Mal so richtig romantisch mit dem Auto feststecken © REUTERS/Eloy Alonso

Der Winter ist, entgegen anders lautenden Gerüchten, keine gemütliche Jahreszeit. Das Wort Schneedecke mag warm klingen, der Glühwein süß schmecken, und die teuren Skisocken von Falke sehen diese Saison wirklich wieder aus wie selbst gestrickt. Doch das täuscht. Das ist eine Illusion für die moderne, fußbodenbeheizte Wohlfühlgesellschaft. Der wahre Reiz der kalten Monate liegt eben darin, dass sie kalt sind. Dauerhaft glauben kann man an die Gemütlichkeit des Winters nur, wenn man ihn hauptsächlich vom Weihnachtsmarkt kennt und noch nie einen echten Schneesturm erlebt hat.

Bei meinem ersten Schneesturm war ich acht. Am Nachmittag hatte der Wind aufgefrischt, aber wir wollten noch einmal auf unseren Skiern bergab sausen. Als wir im Tal ankamen, schneite es schon in wild wirbelnden Flocken, und die Seilbahn Oberwiesenthal stand aus Sicherheitsgründen still. Wie nun heimgelangen? Unser Ferienquartier lag ja auf der anderen Seite des Berges, von der Gipfelstation aus noch sechs Kilometer sanft abwärts durch den Wald. Ratlos stand unsere kleine Skigruppe – mein Vater und außer mir noch zwei weitere Kinder – am Hang.

In solchen schicksalhaften Urlaubssituationen gibt es, wie jeder Skifahrer bestätigen kann, stets einen einheimischen alten Hasen, der den Tölpeln aus dem Flachland erklärt, wo es langgeht. Sein Rat: Statt ganz auf den Gipfel sollten wir nach einem Drittel des Anstiegs seitlich um den Berg herumgehen, dann zur Bächelhütte runter und in den Börnerweg hinein. Das klang leicht. Auf die Frage, ob wir Kinder unsere Skier selbst den Anstieg hinauftragen könnten, nickten wir natürlich alle drei.

Winter macht mutig. Das Schönste ist eben genau nicht der weiß-blaue Glitzerkitsch, den man aus sicherer Distanz sieht, durchs Panoramafenster eines Fünf-Sterne-Hotels oder durch die eisverkrustete Scheibe eines unbeheizten Pensionskämmerleins; sondern das, was man mittendrin fühlt, wenn der Sturm an der Jacke zerrt und die Schneewolken sich vor einem auftürmen: Welteroberungslust. Der Winter macht, dass man sich heißen Herzens ins Freie stürzt. Und wie jedes andere Rauschmittel führt er zur Selbstüberschätzung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 17.12.2015.

Als wir nach einer Stunde den Anstieg geschafft und den Querweg erreicht hatten, schleppte mein Vater sämtliche Skier. Zu meiner Ehrenrettung kann ich sagen, dass ich mein Paar Skier zuletzt hergegeben habe, klaglos und verbissen durch den tiefer werdenden Schnee pflügend. "Du musst auch mal loslassen!" – dieses Credo der späturbanen Wellnessepoche war Ende der 1970er Jahre ja noch nicht erfunden. Kann sein, dass sie in Thailand bereits damit experimentierten. Doch am Fichtelberg, stolze 1.214 Meter hoch und für mich damals der Gipfel winterlicher Pracht und Stärke, wussten wir davon nichts.

Wir wollten durchhalten. Und Durchhalten schmeckte nach der Schneeluft, die wir gierig einsaugten; nach der Hitze, die aus unseren geöffneten Jacken dampfte; nach dem Eisengeschmack auf der Zunge, wenn du dagegen ankämpftest, mitten in der Steigung schlappzumachen; aber vor allem nach Triumph, wenn du am Etappenziel ankamst. Dort gab es Leberwurstbrote im Stehen und lauwarmen Thermoskannentee mit Schneegriesel drin.

Die Winter meiner frühen Kindheit waren eisig und voller Gelegenheiten, sich als Held zu fühlen. Damals zeichnete sich schon ab, dass ich ein Fan von Jack London und Karl May werden würde. Deren Helden kapitulierten schließlich auch nicht wegen ein paar feindlicher Indianer, hungriger Wölfe oder schlechten Wetters; nicht bevor die letzte Patrone verschossen und das letzte feucht gewordene Streichholz aufgebraucht war .