"Was man 65 Jahre macht, macht man so lange, bis man die Augen zumacht", sagt er und geht in seinen Garten, geht in ein Häuschen, das stand, bevor sein Haus stand, in dem er wohnt mit Inge, seiner Frau. Er öffnet die Tür des Häuschens, das man Schlag nennt, hebt die Stimme, sehr sacht, sehr sanft, als spräche er mit einem Kind, spricht Worte, die eher herb sind: "Ja wat denn, ja wat denn?" Heinz-Willi Ritz begrüßt seine Tauben, und die Tauben gurren und flattern, Heinz-Willi Ritz lacht: "Ja wat denn?"

Vor 65 Jahren war Ritz ein kleiner Junge, er fuhr mit dem Fahrrad durch die Straßen in Jüchen am Niederrhein, unter der Erde lag Kohle, Tagebau Garzweiler. Heinz-Willi saß auf dem Sattel, und auf die Stange hatte er ein Hühnchen gesetzt, aber er träumte davon, eine Taube zu haben. Tauben, sagt er, wollte er schon immer haben, und da wo Tauben waren, wollte er hin.

Aber Bub, du musst lernen, sagte der Vater, mit Tauben kannst du dich nicht konzentrieren.

Bub, hier hast du ein paar Tauben, sagten Verwandte, und der Junge nahm sie und versteckte sie auf dem Heuboden, er fütterte sie, nur fliegen ließ er sie nicht, denn der Vater sollte ja nichts wissen.

Heinz-Willi Ritz ist nun 76, und inzwischen wissen sogar Menschen in Holland, Belgien, Thailand, Taiwan und China von ihm und seinen Tauben. In Asien, da nennen sie ihn Mister Heinz, den Mann, dessen Tauben über Berge klettern können.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 23.12.2015.

Inge, seine Frau, sagt: "Für die Tauben ging alles Gesparte weg, er brauchte ja nichts, alles war nur für seine Tauben."

Heinz-Willi sagt: "Wenn ich mal essen ging, dann habe ich mir das Billigste genommen, das Essen für die Tauben war mir nie teuer genug."

Inge sagt: "Aber wir haben nicht gelitten, erst kriegte ich einen Wohnzimmerschrank, damit ich nicht meckerte, und dann fuhr er nach Belgien."

Nach Belgien fuhr Heinz-Willi Ritz, weil dort die Brüder Janssen wohnten. Die Familie ließ seit 1884 Tauben fliegen, und man sagte, sie hätte die besten, selbst über den Zweiten Weltkrieg hielt sie 50 am Leben. Ritz sparte, um sich eine Janssen-Taube leisten zu können.

In den Sechzigern holte er eine nach Jüchen, 350 D-Mark.

In den Siebzigern eine weitere, 750 D-Mark.

In den Achtzigern dann, als Ritz hierzulande längst bekannt war und seine Tauben längst begehrt waren, weil sie so gut flogen, war er es, der viele seiner Tauben verkaufte – auch nach Asien. Für eine bekam er 20.000 D-Mark und für eine andere 75.000, viele Jahre lang sei sie die teuerste Taube der Welt gewesen, sagt Ritz.

Inzwischen wurde ein neuer Rekordpreis für eine Taube aus Europa gezahlt: 310.000 Euro gab ein Chinese aus. Die Taube heißt Bolt, benannt nach Usain Bolt, dem Rekordsprinter. Heinz-Willi Ritz hat mit dem Verkauf von Bolt nichts zu tun, aber er ist der, der mit dem Verkaufen anfing: der Erste, der Tauben von Europa nach Asien brachte.

So beginnt mit Heinz-Willi Ritz und seinen Tauben eine Geschichte, die keine verstaubte Erzählung über ein altes Hobby in einem alten Deutschland ist. Sie spielt nicht nur in Orten wie Jüchen, und ihre Protagonisten sind nicht nur alte Züchter, es sind junge Unternehmer aus Belgien und Superreiche aus China. Sie machen die Geschichte zu einer modernen, zu einer, in der sich zeigt, wie die europäische Taube, so wunderlich es sein mag, ein Produkt des Weltmarkts wurde. Salopp gesagt: Die Brieftaube machte Karriere – sie hob ab. Wie das kam, wird hier erzählt, es beginnt ganz bodenständig, bei Heinz-Willi Ritz in Jüchen.

Ritz ist Kaufmann, gelernter, aber keiner, der um die Welt reiste. Gemeinsam mit Inge hatte er einen kleinen Lebensmittelladen im Dorf. Er stand nachts auf, fuhr auf den Großmarkt nach Düsseldorf, fuhr zurück zu den Tauben, gab ihnen zu essen, ließ sie ihre Runden fliegen, ging in den Laden und nach Feierabend in den Taubenschlag, wieder ließ er sie fliegen. Sie trainierten für das Wochenende, denn die Wochenenden, jedenfalls die von April bis September, gehörten den Tauben, schon immer. An Urlaub ist da nicht zu denken.

An Wochenenden ist es seit Jahrzehnten bei Heinz-Willi und Inge Ritz wie an diesem Samstag, 13. Juni 2015, Flugtag, Strecke: 560 Kilometer. Es regnet, kein gutes Flugwetter, Wind von Nord, Nordwest. Rückenwind haben die Tauben erst ab Aachen, das hat Ritz gleich in der Früh im Internet nachgeschaut. Nun sitzt er in seinem Wohnzimmer auf dem Sofa, trägt Socken in Sandalen, Jeans, kariertes Hemd. Auf dem Tisch liegen die Zeitschrift Die Brieftaube und Inges Strickzeug.