Hätte man ihm vor einem Jahr gesagt, dass er demnächst Besucher im Rathaus empfangen würde, hätte Guillermo Gross laut gelacht. Bis vor Kurzem war es für ihn noch unvorstellbar, überhaupt in eine Partei einzutreten. In welche auch? Es gab in Spanien ja nur rechts oder links, Konservative oder Sozialisten. "Ich bin kein Mann der Ideologien", sagt Guillermo Gross. Aber heute ist er Bürgermeister.

Valdemoro liegt etwa 30 Kilometer südlich von Madrid, mit der Bahn fährt man eine gute halbe Stunde bis in die Hauptstadt. Vor dem Fenster ziehen Einkaufszentren, Containerterminals, Schuttberge und Industriebrachen vorüber, wie Jahresringe haben sie sich um die Hauptstadt gelegt. Gleich neben dem Bahnhof von Valdemoro beginnen die ersten Wohnblocks, sechs oder sieben Stockwerke hoch. Daneben ist noch Bauland frei, 5485 Quadratmeter, wahrscheinlich wird noch ein Einkaufszentrum gebaut. Schlafstädte wie Valdemoro sind in den vergangenen zwanzig Jahren rund um Madrid viele aus dem Boden geschossen. Immer mehr Menschen wohnen hier und arbeiten in der Hauptstadt. 1990 zählte Valdemoro 18.000 Einwohner, heute sind es 75.000.

Auch Guillermo Gross und seine Frau sind erst vor fünf Jahren hergezogen. Das Apartment in Madrid war zu klein geworden, als sie Drillinge bekamen. Für die Politik in Valdemoro hat Gross sich zunächst kaum interessiert, er arbeitete für Google und war viel unterwegs. Doch irgendwann sind ihm die schlechten Nachrichten, die auch vor Valdemoro nicht haltmachten, zu viel geworden.

Rund 90 Millionen Euro Schulden drücken die Kommune, jeder vierte Einwohner im erwerbsfähigen Alter ist arbeitslos. Und das ist längst nicht alles: In einer spektakulären Aktion verhaftete die Guardia Civil eine halbe Hundertschaft Politiker und Geschäftsleute. Ein früherer Bürgermeister von Valdemoro sitzt nun im Gefängnis, ein zweiter ist gegen Kaution auf freiem Fuß, ein dritter wird – ebenfalls wegen Korruption – angeklagt. Auch dies war der Boom: Was immer in den vergangenen Jahren in Valdemoro gebaut wurde – und gebaut wurde viel –, ein Netz aus Kommunalpolitikern verdiente kräftig mit. Die meisten von ihnen waren Mitglieder der konservativen Volkspartei (PP) von Premierminister Mariano Rajoy.

"Wir müssen uns in Spanien entscheiden", sagt Guillermo Gross: "Entweder machen wir weiter wie bisher, oder wir bringen die Dinge in Ordnung und werden ein normales Land." Im August 2014 gründete er mit Gleichgesinnten in Valdemoro eine neue Partei: Ciudadanos, die Bürger. Zehn Monate später fanden Kommunalwahlen statt, und nun ist Gross nicht mehr bei Google, sondern Bürgermeister.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 17.12.2015.

Menschen wie ihn trifft man jetzt viele in Spanien, in den Rathäusern und Gemeinderäten, in den Regionalparlamenten und an den Wahlkampfständen. Fast vier Jahrzehnte sind seit der transición, dem Übergang von der Diktatur Francos zur Demokratie, vergangen. Seitdem herrscht in Spanien eine klare politische Ordnung. Es gab rechts und links, Blau und Rot. Dazwischen blieb wenig Raum für Alternativen; nur ein paar Regionalparteien mischten ab und an mit. Die Volkspartei und die Sozialistische Arbeiterpartei (PSOE) hielten das Land fest im Griff und wechselten einander an der Macht ab.

Doch die alte Ordnung existiert nicht mehr. Sie ist kollabiert unter der Wucht der Wirtschaftskrise, untergegangen in einem Strudel von Skandalen. Im Gemeinderat von Valdemoro hat die PP jetzt nur noch fünf statt vorher 14 Abgeordnete. Valdemoro ist politisch nicht mehr blau und rot, sondern bunt.