Wo Zou Lei herkommt, ist das Leben nicht leicht. Es ist eine Landschaft der Wüsten und Hochgebirge, Tausende Kilometer von jedem Meer entfernt. Und doch wachsen hier Melonen, Pfirsiche, Äpfel. Mandeln, Datteln. Und sie hat eine liebevolle Mutter, mit der das kleine Mädchen nachmittags ganz allein im Haus bleiben darf. Sie spielen Fragespiele und halten sich dabei an den Händen. "Wo ist das Brot? Wo ist das Salz? – Das ist in den Bergen. Das ist im Fluss. Das ist auf der Weide bei den Pferden." Sie malen sich miteinander aus, wie das Paradies wäre: Dort haben alle Leute Schuhe und eine schöne Mütze, Joghurt, Sahne und Brombeeren, so viel sie wollen, und wenn ein Funktionär kommt, um die Steuern einzutreiben, sagt man einfach "Nächste Woche!" und lacht, wenn er betreten abzieht. Da sie sich das Glück so intensiv vorstellen können, sind sie eigentlich jetzt schon glücklich.

So, versteht sich, bleibt es nicht. Zou Leis Mutter gehört zu der in China beargwöhnten Minderheit der Uiguren, der Vater, Chinese, ist bei der Armee und kommt ums Leben. Mutter und Tochter müssen weg aus der fernen Westprovinz Xinjiang, um in den mörderischen Textilfabriken des Ostens ihren kümmerlichen Lebensunterhalt zu verdienen. Zou Lei aber wagt den großen Sprung in die USA, ganz allein. Als Illegale aufgegriffen, kommt sie ins Gefängnis und erfährt weder das Strafmaß noch den Grund für ihre schließliche Entlassung. Jeder, den man erwischt, hat automatisch gegen den Patriot Act verstoßen, das genügt. In der Folge schlägt sie sich in New York mit Jobs bei chinesischen Imbissen durch, wo sowieso jeder illegal ist, und sie jedenfalls in keiner größeren Gefahr schwebt als alle anderen.

Parallel dazu wird die Geschichte von Skinner erzählt (dass er auch einen Vornamen hat, Brad, spielt so gut wie keine Rolle). Er ist gerade von seinem dritten Einsatz im Irak zurückgekehrt und wandert jetzt mit seinem großen Armeerucksack durch New York auf der Suche nach einem Domizil. Genau wie Zou Lei ist er es gewohnt, große Strecken zu Fuß zurückzulegen, und achtet darauf, sich auch unter misslichen Umständen physisch in Form zu halten. Dieser gemeinsame Zug bringt die beiden sonst sehr verschiedenen Einzelgänger zusammen. Beim ersten zufälligen Treffen auf der Straße begutachten sie gegenseitig ihre durchgearbeiteten Muskeln und stellen fest, dass sie am je anderen – dem Soldaten, der Soldatentochter – den militärischen Habitus mögen. Zögernd beginnt eine Liebesgeschichte zwischen den zwei zähen Einzelgängern.

Atticus Lish, 1971 geboren, Sohn des berühmten Lektors Gordon Lish, der Raymond Carver zum Ruhm verhalf, ist US-Marine gewesen, hat als Sprachlehrer in China gearbeitet, verschiedene Stellen in Fabriken und auf dem Bau gehabt und lebt in New York. Er weiß also, wovon er redet, wenn er die düstere Umwelt seiner beiden Protagonisten darstellt. Aber die Besonderheit seines Romans Vorbereitung auf das nächste Leben (der Titel verdankt sich der Inschrift einer Slum-Moschee) erschöpft sich nicht im Stoff. Bücher, die mit der Härte ihres Gegenstands und der Toughheit ihres Personals renommieren, gibt es mehr als genug. Lish hingegen legt das Hauptgewicht darauf, wie seine zwei Hauptfiguren, die sich zugleich so ähnlich und so unähnlich sind, denken und auf ihre Umgebung reagieren. Er hat eine Erzählperspektive gewählt, die man weder als personal noch als auktorial bezeichnen kann, die vielmehr irgendwo dazwischen liegt und die Beschränkungen beider übersteigt. So wird es ihm möglich, die extreme Einsamkeit, in der sowohl Skinner als auch Zou Lei existieren, dem Leser fühlbar zu machen und sie zugleich wie etwas ganz Selbstverständliches erscheinen zu lassen. In einem Land, das sich völlig durch Familie und Nachbarschaft definiert, vermissen sie die fehlende Gemeinschaft noch nicht einmal: Nichts markiert sie stärker als absolute Außenseiter. Durch diese Disposition ist der unwahrscheinliche Glücksfall ihrer Liebe von Anfang an gefährdet; und der Leser ahnt bang voraus, schon ehe Skinners schwere traumatische Störungen durch seine Kriegserlebnisse sich an die Oberfläche arbeiten, dass es nicht gut ausgehen wird mit den beiden.

Lish macht es seinem Leser absichtlich nicht leicht. Er stellt eine fremde Welt dar, die Welt der Migranten ohne Papiere, wo zwei Dutzend chinesische Mikro-Communities durch unüberwindliche Hindernisse voneinander getrennt sind. Dass, wer Kantonesisch redet, kein Mandarin versteht, dürfte inzwischen bekannt sein. Aber hier sind es sogar die Bewohner der benachbarten Dörfer "Ewiger Friede", "Redlichkeit bewundert" und "Verbundene Berge", die auch im Ausland lieber unter sich bleiben, weil sie nicht mitkriegen, was im fremden Dialekt kommuniziert wird; man traut einander nicht völlig.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 17.12.2015.

Lish malt sozusagen ein Bild ohne Linien und Konturen, wo alles simultan und ungegliedert herumwirbelt und Orientierung unmöglich wird. Als Zou Lei zu ihrem letzten langen Lauf durch die Stadt aufbricht, sieht sie unter anderem Folgendes: "Eine Reihe von ausgebrannten, vernagelten Läden. Auf einem Zettel stand: Victor Han, Architekten. Das Graffito auf dem Brett: Blunts. Das t bestand aus Teufelshörnern. Stirb 666. Leiser’s Liquors. Um eine kaputte Parkuhr war ein Sweatshirt gewickelt. CSNR. Romer. Big Dick Fuck All Day. MS-X3. Auf der Tafel mit den Auftraggebern stand: Ausführung von Hua Fong Construction Inc. Feeney’s Tavern: zwei grüne Tauben und eine kleine grüne Tür, Nummer 2401." Ein Glossar in der deutschen Ausgabe soll die Mindestversorgung mit Information gewährleisten; aber es erliegt vor der Fülle der einstürmenden Realien, und der Leser muss es hinnehmen, dass er mit Vokabeln wie Dubstep und GLCS, Brazalhax y soldado und Glas-Chillums alleingelassen wird. Warum soll es ihm besser ergehen als dem verwirrten Fremdling, der hier strandet?

Lish hat eine Sprache gefunden für den Zustand der wahrhaften Globalisierung. Nicht einmal so sehr die Armut bestürzt daran, sondern vor allem das Chaos. Schon das Original nimmt in gewissem Sinn eine übersetzerische Anstrengung auf sich. Es kämpft mit einem Sprachkosmos, in dem sich unzählige Einzelströme vermischen. Den deutschen Übersetzer aber stellt das vor eine fast unlösbare Aufgabe; für ihn stellen sich die Probleme, mit denen der Autor zu ringen hatte, im Quadrat dar. Wie beispielsweise soll er im Deutschen den Flirt-Dialog eines Amerikaners mit einer Frau wiedergeben, die ihre Sätze ihrerseits eigentlich aus dem Chinesischen überträgt, mit starkem uigurischem Einschlag? Bei Michael Kellner hört es sich so an:

Manchmal kauft Junge ein kleines Tier, Kanin.

Kaninchen?

Die Ohren stehen hoch tu-tu-tu, die Nase ist rot, von der Nase gehen Haare wie eine Katze. Ja, Kaninchen. Man kann es in Gefängnis haben.

Du meinst Käfig?

Ja, Käfig, und gibt’s Gemüse.

Man führe sich die Schwierigkeiten vor Augen, die eine solch scheinbar beiläufige Passage bereitet haben muss. Da stoßen zwei Sprachen zusammen, Englisch und Chinesisch, die beide ihre Wörter sehr wenig flektieren. Die Differenz soll nun ins stark flektierende Deutsch gebracht werden. Und trotzdem schafft es der deutsche Text, dass man die beiden in ihrem zugleich mühsamen und beschwingten Gespräch sieht, bis hin zur Geste, die das "tu-tu-tu" der Ohren begleitet. Hier hat die Übersetzung (so fraglich man, wenn man nachprüft, bestimmt vieles Einzelne finden wird) als Ganzes doch etwas Außerordentliches geleistet.