Bis Mai 2015 war Alan Rusbridger Chefredakteur des britischen "Guardian". © Oli Scarff/Getty Images

Die Freizeit eines Chefredakteurs müssen wir uns als eins der kostbarsten Güter vorstellen. Bis zum Anschlag ist sein Tag vom Strom eines Ions getrieben: Er befeuert die Redaktion, überwacht die Produktion, leistet Repräsentation vor Kunden, steuert die Kommunikation, erträgt die Konfrontation mit Abo-Kündigungen, entwickelt täglich eine Vision und erleidet ebenso oft eine Desillusion. Nachts fällt er erschlagen in den Schlaf, nicht ohne den letzten wachen Gedanken bereits der übernächsten Woche gewidmet zu haben. Damit dieses Leben nicht im schlechten rechten Winkel vor PC und Monitor verkümmert, spielt der Chefredakteur einmal pro Woche Golf und ertüchtigt seinen Körper bei Fußballspielen oder Marathonläufen.

Auch Alan Rusbridger, der berühmte Chefredakteur des Londoner Guardian, fällt nicht nach Feierabend in sich zusammen. Er stählt sich jedoch durch exzessives Klavierspiel. Mehr noch, über Jahre hat er, der Laie, die gefälligen Sonatinen für den Hausgebrauch ignoriert und sich zuletzt sogar einem der schwersten Klavierstücke gestellt, der Ballade Nr. 1 g-Moll von Frédéric Chopin.

Erstmals hört er das Werk bei einer Übungswoche von Amateurpianisten in Südfrankreich. Dabei befällt ihn ein rätselhaftes Virus, das den Wunsch, dieses Stück zu spielen, täglich dupliziert. Rusbridger nimmt eine gewaltige Plackerei auf sich. Tagsüber streitet er mit Julian Assange, dessen WikiLeaks-Dokumente er publiziert, und befreit einen entführten Reporter aus der Hand islamistischer Terroristen. Doch pünktlich zum Morgentau, zum Abendrot oder unterm Vollmond setzt er sich ans Klavier, unterwirft sich der Ballade, quält sich mit aberwitzigen Trapezstellen, höllischen Arpeggien, fiesen Tonleitern, mörderischen Oktaven.

Und wenn es nur 15 Minuten sind, die er Zeit findet! Zugleich bekämpft er seine Unfähigkeit, auswendig zu spielen. Die droht ihm den Erfolg zunichtezumachen: Wie soll die linke Hand treffsicher quer über die Klaviatur springen, wenn er die Nase nicht aus den Noten bekommt? Jedenfalls feuern ihn zwei Fernziele an: Genau ein Jahr später will er die Ballade bei dem Kursus in Südfrankreich selbst spielen, egal, in welchem Tempo – Hauptsache, mehr richtige Töne als falsche. Und das Protokoll seiner täglichen Etüden will er als Buch herausbringen.

Play it again, das ist nun die Geschichte vom Zauberlehrling, der sich sehenden Auges in Chopins Nordwand begibt. Das Buch beschert uns einen wundervollen Einblick in das Leben eines Unverzagten, der die Wandlung vom Teamplayer in der Redaktion zum Einzelkämpfer vor den 88 Tasten wie einen Rückzug ins Paradies genießt. Dort drohen allerdings die Gärten zu verdorren, wenn er mal über drei Tage hinweg zu Vorträgen in Manchester weilt und kein Klavier in der Nähe ist.

Ausgerechnet der gemeingefährliche Chopin hilft ihm, ausgeglichen zu sein

Doch auch wenn Sisyphos Rusbridger wieder von vorn anfangen muss, sammelt er schöne Erkenntnisse: "Wenn es mir gelang, vor der Arbeit zwanzig Minuten am Klavier zu verbringen, dann hatte ich das erhebende Gefühl, die Chemie meines Gehirns verändert zu haben." Sein Kopf sei danach "wie gefestigt", gänzlich bereit für alles, "was die nächsten zwölf Stunden bringen würden". Mit dieser Zeit in der Redaktion, wir sagten es schon, kommt er fast nie aus. Er hat "einen dieser Jobs, die sich unendlich ausdehnen bis an die Grenze der Zeit und dann überlaufen".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 23.12.2015.

Ausgerechnet der gemeingefährliche Chopin hilft ihm, "ausgeglichener zu werden". Zwischen abendlichem Seitenumbruch, einem Meeting über das Entführungsrisiko von Reportern in Afghanistan und einem scharfen Leitartikel zu einer Telefonabhöraktion der britischen Regierung hilft Chopin seinem Rusbridger, die Nerven zu bewahren. Zugleich pflanzt er dem Gehirn ein paar neue Kabel ein, welche die musikalische Lernfähigkeit verbessern. Die Prominenz als Chefredakteur kommt dem Hobbypianisten Rusbridger zupass: Wenn er bei Empfängen Großpianisten wie Alfred Brendel oder Murray Perahia begegnet, lässt er sich aufbauende Tipps für die Ballade zustecken.

Es sind nicht nur die Töne, die Rusbridger, der hingebungsvolle Laie, anfangs bloß in Zeitlupe auf die Reihe bekommt. Auch für die brandigen Gefühle dieses Stücks, in dem viel politische Revolution der Zeit und Entbehrungen des Polen-Flüchtlings Chopins stecken, muss Rusbridger den Schlüssel finden – etwa in Takt 92, wo sich "die Stimmung wieder ändert und die Temperatur im Verlauf weniger Töne um mindestens zehn Grad sinkt". Später, in Takt 194, gerät der "Herzschlag unter Adrenalin". Anderswo, jetzt wieder pure Achterbahn-Technik, muss die rechte Hand "wie auf Autopilot spielen", denn die Sprünge der linken Hand sind abermals eklig.

Doch alle diese schaurigen Passagen – das sagen auch seine Bürokollegen – helfen Rusbridger, ein zugänglicher Chef zu bleiben. Ohne die Ballade fiele seine Einschätzung der eigenen Kaste wohl auch zu seinen Ungunsten aus: "Nur wenigen Chefredakteuren gelingt es, einigermaßen normal zu bleiben und einen Sinn für die Verhältnismäßigkeit ihrer eigenen Arbeit zu behalten und für das, was sie von anderen verlangen."

Irgendwann ist Rusbridger übers Schneckentempo hinaus, seine Lehrer spornen ihn an, seine Finger besitzen längst ein "geografisches Gefühl", wo sie sich auf der Klaviatur befinden. Von den Noten hat er sich auch gelöst. Dann kommt der Tag, an dem Alan Rusbridger in einem südfranzösischen Wohnzimmer vor den anderen Kursteilnehmern nackt dasteht wie Adam vor dem Apfelbaum. Jetzt hilft es nichts, er muss da durch. Zwischenzeitlich wird ihm schwarz vor Augen, die Glieder zittern, Panik überrollt ihn, er vergeigt einige Takte – aber dann bringt er die gefürchtete Ballade Nr. 1 g-Moll von Frédéric Chopin sicher bis ans Ende. Triumph!

Vor einigen Monaten ist Alan Rusbridger als Chefredakteur zurückgetreten. Daheim im Garten hat er sich einen Musikpavillon bauen lassen. Da sitzt er jetzt ganze Tage und übt. Wie man es am besten anstellt, dass man möglichst viel davon behält und beim Tiefflug über die Tasten nicht die Ruhe verliert, auch darüber belehrt sein uneitles Buch wundervoll. Nebenbei entwirft es eine Methodik des Lernens, mit der jeder Mensch zu besseren Ergebnissen kommt – nicht nur am Klavier, sondern auch als Chefredakteur.

Alan Rusbridger: Play it again. Ein Jahr zwischen Noten und Nachrichten; aus dem Englischen von Simon Elson und Kattrin Stier; Secession Verlag, Zürich 2015; 479 S., 25,– €