Ein Mann weiß, wann er den Winter zu verlassen hat. © Eloy Alonso/Reuters

Den Winter habe ich gehasst, seit ich denken kann. Gehirnforscher behaupten neuerdings, dass die Erinnerung maximal bis ans dritte Lebensjahr heranreicht – es kann also gut sein, dass ich in diesen ersten Jahren mit einem Glucksen geantwortet habe, wenn man mich kopfüber in eine Schneewehe getaucht hat, oder dass ich mit meinen in Fäustlingen verpackten Shrimpsfingern auf die Flocken ringsum gedeutet habe, um mir den Namen für dies Phänomen abzuholen. Seit ich aber denken kann, finde ich diese Jahreszeit einfach Horror. Vor allem, weil sie nicht nur verlässlich, sondern, radikal subjektiv gesprochen, zwangsläufig immer wieder kommt. Wenn die Blätter erst alle runtergefallen sind, nach der herrlichen Laubfärbung und den Herbsthimmeln, wenn also alle anderen seufzend ihre Gesamtausgabe von Adalbert Stifter hervorholen, verfalle ich in eine Schockstarre, die keinesfalls mit der unter Hasen üblichen Duldungsstarre zu verwechseln ist. Ich will einfach nicht, dass der Winter kommt.

Ist denn noch niemandem außer mir aufgefallen, dass es Fantastillionen von Katastrophenfilmen gibt, in denen es auf der Welt nicht mehr aufhört zu schneien, aber keinen einzigen, in dem ein endless summer der Menschheit den Garaus macht?

Kein Mensch friert gern. Meine Eltern hatten nicht das Geld für Pullover aus Vikunja, es kratzt mich noch heute, wenn ich an die Rollkragen und Schals zurückdenke – meine Therapeutin ermutigt mich, von einem kindlichen Trauma zu sprechen. Und wo wir schon bei Prägung sind: Es gibt eine frühe Aufnahme von mir, da stehe ich als Daunenwurst mit blau gefrorenen Lippen in der weißen Weite, und mir läuft das Blut über die Stirn, weil mir ein angeblicher Spielkamerad einen Schneeball mit Stein drin ins Gesicht geworfen hatte (Methode Germknödel). Klar, auch im Sommer geschehen schlimme Sachen, aber die konnte ich erfolgreicher verdrängen.

Beim Sommer wird in der Tagesschau noch immer von einem Anfang oder Beginn gesprochen – Worte, die zärtlich klingen und schön. Man will sich dem Sommer gleich hingeben und das auch nicht starrend, sondern flexibel und ausdauernd. Fängt der Winter an, heißt es: Einbruch. Da gibt es zwar auch Menschen, die sich darauf freuen, aber zu denen gehöre ich nicht. Hier, in Berlin, wo ich meine Habseligkeiten in Tüten packe, um dem Unvermeidlichen zu entfliehen, zeitigt dieser Einbruch des Winters eine leider nur als pornografisch zu bezeichnende Existenz. In Berlin wird aus Schnee schnell Schmutz. Und meist schneit es ja nicht einmal. Es ist halt nasskalt, später wird es kalt, darauf eisig und schneidend, und dazu bleibt es andauernd dunkel – wer will denn so leben?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 17.12.2015.

Jetzt wird es kompliziert, denn wenn wir vom Winter sprechen, dann müssen wir auch von Privilegien sprechen: Die meisten Menschen hier in der nördlichen, vom Winter gebeutelten und zudem noch industrialisierten Sphäre müssen diese Jahreszeit ja allein aus dem Grunde heraus ertragen, weil sie gar nicht anders können. Wer kann denn schon mal ein halbes Jahr lang woanders hinfahren? Die Kassiererin aus meinem Stammsupermarkt mit ihrer marmorkuchenartig gefärbten Igelfrisur, diese zäh arbeitende Frau, die mir mit zunehmender Dunkelheit und Kälte einen immer flehentlicheren Blick von ihrer Kasseninsel aus zubeamt: sie jedenfalls nicht. Aber ich (kann). Freiheit macht zwar arm, aber für ein bisschen Wegfahren reicht es immer noch.

In den neunziger Jahren, da lagen zwanzig Jahre Erinnern bereits auf der memory bank, ging es winters nach Südostasien. Laos, Vietnam, Ceylon – damals war es dort paradiesisch. Vor allem halt warm, so warm, wie es hier noch nicht einmal im Sommer wird. Und feucht, also schweißtreibend, sodass ich sechs Hemden pro Tag brauchte. Herrlich, ich schwitze total gern, weil mich das an Liebe erinnert! Auch dass ich in der Wärme kaum Hunger hatte, lässt mich an den Zustand des Verliebtseins denken (da isst man ja auch nicht). Dabei gab es an jeder Ecke etwas zum Essen zu entdecken, was ich noch nie zuvor gesehen oder gerochen hatte. Überhaupt roch es aus allen Himmelsrichtungen nach Holzkohlenfeuer und gebratenem Hühnchen. Für das Herumdüsen mit dem Motorroller brauchte man keinen Führerschein, und plötzlich stand da mitten auf der Stadtautobahn ein Elefant. Und wenn man, wie ich, Silvester abschreckend findet mit dem Geballere, dann gibt es nichts Schöneres als den Anblick Hunderter Ballons aus Papier, an denen kleine Öllämpchen hängen, wie sie in den Nachthimmel über dem Mekong steigen. Ganz groß dahinter der Mond.

Tja, tja, mag nun der eine oder andere denken, so ist das mit dem Exotismus und einem Zuviel an Freizeit. Es ist hier übrigens absichtlich nicht von Stränden die Rede, ich hasse das Schwimmen und liege ungern irgendwo rum. Ich habe in den exotischen Fernen nicht anders gelebt als im eiskalten Berlin (nur eben glücklicher) – gelesen, geschrieben, Leute beobachtet, um überhaupt schreiben zu können.