gehalten werde, was aber nicht stimme, denn der Borchardt fliege "zuweilen hoch über den George hinweg". Mit der Biografie des Berliner Literaturhistorikers Peter Sprengel liegt nun die erste gründliche Beschreibung dieses seltenen Vogels vor. Gemessen an den Erwartungen, die eine Borchardt-Biografie schon deshalb wecken muss, weil der Mann an zahlreichen Wegkreuzungen der Literatur- und Geistesgeschichte plötzlich auftaucht und, nicht ohne einen meist nachhaltig verstörenden Eindruck zu hinterlassen, ebenso plötzlich wieder verschwindet, ist das Ergebnis ernüchternd. Allen Prophezeiungen der Borchardt-Gemeinde zum Trotz, der große Unbekannte werde sich eines Tages als einer der Fixsterne der deutschen Literatur erweisen, kann der Befund nach Lektüre der Biografie nur lauten: Die Substanz seines Werkes steht in keinem Verhältnis zu den Irritationen, die seine Persönlichkeit bis heute auslöst, der Mann bleibt hinter seinem stets zweifelhaften Ruhm weit zurück.

Ein Student der Klassischen Philologie, den es ins Feld der Dichtung verschlagen hat, erkennt seine poetischen Unzulänglichkeiten und beginnt daraufhin, die Grenze zwischen Poesie und Philologie so zu verschieben, dass die Dichter ihn wenigstens als ihren Helfer, vielleicht sogar als ihren philologischen Lehr- und Zuchtmeister akzeptieren: So ließe sich in einem Satz der Lebensweg Borchardts zusammenfassen. Der Erste, über den er solchermaßen eine Zeit lang Autorität erlangte, Rudolf Alexander Schröder, war in Borchardts Augen leider nur ein zweitklassiger Dichter und überdies homosexuell. Ein weit erstrebenswerterer Partner für eine Allianz war Hugo von Hofmannsthal, den Borchardt 1902 zum ersten Mal in Wien besuchte. Hofmannsthal war allerdings klug genug, sich der außergewöhnlichen propagandistischen Fähigkeiten dieses glühenden Enthusiasten zu versichern und zugleich Distanz zu wahren. Davon profitierten beide über Jahre. "Ein Mensch mit einem Geist wie der Borchardts kommt ja kaum alle dreihundert Jahre wieder", verteidigte ihn Hofmannsthal bis zum Schluss, und deshalb werde er ihn "um eines beinahe körperlichen Defectes willen" auch nicht fallen lassen. Mit dem Defekt war jene krankhafte Hochstapelei gemeint, die Walter Benjamin den "Willen zur Lüge" nannte, der Borchardts ganzes Wesen beherrsche.