Ich kenne die Frau nicht. Ich habe sie nie gesprochen. Nicht ihre Katze vorm Lkw gerettet. Nicht ihr Geschäft vor der Pleite bewahrt. Ich habe ihr lediglich im Netz eine Kaffeedose abgekauft. Und doch gibt sie sich begeistert: "Alles superspitze!!!!!!!!! 1.000 Sterne für Dich!!!!!!!!!".

Oder die Frau, bei der ich online eine Lampe erstanden habe. Am nächsten Tag habe ich das Geld überwiesen. In meiner Bewertung steht aber nicht "bezahlt pünktlich". Sondern "suuuuupppperschnnnelll". Als hätten der Frau vor lauter Glück beim Tippen die Finger gezittert. Bei Facebook ist es auch nicht besser. Die Cousine fährt nicht in den Urlaub. Sie fährt in den "Urlaub!!!". Später liken ihre Freunde dann jede krumme Palme vor trübem Meer.

Das Internet macht uns zu Übertreibern. Viele tun so, als hüpften sie ständig vor Freude auf und ab. Wir erleben gerade, wie Soziale Medien zu Instrumenten der Wut werden. Es gibt aber auch das andere Extrem: eine Zuckerwattewelt der ständigen Verzückung. Smileys werden darin so wahllos verteilt, dass es selbst ihrem Erfinder zu viel wird: Sie "verschmutzen alle Kommunikationskanäle der Welt", klagte unlängst der amerikanische Informatiker Scott Fahlman. Am meisten genutzt wird dabei laut einer Studie nicht etwa das grinsende Standardsmiley, sondern eins, das sich vor Lachen kaum halten kann und Freudentränen vergießt.

Wer nicht als Griesgram gelten will, muss mitjauchzen. Schließlich reicht es nicht, die Babys auf den Facebookfotos alter Klassenkameradinnen "süß" zu nennen. Alles unter "meganiedlich!!!" gilt fast als Beleidigung. Auch bei Hundewelpen, Wellensittichen und selbst gestrickten Kindermützen.

Ich will aber nicht jede struppige Katze bejubeln. Oder mir überlegen, wie ich diese Beutel für den Windeleimer lobe: "Tolle Passform"? – "Hauchzartes Plastik"? – "Die Windel hat sich sehr wohlgefühlt"? Ich will auch kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich ein Hotel als "okay" bewerte, weil es eben genau das war. Wo sind die Zwischentöne hin? Die Abstufungen? Warum gebärden wir uns im Internet, als wären wir selbst alle Smileys?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 23.12.2015.

Bei Geschäften, etwa auf eBay, mag schlichtes Kalkül dahinterstecken: Ich lobe den anderen, damit er nicht meckert, wenn Omas Vase schlecht verpackt war oder das Paket mit der Schallplatte lange gebraucht hat. Doch wir sind auch dann überschwänglich, wenn es uns gar nichts nützt. Zu der Frau aus Rio, mit der wir vor Jahren mal ein Hostel teilten und die wir außerhalb von Facebook oder Instagram wohl nie mehr treffen werden. Zu der Kneipe ums Eck, die uns wohl kaum Freibier spendieren wird, nur weil wir bei Yelp die Schaumkronen dort preisen.

Das hat mit unserem Selbstbild zu tun. Wir gefallen uns in der Rolle eines Menschen, der sich generös mitfreut – an neuen Lovern, neuen Jobs, an Dschungeltouren und Foodies vom Sechs-Gänge-Menü. Selbst wenn wir gerade mit Butterbrot im Büro sitzen, hinter Aktenbergen schwitzen und eigentlich das empfinden, was Hanna Krasnova, Social-Media-Forscherin an der Berliner Humboldt-Universität, als eine Grundstimmung der Facebook-Nutzer ausgemacht hat: Neid. Es heuchelt sich leicht, wenn man dabei niemandem in die Augen schauen muss.

Manchmal soll die Euphorie im Netz auch über Lieblosigkeiten hinwegtäuschen: etwa darüber, dass man sich nicht die Mühe macht, die alte Freundin zum Geburtstag anzurufen. Stattdessen postet man einen Gruß, rasch dahingetippt an der Bushaltestelle.

Oft soll auch ein Wirgefühl herbeigejubelt werden. In Eltern- oder Haustierforen blüht der Kitsch: Da heißt der Embryo dann "Bauchzwerg", gezeugt durch "herzeln". Und der greise Hunderüde stirbt nicht, er "geht über die Regenbogenbrücke". Eine Gemeinsamkeit – Mutter sein, einen Labrador halten – wird überbetont und emotional aufgeladen. Das kaschiert, wie fremd man sich sonst ist und im Grunde auch bleiben möchte.

Klar, dass dabei gerade das Ausrufezeichen eine Netzkarriere hinlegt: Es ist die Dramaqueen unter den Satzzeichen. Es reicht ihm nicht, einen Satz einfach nur zu beenden. Es bläst sich auf. Schreit einen an, mal klagend, mal jauchzend. "Mit einem Ausrufezeichen macht ein Schreiber sich wichtig: ›Guck mal da! Ich verkünde dir etwas Großartiges!‹ Er möchte sich aus der Masse abheben", sagt Ursula Bredel, die an der Uni Hildesheim über Satzzeichen forscht. Dieses Bedürfnis sei im Netz besonders groß. Denn da gehe der eigene Beitrag leicht in der Masse unter.

Ich verstehe das gut; es nervt trotzdem. Ich werde nicht gern angebrüllt. Ich fühle mich veralbert, wenn mir jemand brisante News verspricht. Und dann nur mit "Frida hat Husten!" aufwartet. Oder wenn ich denke: Der Absender ist zu faul, um griffig zu formulieren. So, dass seine Worte von sich aus Eindruck machen.

Etwas läuft schief, wenn alle sich mit den gleichen Mitteln von der Masse absetzen wollen. Wenn manche Posts inzwischen mehr Ausrufezeichen als Buchstaben enthalten. Wenn nur noch das hysterischste Smiley wahrgenommen wird. Wer alles toll findet, kann nicht mehr gewichten. Wenn wir jeder Urlaubsbekannten virtuell um den Hals fallen – was bleibt für die enge Freundin? Wenn jeder lahme Eintrag "genial" ist – wie zeigt man, dass einem etwas wirklich gefällt?